Heute ist alles anders. Die Sache mit der Kommunikation allerdings, die ist schon etwas länger anders. Schleichend kam das, glaube ich, also nicht so auf einen Schlag mit Pauken und Trompeten, so wie der Lockdown jetzt oder diese Diktatur. Das ging ja zuletzt doch rasant, kaum, dass man gucken konnte und kaum, dass das einer ahnen konnte, außer ein paar wenige, die wußten das schon vorher. Aber was ich eigentlich sagen wollte, es war ja gerade wegen diesem Lockdown, wegen dem ersten Lockdown meine ich, da habe ich es gemacht. Ich habe sogar meinen Mann vorher gefragt, ob er denkt, dass das überhaupt Sinn macht. Knapp und präzise, wie ein Mann eben ist, antwortete er: „Wenn du meinst.“

Löschen“ anstatt „Antworten“

Auf diese Weise ermutigt legte ich also los. Drei Tage lang suchte ich schöne Bilder und nahm meine Utensilien heraus, schnitt die Bilder zurecht, klebte sie auf farbigen Karton, schrieb aufmunternde und auch einige persönliche Worte dazu, rein ins Kuvert, Marke drauf, ab ging die Post. Ermutigungsbriefe an meine Freunde und Bekannten. Immerhin war es ja der erste Lockdown unseres Lebens. Keiner von uns war jemals zuvor inhaftiert. Das kannten wir nur aus dem Fernsehen, in Krimis, bei Verbrechern. Ganz früher, als ich die „taz“, also die Berliner Tageszeitung, noch ertragen konnte, gab es da so eine Aktion, Briefe an Gefangene zu schreiben. Deshalb fiel mir das wohl letztes Frühjahr ein. Ich dachte noch so, dass jetzt, wo alle eingesperrt sind und sicher Langeweile haben, sich freuen und dann der ein oder andere vielleicht, ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten, zurückschreibt. Oder mal kurz anruft. Oder ein Mail schickt. Ich hatte mich getäuscht. An andere Menschen schickte ich Aufmunterungs- Emails. Mit dem selben Ergebnis. Manche wagte ich auch anzurufen, also nicht bei vielen, nur wenige, ein kleiner Small-Talk und eine Verabschiedung, es wäre nett gewesen von mir zu hören, und sie würden sich demnächst wieder melden. Gut, es ist jetzt erst einige Monate her, das kann noch kommen, trotzdem war ich etwas vor den Kopf gestoßen. „Ich habs dir doch gleich gesagt“, sagte mein Mann. Aha.

Als das Jahr 2020 nicht mehr so ganz jung war und ich schon einiges an Informationen gefunden hatte, und mein Corona-Tagebuch schon 2 dicke Leitz-Ordner füllte, schickte ich das ein oder andere davon per mail an Freunde, von denen ich wußte, sie sind politisch interessiert, waren das eigentlich immer ein wenig, dachte ich, und sie sind auch in der Lage, Texte zu lesen und zu verstehen, da sie sonst ja auch sehr belesen sind. Und siehe da, es kamen Antworten, nicht so viele, genau genommen nur zwei, und kurz zusammengefasst kann man sagen: sie wünschten mir, dass ich wieder mehr Freude in mein Leben hineinlasse, mich mit den schönen Dingen des Lebens beschäftige und die ein oder andere Buchempfehlung für die „Seele“. Ich täte mir doch mit all dem echt nichts Gutes!

Freundin im Widerstand

Neulich allerdings, also gestern um ehrlich zu sein, rief mich doch tatsächlich eine Freundin an. Sie meldet sich etwa ein- bis zweimal pro Jahr bei mir, unabhängig davon, ob ich ihr schreibe oder sowas. Ich wußte von ihr, dass sie sich den Sommer über viel auf Demos aufgehalten hatte und es dort so toll fand. „So viele! Wir sind so viele. Das tut so gut. Die tollen Leute und die Musik….“ und dann die Helden auf den Bühnen, das war ihr wichtig, darauf hinzuweisen, dass sie diese Helden in echt gesehen hat. Das erinnert mich an meine Jugend. Was hab ich das überall rumerzählt, dass ich bei „den“ (!) Rolling Stones war, auf dem Konzert, und ich hatte natürlich auch Mick Jagger gesehen auf der Bühne und war maßlos beeindruckt. Aber das ist echt lang her und ich bin jetzt vom Thema abgekommen.

Gewalt nimmt zu, oder wird sie nur sichtbarer?

Jedenfalls ruft sie plötzlich an und wir quatschen ein wenig, wir haben ja beide Zeit. Es ist ja wieder Lockdown, Lockdown der Zweite. „Weniger los auf den Strassen zur Zeit, nicht wahr?“ frag ich da, nachdem ich ihr erzählt habe, dass es eigentlich für mich kein großer Unterschied macht, ob die dritte Lockdown-Verschärfung des zweiten Lockdowns kommt oder nicht. Denn bei mir auf dem Dorf bin ich eh in Dauerisolationshaft. Meine Familie ist ja wegen Corona-Glaube oder Unglaube weggebrochen und mein kompletter Freundes- und Bekanntenkreis ebenso, bis auf 3 Menschen, mit denen ich ab und zu Kontakt habe oder telefoniere und zwei bis drei Menschen, die zweimal im Jahr anrufen.

„Es ist mühsam“, sagt sie, „und die Polizeigewalt nimmt zu, an Häufigkeit und an Brutalität. Das ist jetzt so wie in den Filmen früher über die GESTAPO und solche Truppen. Nur dass früher keine Frauen dabei waren.“ Das ist etwas, was ich als einen großen Verrat empfinde: decken diese Frauen doch diese brutalen Kerle, damit die ihre widerlichen Gewaltverbrechen ausüben können ungestört und mittlerweile ungefilmt. Und vorwiegend gegen Frauen. Auch wie früher. Es hat sich seit dem Mittelalter nicht wirklich viel verändert. Und heimlich denke ich mir, wie das wohl ist, wenn diese Polizisten nach Hause kommen, nachdem sie erfolgreich und vorzugsweise zahllose Frauen mißhandelt haben, sogar Schwangere. Sind sie stolz, die Mütter und Ehefrauen? Was denken die sich dabei? Wie fühlen die sich dabei? Und wie fühlen sich die mißhandelten Frauen, auch wieder zu Hause, neben ihren Männern, die sie nicht beschützten, nicht verteidigten, weil es nicht erlaubt ist, das zu tun, die eigene Frau vor Bestien zu beschützen?

Gender oder nicht Gender, das ist die Frage

Wir reden über die Rolle der Frau, jetzt, in „Corona“: in der Coronapolitik, in der Corona – Schutz- Polizei und in der Corona – Bundeswehr, im Corona – Gesundheitswesen, in der Corona -Verwaltung. Wir sind uns nicht immer einig, aber das meinen wir beide doch ganz entschieden: die Frauen verraten die Höchsten Menschheitsideale und ihre Kinder und Kindeskinder auf ganzer Linie. Gut, wir wissen beide, dass die Männer das auch tun, aber darüber reden wir schon lang nicht mehr, ist eh klar. Aber jetzt das: die Frauen! Ich träume von Amazonen, die furchtlos und unerbittlich gen Berlin marschieren, nachdem sie ihre Kerle zu Hause in die Schuhe gestellt haben, ich träume von Weisen Alten, die in fast vergessener Hexenmanier bei Vollmond Flüche in die Welt senden an ganz bestimmte Personen oder Personengruppen, die darauf hin langsam aber stetig in sich selbst zusammenfallen, saft- und kraftlos dahinsiechen, um letztlich ganz allein, es ist ja Besuchsverbot, aus Schutz, ihren letzten Atemzug aushauchen. Amen.

„Darf man das eigentlich,“ fragt sie mich plötzlich, „so zu reden, also so, äh, naja, ich meine, solche Unterschiede zu machen zwischen Männern und Frauen, heute in dieser Genderzeit?“. Jetzt bin ich nun doch etwas aus der Fassung. Was soll ich sagen? Wer bestimmt, was jemand denken oder reden darf? Darf eine Frau über Weiblichkeit reden? Wo Weiblichkeit doch gerade erfolreich abgeschafft wird? Neulich kam eine Nachricht über einen digitalen Kanal, die „taz“ soll einem Artikel über geschlossene öffentliche Toiletten geschrieben haben, und dass dies für Frauen schwieriger sei als für Männer. Und nein, sie schrieben nicht „Frauen“, sie schrieben „Personen mit Gebärmutter“! Das ist kein Witz!

Ich antworte ihr, dass ich es verdammt nochmal erforderlich halte, dass Frauen darüber nachdenken, wer sie sind und was Weiblickeit bedeutet, abgesehen von Botox und neuer Frühjahrsmode, um den Männern zu gefallen. Vielleicht ist das ein Hauptgrund, weshalb alles so ist wie es ist und weshalb alles geradeso kommt, wie es von den Herrschaften für uns vorbestimmt ist. Nicht, dass mir Männer egal wären, das nicht gerade, denn ich bin überzeugt, dass Männlichkeit noch mehr Möglichkeiten hätte als immerzu mit brachialer Gewalt so viel wie möglich zu zerstören und sich so weit wie möglich vom Leben und der Liebe fernzuhalten. Sie sind einfach seit Jahrtausenden darauf sozialisiert, ihre schlechtesten Eigenschaften zu hätscheln und mit Proteinen aufzublasen. Bei Frauen scheint es leider ähnlich zu sein, nur umgekehrt irgendwie.

Weiber-Streik“

Wie wäre es denn, wenn die Hälfte der Menschheit einfach streikt und nicht mehr mitspielt? Diese ganzen Kerle, die kleinen Prügler und die kleinen Feiglinge ebenso wie die großen Strippenzieher, einfach nicht mehr „bedient“ und sitzenläßt? Sie würden einander brauchen, diese Frauen, wo sie doch seit Jahrtausenden Konkurrentinnen waren. Wegen der Kerle, unfassbar! Sie müßten sich an ihre weibliche Macht erinnern, an ihre Kraft, an die weibliche Solidarität. Sie müßten doch einfach nur füreinander das leben, was sie eigentlich in sich tragen, im Gegensatz zu anderen, scheinbar: Fürsorge, Zugewandheit, sowas eben. All das, was sich jetzt schlaue Experten ausdenken, welche Qualitäten die neue Menschheitsfamilie bräuchte, falls das alles mal vorbei sein sollte. Ganz neue Qualitäten, die die Menschheit erst noch zu lernen habe. Klar, muß man das lernen.

So ganz erkannt haben die Experten allerdings noch nicht, wo der Knackpunkt liegt:

Wie sollen gerade diejenigen, die uns seit Jahrtausenden in diesen Schlamassel getrieben haben, ausgerechnet jetzt die Lösungen denken können? Mit den gleichen Hirnen, die diese Probleme erschaffen haben? Nachdem sie die weibliche Weisheit fast vollumfänglich aus der Menschheit herausgeprügelt, gepfählt und verbrannt haben? Und das Ergebnis ist sichtbar, spürbar. Deshalb macht man sich jetzt Gedanken, wie man diejenigen Qualitäten der Menschheit beibringen soll, die man über so lange Zeit erfolgreich vernichtet hat. Und wer sich jetzt wohl anmaßt, der Lehrmeister diesbezüglich zu sein, denk ich mir am Rande. Ja, genau, aber das schreibe ich jetzt nicht hin. Als Frau hat man ja immerhin nett zu sein, leise, liebevoll, verbindend, gütig, alles, was mir die letzten Jahre, vor allem in 2020 ziemlich abhanden gekommen ist. Oder abhanden gekommen wurde, das triffts eher.

Wer das Wort hat, hat die Macht

Vielleicht sollten diese Experten mal mit ihren Frauen und Müttern reden, denke ich da gerade. Ja, das ist nicht ganz so einfach, das mit dem Reden, vor allem zwischen Mann und Frau. Meine Freundin hat mir da auch keinen Rat, sie sagt, das müsse ich doch immerhin besser wissen, ich wäre doch verheiratet und nicht erst seit gestern. „Die Frauen sollten von sich aus reden!“, meint sie frohlockend. Gute Idee, echt gut, denke ich und bitte sie, doch einmal darauf zu achten, wie das so in der „Widerstands – Szene“ ist. Auf den Bühnen, bei den Interviews, wer macht das Interview und wen läd er ein? Wie ist es mit der Anzahl der Artikel und wie verhält sich das bei all den digitalen Kanälen und so weiter? Welche Jobs machen vorwiegend Männer und welche machen vorwiegend Frauen? Wer waren denn ihre persönlichen Helden und Retter ein dreiviertel Jahr? Männlich? Weiblich?

Sie schweigt. Eigentlich wollte ich das nicht. Es ist mir rausgerutscht. Man soll nicht in Wunden bohren, die noch nicht mal halbwegs verheilt sind. Sie hat wohl gemerkt, dass keiner der Helden und Retter kam mit weißem Roß und wehender Fahne, um die Welt zu erlösen oder wenigstens Deutschland zu retten. Um das Thema zu wechseln, sag ich: „Ich hab jetzt einen Blog. Da schreibe ich, das ist ja so ähnlich wie reden. Er heißt „Hexen-Heuler“ und mein Mann hat ihn für mich eingerichtet.“ Sie lacht plötzlich schallend und meint, ich wäre irgendwie immer noch die gleiche, da sei etwas, was sich wohl niemals in meinem Leben ändern würde. Vielleicht hat sie recht. Wir versprechen uns gegenseitig, dass wir nicht aufhören zu reden, oder, in meinem Falle, zu schreiben. Obwohl ich auch rede. Soll keiner am Schluß sagen können, wir hätten ja nix gesagt. Dann werden wir antworten: „Wir haben viel gesagt, unser ganzes Leben lang haben wir geredet und gerufen, doch ihr wolltet nicht hören.“ Eigentlich hätte ich mir einen schöneren Schlußsatz gewünscht für dieses Gespräch. Aber es ist halt, wie es ist.

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