Ein persönlicher Bericht, die Verfasserin ist mir bekannt. Vielleicht gibt dieser Bericht dem ein oder anderen zu denken. Vielleicht kann man an seine eigene Familie denken, vielleicht ist dies der springende Punkt zum Augen öffnen, wenn es schon die „unpersönlichen“ entsetzlichen Nöte „der anderen“ nicht wert sind:

„… Vor wenigen Tagen hatte meine Mutter ihren 81. Geburtstag.

Im Vorfeld 2 Telefonate mit meiner Schwester. Wie immer berichtet sie mir haarklein alles, restlos alles, was sie so macht und weiß. Ich kenne nach einem Telefonat oder einem Besuch bei ihr fast alle Gerichte der Woche, die sie auf dem Tisch hatten, was sie so im Haushalt gemacht hat, wann sie zur Arbeit fuhr die Tage (ein totaler Stress!) und wann sie dann nach Hause kam (auch ein totaler Stress), mit wem sie telefoniert und wen sie besucht hat, wo sie mit ihrem Mann an den Wochenenden wandern war, wie lange genau und bei welchem Wetter genau, und was genau sie als Proviant gegessen hatten und wo genau das dann war, wann sie bei der Mutter vorbeischaute, um was genau bei ihr abzugeben usw. Ich kenne ihre Freundinnen, wenigstens vom Erzählen, deren Ehe – und Beziehungsprobleme und deren sonstigen Probleme und Eigenarten und was genau meine Schwester wann genau und warum genau zu ihnen gesagt hat. Sie darf das, meine Schwester, weil sie so ist. Das ist in Ordnung, jeder hat so seine kleinen Macken und ich auch übrigens, und nicht zu knapp.

Klare Fronten

Doch das wollte ich nicht erzählen, jedoch hat es etwas mit dem zu tun, was ich erzählen will. Sie kennt so etwa meine Einstellung zu dieser Diktatur, seit März 2020, und ich kenne ihre Einstellung zur Gehorsamkeit, zum Sich-Selbst-In-Die-Tasche-Lügen, zur sich schön geredeten Unterwerfung, zum Wegducken und Nicht-Wissen-Wollen und ihre Einstellung zu mir, die kleine Schwester, die in einer falschen Blase feststeckt, sich bei falschen Leuten und auf rechten Seiten fehlinformiert und gegen alle Hilfs- und Rettungsangebote immun ist. Sie meint, mir sei nicht mehr zu helfen, obwohl sie es als treue Schwester unermüdlich versucht. Dennoch versuchten wir mehr oder weniger erfolgreich das ganze vergangene Jahr über, halbwegs die Verbindung zu halten. Aus welchem Grund sie das tat, das weiß ich jetzt ausnahmsweise nicht. Ich tat es, damit das Band zu einem Menschen nicht zerrissen wird von diesen Teufeln, ein Mensch, welcher schon mein Leben lang – ja, eben zu meinem Leben gehört, und irgendwie, weil es mir so leid tut, dass sie so ist und nicht anders kann, so beschämend, wie es auch sein muß. Wir haben „das Thema“ so gut es geht gemieden.

So ist Mutter

Meine Mutter: Sie hat einen Impfpass seit ihrer Kindheit. Die letzte eingetragene Impfung war in den 1940-er Jahren. Sie weigert sich, seit „ich sie kenne“, zum Arzt zu gehen, aus gutem Grund, außer, wenn es gar nicht anders mehr geht und das ist höchst selten. Sie ist topfit für ihr Alter, keinerlei „Vorerkrankungen“. Außer zum Einkaufen, zum Frisör oder ein mal pro Woche auf den Friedhof geht sie nirgendwo hin, hat keine Freundinnen und nichts. Sie ist in ihrer Wohnung und genießt die große weite Welt via TV. Das macht sie schon immer so. Und das darf sie.

Sie hat 4 Kinder. Eines davon ist nicht „coronagläubig“ oder unterwürfig gehorsam. Die restlichen drei schon. Und diese Restlichen, die müssen sie wohl „beraten“ haben. Wovon ich ausnahmsweise nichts wußte, denn hier hat meine Schwester ausnahmsweise mal geschwiegen wie ein Grab. Jedenfalls war sie wohl beim Impfen. Meine Schwester muß ihr wohl die Termine besorgt haben, jedenfalls hat sie sie dort hin begleitet. Zwischenzeitlich hatten wir telefoniert. Davon, von diesem Impf-Service, erfahre ich aber erst später, aus Versehen.

Wie der Ochs vor der Wand

So komme ich also, ganz unbedarft und ahnungslos, bei Mutters Geburtstagskaffee an, wissend, meine Schwester und ihr Jüngster kommen auch noch. Ein Bruder war schon tags davor bei ihr, der andere kommt tags darauf, so ist alles ein wenig „entzerrt“, sagt sie nun, meine Mutter. Sie fuchtelt zur Begrüßung komisch rum mit ihren Armen, ich starre sie an und überlege, was das bedeuten soll. Aha, eine angedeutete Umarmung. „Luftgitarre“ also. Sie bietet mir an, im WC sei Desinfekionsseife und Desinfektionsmittel. Aha. Und zwischen Waschbecken und Kaffeetisch sagt sie, sie sei ja jetzt geimpft. Ich setze mich, eher plumpse ich jetzt in den Stuhl, und bin sprachlos. Ich weiß nicht mehr, wie ich jetzt denken soll, wie ich mich verhalten soll, ich sitze einfach nur da rum und gucke vor mich hin und versuche, meine Gedanken wieder in irgendeine Richtung zu bekommen, während meine Mutter dies und jenes plappert.

Es klingelt erneut, Schwester und Neffe kommen, sie wissen nicht, dass ich schon da bin, im Wohnzimmer bereits Platz genommen habe. Begrüßungsgeräusche im Flur, dann erhasche ich einen Blick auf meine Schwester, die ihre Jacke auszieht. Sie trägt Maske. Spricht mit Mutter, Jacke aus, spricht, Schuhe aus, spricht, Maske. Plötzlich bemerkt sie mich. Jetzt reißt sie sich ihre Maske vom Gesicht und versucht, freudig überrascht zu sein, dass ich schon da bin.

Während des Kaffeetrinkens die üblichen small-talk-Gespräche, und kurz erzählt die Mutter stolz, nicht wissend, was das jetzt gerade ist, wie interessiert der nette Doktor („noch ein ganz Junger!“) im Impfzentrum an diesem mittelalterlichen Impfdokument gewesen sei. „Und demnächst ist ja schon der zweite Termin“ sagt sie dann noch, sehr zufrieden mit sich und der Welt. Irgendwas ist jetzt hier peinlich. Irgendwas geht hier jetzt gar nicht mehr. Ich schweige. Klar denken kann ich immer noch nicht. Und kurz darauf verlasse ich diese Veranstaltung. Weil ich noch einen Termin habe und eine weite Fahrt.

Es schmerzt. Bis heute. Ich kann es immer noch nicht eindeutig benennen, was das hier ist. Es hat etwas zu tun mit einem endgültigen Vertrauensbruch. Etwas ist jetzt restlos kaputt gegangen. Bis in die Tiefe hinein, die ich noch nicht wage, zu „betreten“. Nur häppchenweise schafft es mein Verstand und mein Gefühl, sich dem anzunähern. Das hier läßt sich nicht mehr unter den Teppich kehren, Schwester! Diesen Graben hast du zu tief gegraben. Die ganze Tragweite dessen habe ich noch gar nicht erfasst. Meine Seele weiß es schon, denn ich kann es spüren. Doch mein Kopf weigert sich noch. Hast du das so entschieden, Schwester? Oder habt ihr das gemeinsam so entschieden? Ist sie jetzt nur noch eure Mutter?“

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