Vielleicht gibt es so viele Weltbilder wie es Menschen gibt auf diesem Planeten. Entsprechend des eigenen Weltbildes, woher auch immer es kommt, wie auch immer es in einem entstanden ist, denkt man, spricht man, handelt man und gestaltet sein Leben. Ein jeder hat seine Beweise, seine Fakten, seine Sicherheiten und Erfahrungen, die dieses Bild nähren und pflegen. Kleinere Anpassungen oder Änderungen gibt es manchmal von Zeit zu Zeit, nicht bei allen, jedoch bei manchen schon, doch im Großen und Ganzen bleibt das einmal kontruierte Bild bestehen. Es scheint zur Identität geworden zu sein. Mein Weltbild, das bin ich. Sollte es nicht stimmen, in sich zusammenfallen, dann falle auch ich in mich selbst zusammen und werde mich in Nichts auflösen.

Weltbilder entstehen. Sie können produziert werden. Und die Menschheit wird erschüttert, stellt sich einmal etwas als grandioser Irrtum heraus, was die Grundlage allen Seins ausmachte, solange man „denken“ kann.

Die Erde ist eine Scheibe und am Ende des Großen Wassers sitzt ein Monster und frißt alle auf oder dort geht es tief hinunter in die Hölle. Doch dann war die Erde plötzlich rund. Und nun werden Stimmen laut, die auch das wiederum anzweifeln. Was, wenn die Erde nun doch nicht rund ist?

Der Mensch wurde von Gott oder den Göttern erschaffen. Später wußten Experten: der Mensch stammt vom Affen ab. Wieder später wußten andere Experten, der Mensch ist ein Zufallsprodukt aus einer Ursuppe, eine Laune der Natur, sinnlos und bedeutungslos. Zwischendurch hieß es: „Christus lebt!“, heute heißt es „Gott ist tot!“

Ich habe noch in der Schule gelernt, der Mensch ist das Produkt seiner Gene und alles ist da drin geschrieben, wie in Stein gemeißelt. Freiheit? Gibt es nicht. Es gibt nur das Programm der Gene. Dann hieß es aber, wofür es statistische Beweise gab von Wissenschaftlern, und dann muß es wahr sein: der Mensch ist das Produkt seiner Umwelt. Freiheit gibt es nun wieder nicht, die Umwelt definiert. Heute mag das wieder anders sein, ich bin im Moment nicht ganz auf dem Laufenden.

Außerdem habe ich in der Schule gelernt, alle Materie besteht aus Atomen. Es war zwar nur ein Atom – Modell, und ein Modell soll ja ein Modell sein und keine Tatsache, dann wärs ja kein Modell mehr. Doch das Modell war trotzdem Tatsache, dafür gab es die Note Eins! Es besteht aus Elektronen, Protonen und Neutronen. Später habe ich gehört, das soll so nicht ganz stimmen, es gab plötzlich Quarks und dann gab es noch Higgs oder sowas ähnliches, vielleicht war es auch umgekehrt. Tatsache! Inzwischen ist längst bewiesen, dass das alles auch nicht stimmt, denn man hat nichts davon irgendwie oder irgendwo wirklich gefunden, heißt es, es sei alles Energie, die im Raum umherflitzt und Materie gibt es gar nicht, das ist eine Illusion.

So vieles andere habe ich in der Schule gelernt, meinetwegen über Staatsformen, wie die Demokratie etwa, die beste von allen im übrigen, doch lassen wir das jetzt lieber. So mancher Geschichtsunterricht von damals kam mir immer wieder im Laufe meines Lebens in den Sinn, jedes mal dann, wenn es sich herauszustellen schien, dass es doch irgendwie ganz anders gewesen sein muß.

Meine jahrzehntelange „Laufbahn“ in medizinischen und naturwissenschaftlichen Bereichen lehrte mich, dass Wahrheiten spätestens nach 10 Jahren komplett überholt sind und zu Unwahrheiten geworden sind, weil es neue Wahrheiten gibt. Na ja, im medizinischen Bereich geht vieles nicht ganz so schnell, da gelten noch so manche Wahrheiten ganz so, wie vor dem Mittelalter. Andere allerdings ändern sich sogar in der Medizin innerhalb weniger Monate, wie ich kürzlich festgestellt habe.

Lange Rede, kurzer Sinn: nichts ist verläßlich. Doch wer was anderes behauptet als die aktuellste gesamtgesellschaftlich anerkannte Wahrheit ist des Teufels und muß, wie ein Schädling, eliminiert werden! Früher gab es Schaffott und Scheiterhaufen für all diese Ungläubigen, heute geht das anders, das Ergebnis ist dasselbe wie im Mittelalter und die momentan jeweils gültige Religion hat nur ein anderes Vorzeichen und andere Vokabeln bei denselben Strukuten und Dogmen wie ehemals.

Aber immerhin, das ist ja nichts Neues, Glaubensvorschriften gab es schon immer, so sagt die Geschichtsschreibung, und es hat ja fast keinem geschadet. Ja, gut, zwischenzeitlich gab es mal eine sogenannte Glaubensfreiheit, zumindest wurde davon geschrieben, das ist aber längst wieder vergessen. Heute jedenfalls gibt es wieder einen Glaubenszwang. Nein, ganz so ist es auch wieder nicht, es ist schließlich jedem freigestellt. Es gibt lediglich eine Empfehlung von welchen, die es ganz genau wissen. Jeder ist so frei, sich an diese Empfehlung zu halten oder auch nicht, mit den entsprechenden Konzequenzen eben. Und nein, in diesem heute gültigen Glauben geht es eben nicht um Gott, weil es den ja gar nicht gibt, wie jeder weiß, es geht lediglich um Fakten und die reine Vernunft.

Der Mensch ist eine Art biologisches System, ähnlich einer Pflanze, allerdings recht fehleranfällig, was man so nicht lassen kann in dieser schwierigen Weltsituation. Und nein, das Gerede von Körper, Seele und Geist ist geradezu lächerlich. Da bräuchte ich ja nur mal meine ehemaligen Kollegen aus der Pathologie oder die Präparatoren aus dem medizinischen Lehrsaal fragen, die in ihrer beruflichen Laufbahn zahllose Leichen seziert haben. Niemals haben sie dabei etwas entdeckt, was Seele oder Geist wäre. Und ganz so, wie man Pflanzen gentechnisch verändern kann, zum Wohl der Menschheit versteht sich, sollte man auch den Menschen verändern. So wie Pflanzen weniger anfällig gemacht werden können gegen Krankheiten und Schädlingsbefall, so kann man auch den Menschen mittels Chemie und Technik weniger anfällig machen gegen Krankheiten und etwa selbstschädigendem oder gesellschaftsschädigenden Verhalten.

Der Mensch, das muß man zugeben, wenn man sich in der Welt umschaut, ist einfach nicht reif genug. Allzuoft verhält er sich wie ein dummes kleines Kind. Da muß man wohlwollend und lenkend eingreifen, schon aus Nächstenliebe. Das ganze Gerede von menschenverachtendem Transhumanismus ist Quatsch. Wer will denn heutzutage leugnen, dass er längst mit Maschinen verschmolzen ist und sich nicht wirklich in vielem von einer Maschine unterscheidet.

Wer kennt es nicht, im Auto zu sitzen, ein „Gefühl“ für das Fahrzeug zu haben, ganz automat- isch, ohne zu denken, auf die kleinsten Reize zu reagieren: Blinker an, Blinker aus, mehr Gas, bremsen, Scheibenwischer, behutsame Korrektur am Lenkrad. Fragt man jemanden, wo er geparkt hat, ist die Antwort: „Ich stehe da hinten.“ Ich! Der Mensch steht direkt vor einem und sagt: Ich stehe da hinten.

Diese Maschinen versorgen wir so gut wie unsere eigenen Kinder, sie werden gefüttert, gehätschelt, gepflegt und optimiert. Wir reagieren auf unsere Maschinen so wie früher auf unsere Liebsten. Geben sie einen Ton von sich, reagieren wir unverzüglich mit unserer ganzen ungeteilten Zuwendung und Aufmerksamkeit. Schaut man sich um unter den Menschen, sieht man sie beieinander sitzen, jeweils ein jeder mit seiner Maschine beschäftigt. Sitzen sie zum Essen an einem gemeinsamen Tisch, wird eine evtl in Gang gekommene Unterhaltung sofort unterbrochen, wenn die Maschine in der Hosentasche oder neben dem Teller einen Ton von sich gibt. Ist das etwa nicht ein intimes Verhältnis, inniger als es 2 Menschen zueinander je nur sein könnten?

Manchmal, sehr selten, gehe ich nicht ans Telefon, wenn es klingelt. Meistens dann, wenn ich gerade die Arbeit nicht unterbrechen kann, mit der ich gerade beschäftigt bin. Oder weil ich ein echtes Gespräch führe mit einem echten real vorhandenen Menschen. Manchmal höre ich es einfach nicht, weil ich gerade im Keller oder einfach aus dem Hause bin, denn mein Telefon hat eine Schnur dran, und die steckt letztlich in der Wand. Manchmal, weil ich gerade keine Lust habe. Dann ruft das Telefon und rüttelt an mir. Ich habe schließlich die Pflicht, dem Ruf zu folgen. So wie ich die Pflicht habe, digital eingegangene Nachrichten sofort abzurufen oder wenigstens mehrmals täglich.

Neulich war ich zum Essen eingeladen. Es war nett. Und es hat geschmeckt. Und ich war dankbar. Und ich habe anschließend lange darüber nachgedacht. Es gibt dort ein Kerntemperaturmeßgerät mit Funk. Für den Braten. Dann wird er perfekt. So perfekt bekommt das nicht der beste Koch hin ohne technische Hilfe. Der Herd piept, wenn die Platte, die eigentlich keine Platte mehr ist, noch angeschaltet ist aber kein Topf drauf steht. Aus Sicherheitsgründen. Der Dunstabzug ist mit dem Licht über dem Herd verbunden. Und dieses System ist auch verbunden mit einem Sensor am Küchenfenster. Ist es geschlosssen, geht das Licht nicht an und der Dunstabzug auch nicht. Aus Sicherheitsgründen.

Eine Bekannte von mir traut sich nicht mehr, ihre geliebten Wachskerzen an ihren Christbaum zu stecken, oh, Verzeihung, man sollte nun doch Tannenbaum, Weihnachtsbaum, Jahres-End-Baum oder sowas sagen, siehe oben. Jedenfalls traut sie sich nicht. Wegen der Rauchmelder, die ja vorgeschrieben sind in jedem Raum. Auch aus Sicherheitsgründen. Sie hat jetzt eine elektrische Lichterkette. Die meisten Autos starten heute gar nicht mehr, wenn man nicht angeschnallt ist. Und wenn man startet, tönt sofort das Radio. Man kann es offenbar nicht ausschalten, nur ganz leise drehen. Offenbar, weil man Radio zu hören hat. Es ist nur zu deinem Besten! Einparken, ausparken, das geht mit Piep, gucken muß man nicht mehr. Die Innentemperatur kann exakt den Bedürfnissen entsprechend angepasst werden. Deshalb ziehe ich mich extrem warm an, wenn ich weiß, ich muß mit anderen Leuten in deren Auto mitfahren. Auch und vor allem im Sommer.

Man weiß erst, ob man gesund ist, wenn der Test einem das entsprechende Ergebnis mitteilt. Neulich habe ich gelesen, die Zahl der Bluthochdruckpatienten würde seit 30 Jahren kontinuierlich ansteigen in erschreckendem Umfang. Nun wurde natürlich der sogenannte Normwert für „normalen“, also gesunden Blutdruck seit 30 Jahren immer weiter hinuntergeschraubt, von unabhängigen Stellen, wohlgemerkt, es hat nichts mit den Angeboten der Pharmaindustrie zu tun. Deshalb die Empfehlung, regelmäßig zur Blutdruckkontrolle zu gehen, besser, man schafft sich ein handliches Gerät an und mißt zu Hause selbst, 3 mal am Tage, was dann in einer Tabelle notiert und beim nächsten Routinebesuch beim Hausarzt vorgelegt werden sollte.

Wäre es nicht viel praktischer, anstatt all die überflüssige Selbstdenkerei zu pflegen und sich zahllose kleine Alltagshelfer anzuschaffen, ohne welche es beim besten Willen heutzutage nicht mehr geht, den ein oder anderen Sensor und/oder Mini-Computer einbauen zu lassen, es tut auch gar nicht weh? Und wenn das eh der Lauf der Dinge in diesen Zeiten ist, warum zögern? Immerhin, man hat damit einen Vorsprung vor all jenen, die argwöhnisch darauf verzichten. Noch. Und in unserer Welt des Wettkampfes und der Konkurrenz ist es das einzig vernünfige, eine Nasenlänge voraus zu sein. Selbstoptimierung nennt man das seit einigen Jahren, und ohne das geht es halt nicht mehr. Sonst hängt man sich gewissermaßen selbst ab, wofür man dann auch bitte schön selbst zu zahlen hat.

Deshalb macht es Sinn, sich freudig zu fügen, sonst wird man sterben, und wer will das schon? Wie das endet, kann man in einer Art Spezialmuseum besichtigen. Dort liegt Ötzi. Ein Mann aus der Steinzeit, vielleicht war es auch die Eiszeit. Tot! Das hat er jetzt davon!

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