Gastbeitrag von Clarissa Pinkola Estés, gefunden in den inzwischen fast 2.000 guten Wünschen für Michael Ballweg, siehe gestriger Artikel.

Die Psychoanalytikerin und „Cantadora“ Clarissa Pinkola Estés hat voriges Jahr einen Brief an eine junge Aktivistin geschrieben, der ebenso ermutigend wie wegweisend ist:

„Meine liebe Freundin,

lass den Mut nicht sinken. Wir wurden für diese Zeiten gemacht.

Ich habe dieser Tage von so vielen gehört, die zutiefst verwirrt sind. Sie machen sich Sorgen über den derzeitigen Stand der Dinge in unserer Welt. Es stimmt, man muss wirklich starke „Eier“ und Ovarios, „Eierstöcke“, haben, um vieles von dem, das in unserer Kultur heutzutage als „gut“ durchgeht, auszuhalten. Völlige Missachtung dessen, was die Seele als höchst wertvoll und unersetzlich ansieht, und die Korruption grundsätzlicher Ideale wurden auf einigen großen Bühnen der Gesellschaft zur „neuen Normalität“, zur Groteske der Woche.

Es ist schwer zu sagen, welche dieser Ungeheuerlichkeiten die Welt und die Lebensanschauungen der Menschen mehr erschüttert hat. Wir leben in einer Zeit, in der uns fast täglich die Kinnlade runterfällt vor Verwunderung und oft genug aus berechtigtem Zorn über den aktuellen Verfall dessen, was zivilisierten, visionären Menschen am meisten am Herzen liegt. Du hast Recht mit Deiner Einschätzung. Ruhm und Überheblichkeit, die manche Leute anstreben ungeachtet dessen, was sie dabei Kindern, Älteren, jedermann und jederfrau, den Armen, den Ungeschützten, den Hilflosen Abscheuliches antun, rauben einem dem Atem.

Gib die Hoffnung nicht auf

Und doch ermahne ich Dich, ersuche ich Dich sanft: Bitte verausgabe Deinen Geist nicht mit Klagen über diese schwierigen Zeiten. Insbesondere: Gib die Hoffnung nicht auf. Denn tatsächlich wurden wir für diese Zeiten gemacht.

Ja. Über die Jahre hinweg haben wir uns durch Lernen und Üben darauf vorbereitet und nur auf genau diese Anwendung für unser Engagement gewartet. Ich kann Dir nicht oft genug sagen, dass wir definitiv exakt die Führungspersonen sind, auf die wir gewartet haben, und dass wir von Kindheit an für just diese Zeiten gefördert wurden.

Ich bin nahe der Großen Seen aufgewachsen und erkenne ein seetüchtiges Schiff auf den ersten Blick. Übertragen auf wache Seelen gab es noch nie fahrtüchtigere Schiffe auf den Wassern, als es sie gerade jetzt auf der ganzen Welt gibt. Und sie sind komplett ausgestattet und in der Lage, wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit, Kontakt miteinander aufzunehmen.

Du bist bestens gerüstet!

Ich würde gerne für einen Moment Deine Hände halten und Dir versichern, dass Du gut gerüstet bist für diese Zeiten. Trotz Deiner großen Zweifel, Deiner Frustrationen beim Geraderücken all dessen, das jetzt gerade verändert werden muss, oder wenn Du sogar das Gefühl hast, dass Du die Orientierung völlig verloren hast, hast Du die nötigen Mittel. Du bist nicht allein.“

„Blicke hinaus über Deinen Bug: Dort sind Millionen rechtschaffener Seelen mit Dir zusammen auf dem Wasser. Tief in Deinen Knochen wusstest Du immer schon, dass dem so ist. Selbst wenn Deine Außenplanken in diesem stürmischen Aufruhr bei jeder Welle erzittern, versichere ich Dir, dass die langen Hölzer, die Deinen Bug und Dein Ruderblatt bilden, aus einem sehr großen Wald kommen. Dieses langfaserige Holz ist bekannt dafür, dass es allen Stürmen trotzt, zusammenhält, sich behauptet und stetig weiter vorankommt.

Wir haben uns für solch dunkle Zeiten wie diese vorbereitet, und zwar von dem Tag an, als wir einverstanden waren, zur Welt zu kommen. Jahrzehntelang wurden weltweit Seelen wie die unseren unablässig und auf vielerlei Art und Weise zu Fall gebracht und für tot erklärt – niedergestreckt durch Naivität, durch Mangel an Liebe, durch plötzliches Erkennen der einen oder anderen tödlichen Sache, durch nicht rechtzeitiges Erkennen einer weiteren Sache, im Extremfall dadurch, dass wir durch kulturelle und persönliche Schocks wie in einen Hinterhalt gelockt und überfallen wurden .

Wir alle haben eine lange Geschichte herber Enttäuschungen und tragen dieses Erbe in uns, doch bedenke ganz besonders auch dies: Wir haben aus der Notwendigkeit heraus in gleichem Maße die Gabe des Wiederaufstehens perfektioniert.

Sturmerprobt und Seetüchtig

Immer wieder waren wir der lebende Beweis dafür, dass das, was ausgestoßen wurde, zum Untergang oder Scheitern verurteilt war, zu neuem Leben erweckt werden kann. Dies dient den darniederliegenden Welten um uns herum als ebenso wahre und starke Prognose, wie es einst für unser schwerverwundetes eigenes Selbst galt.

Wir sind nicht unverwundbar, doch hilft uns unsere Lust am Lachen, jenen Zynikern ins Gesicht zu lachen, die sagen „einmalige Chance!“ und „Geschäft geht vor Gnade!“ und andere Beispiele komplett fehlender Seelen-Wahrnehmung. Dies, wie auch die Erfahrung, dass wir mindestens einmal eine Fahrt „zur Hölle und wieder zurück“ überstanden haben, macht uns garantiert zu einem tauglichen Schiff. Auch wenn Du das selbst nicht glaubst, ich versichere Dir: Du bist ein solches.

Auch wenn Dein klägliches Ego die Größe Deiner Seele anzweifeln will, so kann dieses kleinere Selbst nie auf Dauer das größere Selbst unterwerfen. In Sachen Tod und Wiedergeburt hast Du den gesetzten Maßstab etliche Male übertroffen. Vertraue dem Beweis aus jeder beliebigen der vielen Prüfungen und Proben, die hinter Dir liegen, nämlich: Stehst Du noch? Die Antwort lautet: Ja! (und hier lasse ich jegliche Zusätze wie „gerade mal so“ nicht gelten). Wenn Du immer noch aufrecht stehst, mit zerrissenen Fahnen oder auch ohne, dann hast Du alles nötige Können. Du hast die Latte übersprungen. Und sie sogar höher gelegt. Du bist see-tüchtig.“

Setze die Segel!

„Jede dunkle Zeit birgt die Verlockung, in eine Ohnmacht zu sinken, um sich auszuklinken aus einer Welt, in der so viel falsch läuft oder reparaturbedürftig ist. Fokussiere Dich nicht darauf. Mach Dich nicht selbst krank durch Überforderung. Es besteht die Gefahr, Dich selbst zu schwächen, indem Du Dich auf etwas versteifst, was außerhalb Deiner Möglichkeiten liegt, etwas, wofür die Zeit noch nicht reif ist. Fokussiere Dich nicht darauf. Denn das hieße, den Wind verstreichen zu lassen ohne Segel zu setzen.

Wir werden gebraucht. Das ist alles, was wir wissen. Und obwohl wir dabei auf Widerstände stoßen, treffen wir in noch größerem Umfang auf große Seelen, die uns freudig begrüßen, die uns lieben und leiten, und wir werden sie in dem Moment erkennen, wenn sie in unserem Leben auftauchen.

Hast Du nicht gesagt, Du seist ein gläubiger Mensch? Hast Du mir nicht gesagt, Du habest fest versprochen, auf eine Stimme zu hören, die größer ist als Du? Hast Du nicht um Gnade gebeten? Hast Du vergessen, dass Du diese Gnade nur erlebst, wenn Du Dich dieser größeren Stimme unterwirfst? Du hast alle Ressourcen, die Du brauchst, um auf jeder Welle zu reiten, um aus jeder Tiefe wieder aufzutauchen.

Volle Kraft voraus

Um es in der Sprache der Piloten und Seeleute auszudrücken: Jetzt heißt es für uns „volle Kraft voraus!“ Begreife das Paradoxe: Wenn Du die physikalischen Kräfte eines Wasserstrudels betrachtest, siehst Du, dass dessen Randbereich sich weitaus schneller dreht als der innere. Einen Sturm zu besänftigen, bedeutet, dass man diesen Außenbereich beruhigten muss, um ihn dazu zu bringen, durch welche Ausgleichsmaßnahmen auch immer, langsamer zu drehen, sich geschmeidiger der Geschwindigkeit des inneren, deutlich weniger aufgepeitschten Kerns anzugleichen – so lange, bis das, was sich in diesem bösartigen Schlot hochgepeitscht hat, wieder auf die Erde zurückfällt, sich legt, wieder friedvoll ist.

Einer Deiner wichtigsten Schritte, um beim Beruhigen des Sturms zu helfen, besteht darin, dass Du Dich nicht von einem Gestöber überdrehter Gefühle oder Verzweiflung überwältigen lässt. Dadurch würdest Du dieses Wirbeln unwillkürlich nur noch mehr befeuern. Wir müssen nicht die ganze Welt auf einmal retten, sondern uns nur jenem Teil der Welt zuwenden, der in unserer Reichweite liegt, und dort mit Verbesserungen beginnen.

Jedwede kleine, gelassene Sache, die eine Seele tun kann, um einer anderen Seele zu helfen, um einem Teil dieser armen leidenden Welt beizustehen, wird immens helfen.“

Deine Seele ist das Leuchtfeuer

„Es ist uns nicht gegeben zu wissen, durch welche Taten oder welche Person die kritische Masse hin zu einem dauerhaft Guten kippt. Was benötigt wird für einen drastischen Wandel, ist eine Ansammlung von Taten: hinzufügend, dazu hinzufügend, noch mehr hinzufügend, unablässig. Wir wissen, dass es nicht „jedermann auf der ganzen Welt“ braucht, um Gerechtigkeit und Frieden herzustellen, sondern nur eine kleine, entschlossene Gruppe, die nicht aufgibt beim ersten, nicht beim zweiten, nicht beim hundertsten Sturm.

Eine der beruhigendsten und wirkungsvollsten Maßnahmen, mit der Du in eine stürmisch bewegte Welt eingreifen kannst, ist hinstehen und Deine Seele zeigen. Eine Seele an Deck leuchtet wie Gold in dunklen Zeiten.

Das Licht der Seele schlägt Funken, setzt Leuchtzeichen, entzündet Signalfeuer… bringt die passende Materie dazu, Feuer zu fangen. Die Seelen-Laterne zu sein in Zeiten voller Schatten wie diesen, fest entschlossen zu sein und Barmherzigkeit gegenüber anderen zu zeigen – bei-des sind Taten von immenser Tapferkeit und größter Notwendigkeit. Seelen, die um das Gute ringen, fangen das Licht anderer Seelen auf, welche voll entbrannt sind und bereit, dies zu zeigen. Wenn Du helfen möchtest, den Tumult zu beruhigen, dann ist dies eine der stärksten Dinge, die Du tun kannst.

Es wird immer Zeiten geben, wenn Du Dich mitten in einem Zustand von „Erfolg in greifbarer Nähe, aber noch nicht sichtbar“ entmutigt fühlst. Ich habe auch Verzweiflung sehr oft in meinem Leben erlebt, aber ich halte ihr keinen Platz frei; ich bewirte sie nicht. Es ist ihr nicht erlaubt, von meinem Teller zu essen.

Der Grund ist der: Tief in meinen Knochen weiß ich etwas, so wie Du auch. Nämlich dass es keine Verzweiflung geben kann, wenn Du Dich daran erinnerst, warum Du auf die Erde kamst, wem Du dienst, und wer Dich hierher gesandt hat. Die guten Worte, die wir sprechen, und die guten Taten, die wir tun, sind nicht unsere: Sie sind die Worte und Taten des Einen, der uns hierhergebracht hat.

In diesem Geiste, so hoffe ich, wirst Du Dir dies an Deine Wand schreiben: Wenn ein großes Schiff fest vertäut im Hafen liegt, ist es dort sicher, ganz ohne Zweifel. Aber: Das ist nicht das, wofür große Schiffe gemacht werden.

Dies hier kommt mit sehr viel Liebe und Beten, damit Du Dich darauf besinnst, von wem Du kamst und warum Du auf diese wunderschöne, bedürftige Erde kamst.“

Letter to a Young Activist During Troubled Times: Do Not Lose Heart, We Were Made for These Times“ is ©2020 by Clarissa Pinkola Estés, Ph.D., all rights reserved. Creative Com-mons License by which author and publishers grant permission to copy, distribute and transmit this particular letter under the conditions that use be non-commercial, that the letter be used in its entirety word for word, and not altered nor added to, not subtracted from, and that it carry author’s full name and this copyright notice in full.

Übersetzung: Gabriela Uhde.

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