Deshalb sollte man sich um sie bemühen, freundschaftlich mit ihnen verbunden sein, ein privates analoges Netzwerk mit ihnen aufbauen. Man sollte die Nachbarschaft entsprechend pflegen, der Leser weiß, wie ich das meine.
Das habe ich versucht, seit ich hier wohne, das ist allerdings noch keine 4 Jahre. Als Fremder in einem Dorf, wo alle mehr oder weniger miteinander verwandt sind, eine anspruchsvolle Aufgabe. Doch ich war immer aufgeschlossen und kommunikativ, das sollte also kein Problem sein. Außerdem bin ich gebürtige Schwäbin in diesem schwäbischen Dorf – Bingo!

Mit den Nachbarn gegenüber ging das bis Corona ganz gut. Es war nett, man hat einander kennengelernt und einander geholfen. Sie sind schon etwas älter und benötigen oftmals meinen Mann. Zum Renovieren der Dachgaube, zum Reparieren des Tonbandgerätes, immer wenn das Notebook oder der Drucker nicht funtionieren, beim Reifenwechsel und dergleichen. Danach sitzen die Männer beim Bier, manchmal darf ich auch dazusitzen. Mit der Dame ging ich etwa 2 mal die Woche gemeinsam spazieren in der Umgebung. Sie lud manchmal danach zum Tee, ich lud zu den Geburtstagen, wir sangen ihnen morgens an deren Geburtstagen ein Ständchen mit Gitarre.
Schön wars, bis Corona kam. Jetzt geht die Nachbarin nicht mehr mit mir spazieren, das Ständchen wird draussen vor dem Fenster gesungen, nur mein Mann darf rein, wenns was zum Helfen gibt.

Die anderen Nachbarn, zur Strasse hin, die haben nie wirklich mit mir geredet, doch gegrüßt hat man einander schon. Bis Corona. Dann war plötzlich Ende mit Gruß. Sie drehen sich weg, wenn ich des Weges komme, bei zufälliger Begegnung erwidert man meinen Gruß trotzdem nicht. Man schweigt. Ob das daran liegt, dass ich viele Monate einen Aufkleber auf meinem Auto hatte? „Nachruf: Wir trauern um unsere Grundrechte. Sie wurden plötzlich und unerwartet von uns genommen. Wir vermissen sie sehr. März 2020“

Die Nachbarn, die unter uns wohnen, das ist speziell. Mein Mann spielt Posaune. Bis Corona auch im örtlichen Posaunenchor. Jetzt allerdings übt er nur allein für sich. Wegen der Maßnahmen. Wegen der Aerosole. Das macht er, falls er da ist, falls er nicht gerade für einige Wochen auf See ist oder sonstwie unterwegs, eine halbe Stunde pro Tag. Das gefällt dem Herrn nicht. Es ist nicht nach seinem Geschmack. Seinen Musik – Geschmack kenne ich, er ist wirklich sehr anders, und er beschallt mich oft und ausgiebig in entsprechender Lautstärke. Das gab jedenfalls Streit und führte zu einer Art Psychoterror, wenn mein Mann übte. Gespräche und die Frage nach einer angenehmeren Uhrzeit fruchteten nichts. Er verstand auch nicht wirklich, dass die Herzschmerzmusiker, von welchen er selber so gern beglückt wird zu jeder Tages- und Nachtzeit in voller Lautstärke, immerhin auch üben müssen. Der Terror blieb, und auch hier: es wird nicht mehr gegrüßt, nicht mehr geredet, es ist vergiftet im Haus. Momentan bauen sie aber ein Eigenheim. Wer weiß, was nachkommt.

Zur anderen Seite hin wird ein Pool gebaut. Seit Mai 2020. Vornehmlich zu Zeiten, wo normalerweise nicht gebaut wird, wenn also Nachbar und Helfer und handwerker Feierabend haben: vom Spätnachmittag bis weit in die Nacht unter der Woche, an Wochenenden und Feiertags gern ganztags von 8 Uhr etwa bis abends. Mittagsruhe wird nicht beachtet, das heißt, doch, eigentlich schon, sie essen in der Regel gegen 14 Uhr. Da ist dann kurz Ruhe. Da ist aber meine Mittagsruhe schon vorbei, untermalt von Beonmischer, Steinsägen, Holzsägen, Bohrmaschinen, Kreißsägen, Rüttler. Die Herren tragen Gehörschutz. Doch ich habe keinen Gehörschutz, auch nicht für meine kurzen Versuche, auf meinem Balkon zu sitzen.

Es gibt auch eine Gartenhütte dazu, zum Pool. Häuschen mit betonierter Terasse. Und zum Pool gibts alles, was ein Pool haben muß: Beleuchtung, Dusche, rundum Bepflanzung mit diversen Gräsern und Palmen, welche abends beleuchtet werden. Das passt zu den vielen Thujapflanzen, die sie in Töpfen haben und die auf deren Betonterasse am Haus und ums Haus rum stehen. Es ist jetzt alles zu dort unten, entweder mit Beton oder mit Betonsteinen oder mit anderen Steinen. Da wächst nichts mehr. Nur dort, wo der Hasenstall ist, eigentlich ist es eher eine Hasenvilla, da ist noch ein wenig was Grünes. Momentan werden Steine zurechtgesägt, damit man den ganzen restlichen Platz rund um den Pool damit abdichten kann, sonst wächst da ja was.

Heute hat er wieder seine Wumme draußen und hört seine Lieblingsmusik. Ok, sie ist nicht ganz so entsetzlich wie jene, die der Posaunenverächter mag, ich bekomme wenigstens keine Zahnschmerzen davon. Doch ihm gefällt nicht alles, was da so kommt. Zwischedurch ruft er: „Alexa! Weiter!“ dann beginnt ein neues Lied. Er ruft so lang „Alexa! Weiter!“, bis was richtig gutes kommt. Für ihn jedenfalls.

Ich bin etwas ratlos. Ich weiß nicht so recht, wie ich mich jetzt mit diesen Nachbarn vernetzen soll. Ok, es gibt ja mehrere Dörfer umzu. Mein Mann und ich, wir waren ja musikalisch aktiv. Vor Corona. Er war im Posaunenchor und wir beide waren in 2 Kirchenchören, gemeinsam. Wegen der Integration. Wegen der Freude am Singen und am Musizieren. Wegen der Freude, andere Menschen kennenzulernen, mit anderen Menschen zu sein. Seit Corona ist Schluß. Gibt es nicht mehr. Und die anfänglich Hoffnung machenden netten Kontakte durch diese Chöre, welche gar schon annähernd freundschaftlich wurden, waren plötzlich tot. Wir sind sozusagen für die Mitwelt gestorben oder zumindest gehören wir wohl zu den Unberührbaren.

Wir haben es wohl falsch gemacht, mein Mann und ich. Jetzt haben wir den Dreck. Strafe muß sein.

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