Wollen wir wirklich neue Formen der Gemeinschaft leben, wird es not – wendig sein, alte Muster loszulassen. Zu den alten Mustern gehört auch das Urteilen über andere Menschen nach Sympathie und Antipathie, anders gesagt nach „mag ich“ und “mag ich nicht“.

Wir wollen gerne mit Menschen leben und zusammenarbeiten, die uns sympathisch sind. Aber tatsächlich ist es anders: In jeder Menschengruppe sind uns manche mehr oder weniger sympathisch oder unsympathisch. Geht es aber vielleicht eigentlich genau darum, in einer neuen Art und Weise aufeinander zuzugehen, miteinander neu umzugehen, einander mit anderen Augen zu betrachten? Dann ist es etwas Neues, das man durch eigene Weiterentwicklung erarbeiten muß, zunächst wohl jeder für sich.

Begriffe:

Sympathie: Zieht uns an, „mögen“ wir, ist uns ähnlich, nicht fremd, ist uns „nützlich“, erscheint uns „leicht“, Bauchgefühl (ich habe nichts dagegen, sollte aber immer mehr durch menschliche Reife durchgearbeitet werden), ist meistens „Selbst-Liebe“ -man bleibt bei sich selber (Ego!), es ist gemütlich und bequem! Am deutlichsten wird das beim Frisch-Verliebt-Sein, man liebt eigentlich sich selbst und sieht den anderen nur rosarot. Das hält ja nicht so lange und muß dann in innerer Arbeit zu Liebe werden.

Antipathie: Stößt uns ab, mögen wir nicht, oft fremd, scheint sich unseren Interessen entgegenzustellen, scheint schwierig, scheint uns zu bedrohen, auch Bauchgefühl, schnelles Vor-Urteil, man stößt sich daran, es plagt einen, es macht „Arbeit“, wir verstehen es oder ihn nicht.

Sympathie („Mitgefühl”) und Antipathie („Abneigung“), die seelische Zuneigung und Abneigung, sie sind die beiden Grundkräfte, die in der Seelenwelt gestaltend wirken. Liebe ist die höchste Form der Sympathie, Hass die im höchsten Grad gesteigerte Antipathie. Die Seelenkräfte sind um so höher und reiner, je mehr darin die Kräfte der Sympathie überwiegen.

Ist Sympathie dann gut und Antipathie also schlecht? So kann man es nicht sehen, denn ich muß, um meine Integrität zu wahren, ja auch das von mir wegstoßen können, was mir nicht gut tut oder mir schadet. Und andererseits hat man wohl auch schon erlebt, dass es Menschen gibt die in einer Art „Affenliebe“ an jemandem kleben und sich nicht lösen können, gleichgültig, wie sehr es ihnen schadet.

Damit wir ein mehr oder weniger selbstständiges Eigensein entwickeln können, sind also auch die Antipathie-Kräfte notwendig. Die Entwicklung der geistigen Individualität wird so in Form des Egoismus vorbereitet. Egoismus ist auch wieder nicht unbedingt schlecht. Genaugenommen muß ich mich zuerst selber lieben können. Ich kann ja andere auch nur dann wirklich lieben, wenn ich mich selbst liebe. „Liebe deinen nächsten WIE dich selbst“ heißt es doch!

Ego – Überwindung

Ist die Individualität einmal genügend entwickelt, kann und muss der Egoismus allerdings wieder überwunden werden. Diese Überwindung besteht aber nicht in einer Vernichtung des Egoismus, sondern man kann es beschreiben als unbegrenzte Ausdehnung auf die ganze Welt, wodurch Egoismus schließlich zu Altruismus wird. Das vorherschende “Ich” muß zum “Wir” werden. Der Egoismus ist umso schädlicher, je engherziger er ist.

Das heißt also, Sympathie und Antipathie gehören ins Seelische hinein. Die Wahrnehmungsorgane hierfür sind unsere Sinneseindrücke und auch, was unser Gefühl daraus macht. Unsere Sinnesorgane sind trügerisch, wer kennt nicht die Spielchen mit den Bildern, die uns Sinnestäuschungen zeigen. Unser Gefühl trügt uns auch oft. Manchmal reicht es aus, dass jemand das gleiche Rasierwasser trägt wie ein uns bekannter anderer Mensch, auf den wir ärgerlich sind, um ihn unterbewußt abzulehnen, das heißt, um ihn unsympatisch zu finden.

Den Egoismus überwinden, ihn auszudehnen, das heißt doch, dass ich meine Wahrnehmung von „ich“ ausdehnen kann. Zum Beispiel in dem ich erkenne, dass es mir selber nicht wirklich gut gehen kann, solange es meinem Nächsten schlecht geht. Wer bemüht ist, anderen Menschen und der Umwelt gerecht zu werden, soll auf seine Regungen der Sympathie und Antipathie sorgfältig achten und sie zu kultivieren versuchen, was man auch „beherrschen“ nennen kann.

Empfinde ich Sympathie für einen Menschen, so empfinde ich zunächst nur mein Verhältnis zu ihm. Mache ich mich in meinem Urteil, in meinem Verhalten lediglich von diesem Gefühl der Lust, der Sympathie abhängig, dann stelle ich mich selbst mit meiner Eigenart in den Vordergrund. Mit anderen Worten: ich bin nur duldsam mit dem, was meiner Eigenart entspricht. Gegen alles andere übe ich eine zurückstoßende Kraft aus, ich gebe der Antipathie nach und lehne jemanden ab und lasse ihn in seiner Art und Bedeutung nicht gelten.

Sympathie und Antipathie, Lust und Unlust müssen ganz neue Rollen erhalten. Es kann nicht davon die Rede sein, daß der Mensch diese ausrotten soll, sich stumpf gegenüber Sympathie und Antipathie machen soll. Im Gegenteil, je mehr er in sich die Fähigkeit ausbildet, nicht gleich auf jede Sympathie und Antipathie ein Urteil, eine Handlung folgen zu lassen, umso feiner und genauer wird man den anderen wirklich wahrnehmen können. Verborgene Eigenschaften hat selbst der zunächst unsympathischste Mensch. Jede Neigung, der man blindlings folgt, stumpft dafür ab, die Dinge und Menschen in der Umgebung so zu erkennen, wie sie wirklich sind. Unreflektierte Gefühle können verheerend wirken im Zwischenmenschlichen, sie machen soziales Verständnis unmöglich.

Wo kommen wir her?

Wenn man zu einer neuen Form des Zusammenseins finden möchte, hilft es, zu schauen, woher man kommt. Wie ist das Zusammenleben der Menschen geprägt worden, auch hinsichtlich der neueren Entwicklung?

Erich Fromm charakterisierte in seinem Buch »Authentisch leben« die Verhältnisse, wie er sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte, folgendermaßen: »Die konkreten Beziehungen zwischen den Menschen haben ihren unmittelbaren und humanen Charakter verloren. Stattdessen manipuliert man einander und behandelt sich gegenseitig als Mittel zum Zweck. … Es ist, als ob es sich nicht um Beziehungen zwischen Menschen, sondern um solche zwischen Dingen handelte. Am verheerendsten aber wirkt sich dieser Geist der Instrumentalisierung und Entfremdung auf die Beziehung des Menschen zu seinem Selbst aus.« 

In zunehmendem Maße leiden sehr viele Menschen an Einsamkeit, Entfremdung und Isolation. Das kapitalistische und materialistische Menschenbild unserer Gesellschaft verletzt uns in unserem Mensch-Sein und in unserer Würde. Überall werden Menschen benutzt oder gar mißbraucht, sie sind Mittel zum Zweck geworden und empfinden das auch so. Vorurteile und Manipulationen beherrschen den zwischenmenschlichen Umgang. Sogar die Liebe ist oftmals nur noch ein Handelsgeschäft geworden. Interessenlosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber unseren Nächsten ist zum alltäglichen Erleben geworden.

Wo wollen wir hin?

Die Wünsche der Menschen, die ich danach gefragt habe, werden von vielen sehr ähnlich beschrieben. Es soll “sozialer“ und “menschlicher“ werden im Umgang miteinander. Dies wünschen die Menschen in ihren Familien, Freundeskreisen und auch in ihrem beruflichen Umfeld.

Das Zusammenleben soll geprägt sein von gegenseitigem Interesse, gegenseitiger Achtung, Respekt füreinander. Sie wollen ihrer Würde entsprechend behandelt werden. Oft sagen sie nur: „Gemeinsam statt einsam“ und ergänzen das mit mehr echter menschlichen Nähe und Verbundenheit. Sie wollen gerne Mit-Verantwortung tragen und erhoffen sich dies auch von ihren Mitmenschen. Manche erwähnen, es ginge ihnen um „weniger haben müssen und mehr sein dürfen”. Viele bekennen, ihnen würde das Vertrauen zu ihren Mitmenschen fehlen.

Soziales Gestalten ist mit Haften-Bleiben bei Sympathie und Antipathie nicht möglich

Wir kommen nicht dort hin, wo wir so gerne hinmöchten, wenn wir uns nicht bewußt machen, dass unser bisheriges unreflektiertes „mögen“ und „nicht mögen“, das Verhaften in Sympathie und Antipathie dies verhindert. Das Bewußtsein um dieses Thema, der Wille jedes Einzelnen, bei sich selbst zu beginnen, seine vorschnellen Urteile zurückzuhalten, wird also nötig sein. Wirkliches Interesse an den Mitmenschen kann und muß kultiviert werden, ebenso wie die Bereitschaft, sich auf Neues, Ungewohntes, Unbekanntes einzulassen.

Interesse für den anderen entwickeln

Das Interesse am anderen hängt nicht davon ab, wie interessant jemand ist oder erscheint. Es ist eine Eigenschaft, die wir selbst in uns entwickeln und pflegen können. Das Interesse am Anderen ist der erste Schritt zur Liebe für die Mitmenschen:

  • Vorurteile zum Schweigen bringen, Neutralität, Urteils-Askese
  • Eigene liebe Maßstäbe loslassen, zurückstellen
  • Den anderen sehr ernst nehmen
  • Was denkt und fühlt er?
  • Habe ich ihn „verstanden“? Bin ich „zugewandt“? Bin ich aufmerksam?
  • Interpretiere ich alles sofort, was er sagt und tut?
  • Höre ich ihm richtig zu oder bin ich gedanklich schon dabei, ihm etwas zu erwidern?
  • Versuchen, mit „seinen Augen“ zu sehen, welche Motive hat er für sein Denken, Sprechen und Tun? Warum tut oder sagt er dies?
  • Was meint er mit dem, was er sagt, was will er mit dem, was er sagt (also eher zwischen den Zeilen hören!)
  • Wie geht es ihm?
  • Was braucht er, was kann ich verstehen, wie kann ich unterstützen?
  • Kann ich ihn danach fragen, ganz konkret, zb, was meinst du damit? Was brauchst du jetzt?
  • Kann ich es unterlassen, ihn einzusortieren in Schubladen, ihn zu diagnostizieren, kann ich ihn sein-lassen-wie-er-ist oder will ich ihn unbedingt ändern?

Zu bedenken wäre auch, dass es sein kann, dass unsere Begegnungen nicht zufällig sind, dass es sein kann, dass wir etwas miteinander zu tun oder zu lösen haben.

Empathie

Tatsächlich ist der Sympathie – Antipathie – Konflikt etwas, was man in der Entwicklung von Empathie wandeln kann. Empathie ist die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen. Empathie bezeichnet die Fähigkeit, Gedanken, Emotionen, Absichten und Persönlichkeitsmerkmale eines anderen zu erkennen und zu verstehen. Zur Empathie gehört auch die eigene Reaktion auf die Gefühle anderer wie zum Beispiel Mitgefühl, Trauer, Schmerz oder das Hilfe geben wollen.

Wer einen empathischen Kontakt zu einem anderen Menschen herstellen will, wird nicht nur die Gefühle und Bedürfnisse des anderen nachvollziehen, sondern auch die damit zusammenhängenden Lebensumstände und Überzeugungen im Blick haben. Es geht nicht darum zu interpretieren, wie es dem anderen geht, sondern sich in seine Situation hineinzuversetzen. Es geht um Einfühlungsvermögen, und das kann nur entstehen, wenn man sich von sich selbst weg-wendet und dem anderen zu-wendet.

Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung; je offener und klarer eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie auch die Gefühle anderer verstehen.

Es gibt in einem anderen Menschen nichts, was es nicht auch in mir gibt. Dies ist die einzige Grundlage für das Verstehen der Menschen untereinander.” sagt Erich Fromm.

Dafür lohnt es sich!

Menschen sind unglaublich begabte, soziale, liebevolle Wesen. In jedem schlummert der Funke Gottes, oder: Der Christus begegnet dir in jedem deiner Mitmenschen.

Wir wurden aber von dieser Welt, von der Gesellschaft, von Schule und Familie beschnitten. So ist das verschüttet, was wir wirklich sind, sind uns selbst und den Mitmenschen immer fremder geworden. Es ist nie zu spät, damit zu beginnen, es zu finden, darum zu wissen, es zu pflegen und zu nähren. So kann es Stück für Stück gedeihen und erblühen.

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