Und beim Schreiben dieser Überschrift stocke ich bereits. Werde ich nun lauter Mails von Lesern bekommen, die ähnliches berichten? Oder sind diese inzwischen derlei Dingen gegenüber so müde, dass sie nur mit den Schultern zucken werden? Wundere ich mich wirklich über das, was ich nun schreibe? Nein, eigentlich nicht. Vielleicht sollte ich es „Schwank“ nennen. Ich habe einige Tugenden und auch leider manche Untugenden, worum ich mich immer wieder bemühe, mich zu bessern. Die „Tugend“, mich über Unrecht und Unverschämtheiten und dergleichen nicht mehr zu empören, habe ich nicht und es wird mir in diesem Leben wohl nicht mehr gelingen, mir dieses Mich-Nicht-Mehr-Empören anzueignen.

Es handelt sich um einen Vorgang, nein, mehrere Vorgänge in der mitwirkungspflichtigen „Zusammenarbeit“ mit einem Job – Center eines Landkreises. Der Mensch, welcher mir berichtet, ist mir persönlich bekannt. Er versucht, das Job – Center zu erreichen. Dort ist er ja „Kunde“, das nennt man jetzt so. Es klingt ähnlich und ist ähnlich dem, wenn die Herrschenden von „Freiheiten“ durch „Lockerungen“ sprechen. Nein, nicht „Grundrechte“, dieses Wort ist wohl vom Wahrheitsministerium bereits ausradiert worden. Tonfall und Mimik bei dem Wort „Freiheiten“ entsprechen in etwa dem, was man beobachten kann, wenn jemand in Katzenscheiße getreten ist. Aber das wollte ich jetzt gar nicht schreiben, es geht ja um die genannten „Vorgänge“.

Er ruft also bei der Telefonnummer des Sachbearbeiters an, welches auf einem der amtlichen Schreiben an ihn oben rechts steht. Er erwähnt noch, er habe dort zur angegebenen Sprechzeit angerufen, etwa mittig, nicht gleich zu Beginn, man kommt ja mal etwas zu spät, nicht kurz vor Schluß, man muß ja auch mal früher nach Hause. Mittig. Doch er landet bei einer Privatperson. Nun überprüft er die eingegebene Nummer und überprüft die Richtigkeit anhand eines Schreibens aus dem letzten Jahr. Exakt dieselbe Nummer. Er vermutet, sein Festnetz habe eine Störung und versucht es noch einmal mit seinem Handy. Und landet bei derselben Privatperson. Nun muß er sich entschuldigen. Diese Privatperson nimmt es gelassen, oder vielleicht resigniert. Denn sie sagt: „Ich bekomme hunderte solcher Anrufe!“. Daraufhin ruft er bei der Zentrale des Job – Centers an und bittet um Verbindung. Diese wird hergestellt und er landet auf einem Anrufbeantworter. Die Ansage fordert ihn auf, doch morgen wieder anzurufen.

Na, „morgen“ gilt ja genau genommen immer. Eine gut gewählte Ansage. Jeder Tag hat ein „morgen“, das ganze Jahr über hat ein „morgen“. Das muß ich mir merken. Es scheint bei Behörden durchaus ein übliches Vorgehen zu sein. Es erinnert mich an „Lockdown“. Der ist ja auch immer nur etwa 3 Wochen. Es ist jedesmal nur 3 Wochen. Auch wenn es Monate werden oder, wie abzusehen ist, das ganze Jahr noch gehen wird und darüber hinaus. Es geht immer nur um etwa 3 Wochen. Also: „morgen“.

Etwas verärgert und fassungslos schreibt er an die auf dem amtlichen Schreiben angegebene Emailadresse des Sachbearbeiters. Keine Minute darauf kommt dieses Mail mit einer Fehlermeldung zurück. Diese Nachricht könne nicht zugestellt werden, da unbekannt. Man möge die Adresse überprüfen. So sucht der Bekannte in seinen gesendeten Mails nach einem älteren Mail, welches er im letzten Jahr schon einmal dort hin sandte. Auch mit dieser Adresse, die dieselbe ist, kommt das mail erneut zurück.

Muß man hoffen oder fürchten? Handelt es sich hier um einen Fall von plötzlicher Corona-Erkrankung oder gar einer „Impf“ – Nebenwirkung? Oder schlimmeres? Könnte es der berühmte Gedächtnisverlust sein in Folge der Erkrankung? Weiß der Sachbearbeiter nun nicht mehr, wann er wo arbeiten sollte? Ach nein, es ging ja um Geschmacksverlust, ich erinnere mich wieder.

Der „Kunde“ des Job – Centers ist nun sauer, aber auch noch mehr als das. Er berichtet, er habe „Mitwirkungspflicht“, das sei so in der Vereinbarung, die er habe unterschreiben müssen. Dass sich dieses Ding „Vereinbarung“ nennt, ist so erstaunlich wie die Bezeichnung „Kunde“. Deshalb bemühe ich doch noch einmal das Wörterbuch des Wahrheitsministeriums Wikipedia:

Vereinbarung: ist ein Rechtsbegriff, der einen Vertrag zwischen mindestens zwei Vertragsparteien oder einzelne Vertragsbestandteile umschreibt. … Als Entstehungstatbestand eigener Art eines Rechtssatzes hat sich in der Fachliteratur der Begriff der Vereinbarung gebildet; dagegen haben im sonstigen Privatrecht und im öffentlichen Recht Vereinbarungen keine unmittelbare rechtsetzende Wirkung.[4] In Gesetzen wird das Wort Vereinbarung als Synonym für Verträge benutzt. Das BGB verwendet beispielsweise das Wort sehr häufig als Synonym für Vertrag oder „gegenseitige Einigung über einen Vertragspunkt“ So bestimmt etwa § 555 BGB: „Eine Vereinbarung, durch die sich der Vermieter eine Vertragsstrafe vom Mieter versprechen lässt, ist unwirksam“. § 556 Abs. 1 BGB sagt: „Die Vertragsparteien können vereinbaren, dass der Mieter Betriebskosten trägt“. Das BGB fasst den Begriff des Vertrages als Vereinbarung auf (§§ 154, § 155 BGB); die Vereinbarung kommt durch die Annahme des Antrags zustande (§§ 145 ff. BGB). …“

Aha, das ist doch sehr wunderlich! Da steht ja tatsächlich, eine Vereinbarung im öffentlichen Recht habe keine unmittelbare rechtsetzende Wirkung. Außerdem steht da doch, würde man eine „Vertragsstrafe“ unterschreiben, und das auch noch, wie in diesem Fall, damit meine ich „Job – Center – Vereinbarungen“ eigentlich gezwungener Maßen, sei diese unwirksam. Man hat ja, bei dieser Art von „Vereinbarung“ – bildlich gsprochen – die Pistole auf der Brust. Doch weiß ich sehr sicher, dass es Konzequenzen hat, wenn man als „Kunde“ des Job – Centers nach Meinung der Sachbearbeiter nicht so „mitwirkt“, wie diese das wünschen. Es wird dann Ruck Zuck nämlich das Existenzminimum gekürzt. Ja, das stimmt schon so, DAS EXISTENZMINIMUM WIRD GEKÜRZT! Das, was als Notwendigstes zum Überleben gilt, wird gekürzt. Dann hat man nämlich weniger, als man zum Überleben braucht! Bitte noch einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Ich frage noch den mir bekannten „Kunden“ des Job – Centers, ob ihm bekannt sei, dass auch ein Sachbearbeiter eine Mitwirkungspflicht habe. Es sei ja doch wohl keine so einseitige „Vereinbarung“, und dies in Deutschland im 21. Jahrhundert, wo man doch ein „Rechtsstaat“ sei. Das würde ja sonst doch ziemlich „stinken“, oder nicht? Er meint, davon wäre ihm nichts bekannt. Und nun frage ich ihn noch, ob ihm bekannt sei, dass einem Sachbearbeiter, der so gar nicht erreichbar wäre, und gar nicht mitwirken würde, Gehaltskürzungen drohen würden. Seine Antwort darauf ist eigentlich keine Antwort, nur eine Art Lachen, welches nicht sehr fröhlich klingt.

Ich frage ihn noch, was er nun tun wird. Doch er erzählt mir stattdessen, dass der Sachbearbeiter sicher, wie alle anderen wahrscheinlich auch, im „Homeoffice“ sei. So wie er es auch von seiner Verwandschaft im öffentlichen Dienst kenne: Man habe Urlaub unter Fortzahlung der Bezüge, ungekürzt natürlich. Und habe einmal täglich sein Email-Konto zu überprüfen. Wo nichts drin ist, natürlich. Sonst nichts. Und das über Wochen und Monate. Und dem Rest der Menschen im Lande ginge der Arsch auf Grundeis, einfach nur deshalb, weil die Herrscher mit ihren „Maßnahmen“ den Menschen die Existenz zerstören würden. Er sagt mir noch weitere Dinge, die ich bestens kenne und ich bin völlig einig mit ihm, doch das ist jetzt etwas sehr privat.

Er sagt mir dann, dies alles sei sehr entwürdigend, nicht nur die ganzen jetzt berichteten Vorgänge, sondern alles. Er habe demnächst für ein Telefonat zur Verfügung zu stehen, in welchem es um seine „Berufliche Zukunft“ ginge. Nach dem der Staat ihm seine Existenz zerstört hat, wohlgemerkt. Und hier möchte ich anfügen, dieser „Kunde“ des Job – Centers wird demnächst 65 Jahre alt und hat gesundheitliche Einschränkungen. Berufliche Zukunft!

Nun sage ich ihm noch ein paar wichtige Dinge und bitte ihn, sich diese gut zu merken und sehr zu Herzen zu nehmen. Und meine Leser bitte ich ebenso darum:

Lieber Freund, wirst du auf oben beschriebene Art und Weise oder auf andere Art schlecht behandelt, wie es eines Menschen „unwürdig“ ist, und wie es in unserem Land zunehmend zur „Normalität“ wurde und vor allem seit 2020, und wie es in einem Rechtsstaat genau genommen verboten sein sollte und nach Sachlage unserer ehemals bindenden Grundrechte und der ebenso verblichenen Menschenrechte der sogenannten Vereinten Nationen eine Straftat ist, dann denke bitte stets daran:

Niemand kann dir deine dir inne wohnende Würde rauben oder mindern. Niemand! Wer unwürdig mit einem anderen Menschen umgeht, mindert seine eigene Würde, tritt seine eigene Würde mit Füßen. Durch sein Verhalten anderen Menschen gegenüber macht der Mensch eine Aussage darüber, wer er ist und ob ihm Würde inne wohnt oder nicht. Wenn du also schlecht behandelt wirst, lieber Freund, dann denke daran: derjenige, welcher dich schlecht behandelt, mindert in diesem Moment seine eigene Würde, so lang, bis er keine mehr hat. Deine Würde aber, Freund, ist tatsächlich davon unangetastet. Erhebe dein Haupt!

Sollte sich in oben beschriebenen Vorgang noch etwas nettes ergeben, werde ich das sofort hier ergänzen. Doch ich denke nichts dergleichen.

Es gibt viele Arten zu töten.

Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen,

einem das Brot entziehen,

einen von einer Krankheit nicht heilen,

einen in eine schlechte Wohnung stecken,

einen durch Arbeit zu Tode schinden,

einen zum Suizid treiben,

einen in den Krieg führen usw.

Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.

Bertolt Brecht

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