Ihre Augen leuchten feurig, ihre Barthaare beben, ansonsten ist sie reglos und still und schaut mich an.
In diesem besonderen Zwischenbereich vom Schlaf – zum Wachzustand bemerke ich fassungslos meinen Besucher. Herrgott, es ist nicht einmal 5 Uhr am frühen Morgen. Muß das sein?
„Ja“, sagt sie, „das muß“.
Mein schläfriges Hirn versucht zu arbeiten. Eine Ratte. Was weiß ich über Ratten? Wieso ausgerechnet eine Ratte jetzt? Wieso ausgerechnet zu mir?
„Laß es“, meint sie leise, „es geht jetzt nicht ums Denken, das macht es jetzt nicht besser, du sollst mir zuhören. Jetzt bist du offen, bereit, dein Kopf stört. Außerdem rufst du. Seit Jahren. Und zuletzt ist dein Geschrei laut, und andauernd, seit einem Jahr schon“
Also versuche ich mich zu entspannen, mich wieder diesem Halbdämmerzustand hinzugeben. Diesen Dämmerzustand kenne ich und er ist mir oft nützlich. Es gelingt.

„Du kannst so nicht leben, es wird dich und die anderen vernichten. Wir hatten immerhin viele Generationen Zeit und die Umstände wandelten sich sehr langsam, und außerdem bedenke: wir waren damals noch gesund. Ihr seid das aber schon lang nicht mehr und es geht jetzt plötzlich alles bei euch, viel zu schnell. Wir sind Meister in Anpassung, aber glaube bloß nicht, dass uns gefällt, wie es jetzt ist und dass es uns gut tut, bei weitem nicht. Es ist entsetzlich!“

Ist das die Zukunft?

Gänsehaut kriecht über meinen ganzen Körper, trotz warmer Bettdecke. So ist das also. Ob sie aus der Zukunft kommt, frage ich sie.

Sie lacht nur leise. „Das würde dir so passen. Schau dich an und schau dich um. Wie lebst du und deine Sippe jetzt? Du hörst dir jetzt an, was ich zu sagen habe und dann entscheide, ob ich aus der Zukunft komme.“

Und sie beginnt zu erzählen von Bächen und Wäldern und Seen, von warmen Erdhöhlen und heiler Familie. Lange sei das her, viele viele Generationen seien seitdem vergangen. Die Ahnen ließen sich in der Nähe der Menschen nieder. Es war bequem, es gab viel Nahrung, ohne dass man sich besonders anstrengen mußte, die Gefahren waren gering, beschränkte man sich auf die Zeiten, wo die Menschen schliefen. Doch bald wurden sie gejagt und vernichtet, weil sie verantwortlich gemacht wurden für Krankheiten und Unglück. Deshalb versteckten sie sich zunehmend vorwiegend in der Tiefe der menschlichen Behausungen, in Kellern und dann zuletzt in Kanälen.

Falsches Leben

„Aber ihr seid doch Krankheitsüberträger“, frage ich verwirrt, „oder etwa nicht?“. „Ja. Doch ihr habt vergessen, dass ihr selbst daran Schuld seid, wenn ihr krank werdet. Ihr lebt falsch, ihr kennt euch selbst nicht mehr, ihr schadet euch dann, wenn ihr denkt, ihr hättet es schön. Eigentlich so wie meine Ahnen damals. Ihr habt vergessen, wer ihr seid. Ihr habt eure Instinkte vergessen und euer Gefühl für euch selbst und eure Sippe. Das schwächt euch und dann werdet ihr krank. Wäret ihr stark, wäret ihr auch gesund.“

“Inzwischen gibt es kaum noch Bäche und Flüsse und Wälder, die man erreichen könnte, alles ist von der Menschheit beherrscht, besetzt und verseucht.” sagt sie. „Meine Sippe und auch ich, wir sind verweichlicht durch das Leben in den Kanälen. Da unten, weißt du, wo eure Abwässer fliessen, euer ganzer Dreck, eure Exkremente, alles das, da ist es warm und feucht. Und man findet immer was zum fressen. Wir haben vergessen, wie gute und frische Nahrung schmeckt. Doch jetzt höre:

Wir leben vor allem nachts, da ist die Gefahr durch euch geringer. Wir kommen kaum noch raus aus den Kanälen, die meisten wollen das gar nicht mehr. Manche tun das noch, finden Ritzen in den Kanaldeckeln und sehen sich um, da draussen, da oben, dort, wo die Oberen wohnen. Meine Sippe sagt nicht mehr „Menschen“ zu euch, sie sagt „die Oberen“, und wir sind „die Unteren“. Glaubst du, dass ihr euch mittlerweile so sehr von uns unterscheidet? Das war einmal so, inzwischen ist das nicht mehr so. Ihr seid alle miteinander fast zu Tieren geworden, deshalb nennen wir euch auch nicht mehr „Menschen“. Doch seid ihr ziemlich erbärmliche Tiere, das muß man schon mal sagen. Ihr habt nicht einmal mehr Zugang zu euren wichtigsten Instinkten! Ihr kümmert euch nicht einmal mehr um eure eigene Sippe. Ihr helft einander nicht mehr, nicht einmal in der Gefahr. Ihr lasst einander im Stich. Weißt du, dass Ratten sterben, wenn sie ihre Sippe nicht haben, wenn sie einander nicht das Fell putzen, die Nähe der anderen spüren, sich ordentlich um ihre Kinder kümmern? Weißt du, dass wir uns umeinander sorgen und kümmern, dass wir etwas haben, wofür ihr einen Namen habt, aber ihr habt nur den Namen, die Fähigkeit selber habt ihr nicht mehr: Empathie!

Ihr seid krank und böse

Viele von uns sind krank. Da unten ist es dreckig, es stinkt, es ist alles vergiftet, von euch! Die Nahrung ist reichlich, aber sie ist ekelhaft. Dennoch sind unsere Sippen viel größer geworden über die Zeit, viel zu groß. So soll es früher nicht gewesen sein, damals, in den Wäldern, erzählt man sich bei uns. Wir haben unsere Geschichten. Habt ihr das eigentlich noch, eure Geschichten? Erzählt ihr sie euch noch, um zu mahnen und um die Wahrheit weiterzugeben? Ich meine, die wahren Geschichten, nicht die verlogenen, die euch nur schläfig und krank machen.

Unsere Sippen sind zu groß und das macht Probleme. Viele von uns sind krank in ihrem Verhalten und werden davon sogar böse, böse gegen die eigene Sippe, das kann man sich kaum vorstellen als gesunde Ratte. Du kannst dir das vorstellen, da bin ich mir sicher. Du kennst deine Sippe noch besser als ich und du weißt: sie sind böse, sie sind zu allem fähig, weil sie gestört sind in ihrem Verhalten, weil da niemand mehr ist, der ihnen richtiges Verhalten beibringt, weil sie krank sind, weil sie schlecht leben und dann auch noch denken, es wäre gut, dieses schlechte Leben und sie wollen noch mehr davon. Das macht sie böse. Und jetzt sehe ich, du schläfst schlecht und träumst schlecht und weinst die halbe Nacht manchmal, weil sie böse ist, deine Sippe.

Friß die Medizin und stirb!

Du fürchtest dich und das treibt dich um. Du willst deiner Sippe wahre Geschichten erzählen doch deine Sippe will nicht hören. Worum es da im einzelnen geht, weiß ich nicht und ich will es auch nicht wissen. Ihr Menschen seid dumm, tatsächlich. Ich will dir was sagen: die Kästen mit dem Gift, die ihr uns hinstellt um uns zu vernichten, um uns alle zu töten, die kennen die meisten von uns. Höre: wenn etwas seltsam ist oder neu, dann geht eine von uns hin und untersucht das. Sie weiß, es ist gefährlich, denn es ist von euch. Sie tut es für die Sippe. Und dann frisst sie, was da ist. Wenn sie danach stirbt, wissen wir Bescheid. Wir sind klug, weißt du? Und wir lernen, wir lernen unser ganzes Leben. Weißt du, dass ich deine Sippe für absolut dumm halte? Ich lausche deinen Gedanken in diesen Zeiten, wo du nicht wach bist und nicht schläfst. Ich weiß von eurer neuen Medizin, und dass sie den Tod bringt und was tut deine Sippe? Die ganze Sippe frißt diese Medizin, obwohl diejenigen sterben oder krank werden, die sie bereits gefressen haben.

Wenige nur sind wachsam, wenige nur schauen wirklich genau hin, wenige haben noch ihre Instinke und wenige nur sind nicht komplett zu stumpfen Tieren geworden. Die, die ihr so seid, die ihr wach seid, ihr seid in Gefahr. Deshalb bin ich hier. Höre: das wird euer Schicksal werden. Für kurze Zeit nur. Ihr werdet fliehen müssen in dunkle, feuchte Räume, vielleicht auch „unten“? Ihr werdet euch verstecken müssen. Doch wie lange ihr das überlebt, weiß ich nicht, denn ihr seid immerhin sehr gestört in eurem Verhalten und verweichlicht. Ihr helft einander nicht, ihr seid nicht gut zueinander, ihr tauscht euch nicht aus, ihr denkt, ihr seid alleine stark genug. Ha, ihr seid ja nicht einmal fähig, in einer Sippe freundlich miteinander zu leben. Ich bin nur eine Kanalratte, aber ich habe euch allen einiges voraus. Ja, schäm dich ruhig. Und was danach kommt, das weiß ich nicht. Wir werden es ertragen und weiter überleben. Aber ihr? Das weiß ich nicht. Du weißt es: ihr könntet etwas dagegen tun. Du weißt es. Doch seid ihr scheinbar nicht bereit, zu bequem ist es euch noch, ihr lügt euch was vor.

Wo ist eure Sippe?

Ich will dir mal was sagen: wir Kanalratten haben unsere Instinkte, die scheint ihr nicht mehr zu haben. Wir wissen es rechtzeitig, wenn sich eine große Gefahr anbahnt. Wir wissen es, bevor sie kommt. Wir spüren es. Ihr seid so abgestumpft, dass die meisten von euch nichts mehr spüren. Es ist nicht so, dass sich für euch Gefahr anbahnt, schon lange nicht mehr! Ihr seid mitten drin. Ihr sitzt in der Falle. Ja, durch die Hilfe der Sippe kann eine Ratte aus der Falle befreit werden. Ihr braucht jetzt eure Sippe, ihr müßt jetzt zusammenhalten und kämpfen, unermüdlich. Ihr sitzt in der Falle!“

So vieles wollte ich noch fragen, aber sie ist plötzlich weg. Die Glocken läuten, es ist halb 6 Uhr in der Früh. Ich wollte noch sagen, dass viele von uns keine Sippe mehr haben. Eigentlich die meisten. Wir haben doch nur noch so eine Illusion von Sippe. „Euch isoliert man ja auch nicht voneinander, euch verbietet ja auch keiner, beieinander zu sein, einander zu helfen,“ will ich rufen, laut, und rufe nur in Gedanken. „Wer läßt sich auch sowas verbieten.“ höre ich leise. Jetzt bin ich wach. Wirklich? Ich wache auf in einen Alptraum hinein. Nein, das ist nicht die Zukunft. Das ist die Gegenwart. Die Zukunft, daran kann und will ich nicht denken, ich kann es jetzt nicht. Die Gegenwart ist Hölle genug.

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