Sie sagen, der Virus sei gefährlich und würde die Menschheit dahinraffen. Deshalb müsse man sich und andere schützen, um jeden Preis, so leid es ihnen auch tut, sagen sie. Ja, sie sagen, sie müßten uns auch vor uns selbst schützen, weil wir einfach nicht begreifen, so einfach wie wir Bürger halt eben sind. Denn wir würden das ja nicht einmal bemerken, wie krank wir in Wirklichkeit seien und damit auch wieder gefährlich für andere, eben, weil wir nichts von unserer Erkrankung wissen, wir spüren sie nicht, wir fühlen uns vollkommen gesund. So tückisch!

Ich kenne das noch von früher. Da haben wir Kinder ja manchmal „Krankenhaus“ gespielt. Und wir haben immer im voraus einen Plan gemacht, eine Kinderkonferenz, man könnte auch Krisenkonferenz oder Krisenkabinett sagen, so nennt man das heute jedenfalls. Wir sagten, „In Spiel“ wären die Puppen und Stofftiere eben krank, und wir würden in Spiel untersuchen und behandeln und dann wären irgendwann wieder alle gesund. Jedenfalls war das früher so, wir dachten, wenn man eine Weile krank war, ist man danach auch wieder gesund. So haben wir es eben selbst oft genug erlebt. Heile Kinderwelt. In Wahrheit ist das ja gar nicht so, zumindest seit einem Jahr nicht mehr. Da ist man ja krank, ohne es zu wissen, und kaum ist man wieder gesund, jedenfalls, wenn man uns das sagt, dass wir gesund seien, und dann kommt die nächste Krankheit, die wir wiederum nicht spüren, und so geht das in einem fort.

Und so mußten alle unsere Puppen und Stofftiere untersucht werden. Natürlich vornehmlich auch mit einem Fieberthermometer. Das durfen wir nicht benutzen, da war damals noch Quecksilber drin. Doch das war nicht der Grund, das wußten die meisten gar nicht so recht, aber es war teuer und zerbrechlich. Deshalb mußten wir irgendein Stäbchen nehmen, zur Not die Zahnbürste. Und nun wurde an allen unserer Patienten Fieber gemessen, und tatsächlich: Fieber! „30!“ oder „40“, oder, wenns ganz schlimm war: „50!“ Dann fragten wir sie alle, welche Beschwerden sie hätten. Sie hatten dann Halsweh oder Kopfweh oder Bauchweh, also das, was man heute Symptome nennt. Doch heute sind die Symptome nicht so wichtig, die meisten haben ja nicht einmal welche, wie gesagt. Deshalb ist heute das Fieberthermometer das wichtigste und einzige, also ich meine den Test natürlich, das Teststäbchen. Das mit dem Fieberthermometer tat nicht weh, in Spiel jedenfalls, das mit dem Teststäbchen tut jetzt sehr wohl weh, aber das ist ja auch nicht „in Spiel“.

Unsere Patienten damals, die mußten natürlich ins Bett. Und sie bekamen Hustensaft und Halswickel und Wadenwickel und Tee. Und wir haben ihnen dann Geschichten erzählt, damit es ihnen nicht so langweilig ist. Wir durften uns also um sie kümmern, bei ihnen sein, sie trösten und sie ablenken und auch mal zum Lachen bringen. Das geht heute ja auch nicht, da wird man isoliert, nicht mal die Angehörigen dürfen zu ihnen. In Echt, meine ich jetzt, nicht in Spiel. Zwischendurch wurde wieder Fieber gemessen, das ist wie heute, es wird dauernd getestet. Und irgendwann waren sie dann wieder gesund, unsere Patienten, nicht so wie heute. Da ist „nach der Krankheit“ einfach nur „vor der Krankheit“. Wegen der Mutationen. Davon wußten wir damals nichts. Und von Impfung wußten wir auch nichts. Wir hätten das ja auch gar nicht verstanden. Denn dann hätten wir ja gedacht, eine Impfung macht, dass man nicht mehr krank wird. Das ist aber gar nicht so, zumindest seit kurzem nicht. Davon kann man sterben. Das hätten wir damals ganz bestimmt nicht mit unseren Puppen und Stofftieren gemacht, irgendwas mit ihnen machen, wovon sie sterben. Dazu haben wir sie viel zu sehr geliebt.

Aber es war auch damals nicht alles nur Spiel. Wir selbst wurden ja tatsächlich auch krank, manchmal. Und dann durften wir weder in die Schule noch zu unseren Freunden raus, um zu spielen. Wir mußten im Bett bleiben. Das war, zumindest nach zwei Tagen so etwa das schlimmste. Im Bett bleiben. Das muß man heute nicht mehr, man muß halt nur zu Hause bleiben und kann da machen, was man will. Das müssen heute auch die Gesunden, also die richtig Gesunden, die ohne Fieber, also diejenigen mit negativem Test. So gesehen sind alle gleich, die Kranken wie die Gesunden. Nur ein Unterschied ist da noch: früher, wenn wir krank waren, also in Echt meine ich, durfte uns ab und zu sogar jemand besuchen, je nachdem, was man hatte und ob das schlimmste schon überwunden war. Das geht heute auch nicht. Besuch ist verboten, ob man nun echt krank ist oder in Spiel krank ist oder echt gesund ist, das ist ganz egal. Kein Besuch. Zu Hause bleiben, aber nicht im Bett. Sogar arbeiten darf man zu Hause oder die Kinder dürfen Hausaufgaben machen.

Und ja, das war damals auch anders, als ich noch ein Kind war: Kam die Freundin nicht zur Schule, wußte man, sie ist bestimmt krank. Man fragte also zu Hause, ob man sie besuchen darf, das durfte man, das fand man sogar nett. Also hat man da geklingelt und gefragt nach ihr und ob man zu ihr darf. Das fand die jeweilige Mama, die Mamas waren damals ja noch zu Hause, jedenfalls, sie fand das dann lieb und man durfte zu ihr und sie unterhalten. Das ist heute anders, heute ist besuchen kommen weder nett noch lieb sondern eigentlich schon richtig böse, egal ob krank oder gesund oder das dazwischen. Man bekam damals dann Kekse und Saft, auch wenn man damit das ganze Bett verbröselte. Der Besuch war wichtiger als das saubere Bett. Heute muß alles sauber sein, das ist das wichtigste. Früher sagte man sogar, Dreck sei gesund. Na ja, nicht jeder Dreck, aber man dachte damals, dass das die Abwehrkräfte steigert. Die Abwehrkräfte braucht man ja heute nicht mehr. Warum, das weiß ich jetzt auch nicht, wahrscheinlich wegen der Impfung und weil es doch so viele Medikamente gibt. Irgendwer muß die ja immerhin kaufen, wegen der Wirtschaft. Und wir dachten uns dann aus, was wir miteinander spielen, wenn die Freundin wieder gesund ist. Vielleicht lernt man dabei auch ein wenig das Denken, jedenfalls lernt man, Phantasie zu entwickeln. Das lernen Kinder heute eher nicht mehr so, weder das Denken, noch die Phantasie zu entwickeln, doch das ist nicht mehr so wichtig, weil das später, wenn man groß ist, nicht gebraucht wird in der Wirtschaft, also im Arbeitsleben.

Was früher am Schlimmsten war als Kind, das weiß ich noch, das war, wenn man zum Arzt mußte. Davor hatte ich ziemlich Angst, mit gutem Grund, muß ich sagen, jetzt im höheren Alter. Aber das mußte man nur, wenn man wirklich richtig krank war. Das ist heute auch anders. Man soll, wenn man Symptome hat, nicht zum Arzt. Der Arzt ist also da nicht mehr zuständig. Das könnte auch ein Segen sein, denke ich so, aber so genau weiß ich das auch nicht, ich bin ja kein Experte. Doch habe ich gelesen, seit die Menschen weniger zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen, wird nicht mehr so viel gestorben. Das hat ein Bestatter berichtet vor kurzem, er sagte, anders könne er sich den Rückgang seines Geschäftes nicht erklären.

Damals war irgendwie schon alles anders. Ich weiß noch, wie es damals hieß, Stubenhocker würden krank werden. Vom Stubenhocken. Aber ich bin ja schon ziemlich alt und die Zeiten ändern sich ja heute ziemlich rasant. Wir wurden also die ganze Zeit rausgescheucht an die frische Luft, damit wir uns bewegen. Und das sollte uns gesund erhalten und natürlich auch für Ruhe im Haus sorgen, das auch. Und es war egal, welches Wetter es war. Raus! Und wir wollten auch raus. Konnte man mal zwei Tage gar nicht raus, war das entsetzlich. Wir hatten schlechte Laune davon und fühlten uns ganz elend. Deswegen haben wir das schlankweg geglaubt, dass Stubenhocken krank macht, denn so fühlten wir uns auch. Heute ist das anders. Da sagt man, man muß ein Stubenhocker sein, damit man gesund bleibt.

Ist es nicht verrückt, dass heute alles gerade so das Gegenteil von allem ist, was früher wahr gewesen ist? Oder ist es das gar nicht? War das damals doch nicht verkehrt und heute ist alles irgendwie verkehrt? Es sieht eigentlich gerade ganz danach aus. Aber das würde doch kein Mensch so machen oder sagen oder verlangen, oder doch? Und all die Menschen die noch denken können, zumindest die sich noch an früher, also an „vor Corona“ erinnern können, denen müßte das doch auffallen, oder nicht? Das tut es aber nicht. Vielleicht habe nur ich jetzt einen Denkfehler.

Doch was mich jetzt interessieren würde: wie ist das eigentlich heute? Was und wie spielen Kinder eigentlich heute? Machen die noch solche Sachen wie wir früher gemacht haben oder sitzen die nur am PC? Und falls sie so richtig spielen: Spielen sie denn dann auch mit ihren Puppen Krankenhaus? Und wie ist das jetzt, das möchte ich wirklich gern wissen: impfen die ihre geliebten Puppen denn jetzt tot?

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