Wir sprechen über unser Land und über unsere Mitmenschen, ein Freund und ich. Da bemerke ich wieder einmal, wie schwer es mir fällt, „das deutsche Volk“ zu sagen. So gründlich wurden wir also umerzogen, dass wir es nicht mehr wagen, was alle Völker der Welt für ihre Gesundheit und fürs Erblühen ihrer jeweils schönsten Eigenschaften brauchen: Verbundenheit zu ihrem Land, zu ihrer Geschichte und ihren Wurzeln, die Liebe zu ihrer Sprache und ihren Landsleuten. Wie entfremdet wir doch sind! Nicht nur haben wir uns von uns selbst entfremdet und entfremden lassen, sondern auch von allem, was wesentlich ist: von unserer Muttersprache, von unserem Vaterland, von unseren Landsleuten, von unserer Kultur – von unserem ganzen Wesen.

George Orwell hat es in seinem Roman 1984 beschrieben, wie man das macht. Mein Freund sucht es heraus und zitiert:

„Jede Aufzeichnung wurde zerstört oder gefälscht, jedes Buch neu geschrieben, jedes Bild neu gemalt, jede Statue und jedes Straßengebäude umbenannt, jedes Datum geändert. Und der Prozeß geht Tag für Tag und Minute für Minute weiter. Die Geschichte hat aufgehört, nichts existiert außer einer endlosen Gegenwart, in der Die Partei immer recht hat.“

Empört antworte ich ihm:

„…… und unsere schöne deutsche Sprache ist dermaßen verhunzt, dass es mir jeden Tag so weh tut. Anglizismen, wo man hinguckt, Genderscheiß, leere Worthülsen ohne jede Bedeutung und Anklang im Innern des Menschen, Worte wurden in ihr Gegenteil gekehrt (“positiv – negativ”) oder teuflisch gemacht (Solidarität). Und die nahezu verbreitete Unfähigkeit, einen korrekten schönen deutschen Satz zu formulieren. Die neue Sprache verformt und amputiert das Denken solange, bis denken nicht mehr möglich ist. Und dann ist auch Fühlen nicht mehr möglich. Die Seele stirbt. Was bleibt vom Menschen, wenn die Seele gestorben ist und das Denken auch?“

Was ist eigentlich „deutsch“?

Diese Frage stelle ich in den Raum und zuerst schauen wir uns nur ein wenig hilflos an. Wir fangen an, ein paar Sachen zu stammeln, die wir irgendwo aus dem Hinterstübchen holen, sehr verstaubt und inhaltsleer mit komischem Beigeschmack.

Aufrichtigkeit. Was bedeutet das?“ frage ich ihn. „Ja, nun, aufrichtig sein. Ehrlich sein.“

Weiter. Was noch?“ Er grübelt, aber er kennt mich. Geduldig sucht er nach Wörtern. „Nicht lügen.“

Aha. Ich werfe auch noch ein, was mir einfällt und spinne weiter: „Nicht lügen. Verleumdung ist eine Lüge. Verleumdung – andere verleumden, sie schlecht machen, minderwertig machen. Sich selbst verleumden, verleugnen, was ja eine Lüge ist. Selbstverleugnung. Genau das ist es!“

Wir haben uns von uns selbst und unserer Heimat, unserer Sprache, unserer Kultur entfremdet, verleugnen das alles. Wir lügen also, wenn wir nicht unsere Sprache sprechen, so, wie sie sein sollte. Wir lügen, wenn wir unsere Geschichte und unsere Kultur verleugnen. Wir sind nicht aufrichtig.

Noch eine Bedeutung von Aufrecht ist ja senkrecht“, sagt mein Freund. Ich denke nach und sehe einen aufrechten Baum. Dann sehe ich, nur im Geiste, einen aufrechten, aufgerichteten Menschen. „Selten geworden“, sag ich zu ihm. „Schau, wie viele rumlaufen. Wie in sich zusammengesackte Fragezeichen, lotterig, saft – und kraftlos, schlurfend. Was ist das nur? Wo ist eigentlich der aufrechte Gang geblieben, das sprichwörtlich erhobene Haupt? Der sogenannte ehrliche und gerade Blick? Wo ist das Selbstwertgefühl hin, die Selbstachtung, der Selbstrespekt und Achtung und Respekt gegenüber anderen? Haben wir alles verloren?“

Leere und leblose Hüllen

Nun liest er mir vor, was er nebenher gesucht und gefunden hat, er ist da fix, das muß man schon sagen:

Aufrichtigkeit – Bescheidenheit – Ehrlichkeit – Fleiß – Geradlinigkeit – Gerechtigkeitssinn (Suum cuique = Jedem das Seine) – Gewissenhaftigkeit – Ordnungssinn – Pflichtbewusstsein – Pünktlichkeit – Redlichkeit – Sauberkeit – Sparsamkeit – Toleranz – Unbestechlichkeit – Zurückhaltung („Mehr sein als scheinen!“) – Zielstrebigkeit – Zuverlässigkeit“

Was ist das?“

Das sind Tugenden. Hab ich gerade gefunden“ sagt er mir.

Gut und richtig, ganz bestimmt. Doch es scheint mühsam. Wir können diese leeren Begriffe nicht mehr füllen! Darum geht es mir doch die ganze Zeit. So viele reden von Volks – Seele und all dem, doch auf Nachfrage kommt nicht viel! Da müßte auf Nachfrage das Herz aufgehen und es müßten wundervolle Bilder, in Sprache ausgedrückt, erscheinen von den Menschen, mit Herzblut, voller Farbe, es müßte strömen und das tut es nicht. Wo aber kam nur das “Land der Dichter und Denker” her, das Land der Erfinder? Geht das alles nicht mehr, weil wir unserer Sprache beraubt sind, weil sie uns selber schon nichts mehr Wert ist?

Muttersprache

Ich nerve meine Mitmenschen ständig, wenn ich auf die deutsche Sprache aufmerksam mache. Doch Orwell hat nicht umsonst in „1984“ die Sprache versaut, kaputt gemacht. Sie ist die Basis des Mensch-Seins. So zerstört man Menschen, wenn man ihnen die Sprache raubt und alles andere auch.

Ein Beispiel: Heute sagt man vielleicht: “Ich bin heute irgendwie depri”. Auf Rückfrage kommt nicht viel. “Ich finde irgendwie alles Scheiße” und so weiter. Es kommt nichts! Da ist keine Möglichkeit mehr, seelische Empfindung auszusprechen, und somit auch keine Möglichkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen und somit keine Erkenntnisfähigkeit und keine Verbindung mehr zu sich selbst. Ich nenne das Selbstentfremdung durch fehlende Sprache, durch fehlende Ausdrucksmöglichkeit und tatsächlich folgt darauf, wie Orwell in 1984 zeigte: fehlende Denkfähigkeit. man kann sich selbst nicht mehr erfassen, erreichen und somit ist man von seiner Seele, von seiner Volksseele, von seinen Wurzeln und von seiner Kraft abgeschnitten. Sie verhungert. Sie stirbt. Die Seele.

Psychologische Kriegsführung

Ist das nicht genau der Plan des Bösen, die Menschen von sich selbst zu entfremden, die Deutsche Volksseele zu zerstören? Warum ist das so ? Weil die Deutschen vielleicht eine wichtige Aufgabe haben, etwas Wichtiges vollbringen könnten, was deren Pläne stört?“ Meine Antwort weiß mein Freund, und ich weiß auch, dass er sie weiß. Sie lautet: „Ja“.

Positiv ausgedrückt: Finden wir wieder unsere vollumfängliche ehemalige deutsche Sprache mit ihrer unglaublichen Vielfalt und Feinheit, dann finden wir zu uns selbst zurück, können uns selbst wieder finden und auch unsere Volksseele. Dann kommt mehr zustande als: “Mir gehts gut. Bin ok. Danke.”

Dann schüttle ich ihn am Arm, schaue ihm in die Augen: „Wenn wir es schaffen, wenigstens wenige Menschen, diese leeren Begriffe wieder zu füllen in einer Farbenpracht voller Herzblut, dann haben wir Orwell besiegt an dieser kleinen Stelle. Wir holen uns unsere Sprache (der Dichter und Denker) zurück. Somit wird unsere Seele wiederbelebt und wir können plötzlich viel mehr denken und fühlen, und somit “bemerken”, wo wir die ganze Zeit amputiert werden, als Mensch, als Deutsche, als Liebende. Wir kommen wieder in unsere Kraft, wir werden wieder aufrichtig! Weil wir uns nicht mehr verleugnen!“

Aufrichten!

Können wir miteinander versuchen, diese leeren Begriffe zu füllen, zum Leben erwecken? Können wir zu uns selbst stehen, aufrecht, und uns unsere Kraft zurückholen?

Wir sollten aufhören zu jammern und uns das selbst wieder nehmen, erarbeiten und so sprechen und denken. Wir werden nicht wieder das deutsche Volk sein, wenn dies nur eine leere Worthülse bleibt. Wir werden das wieder sein, wenn diese leeren Begriffe vor Leben, Farbenpracht und Inhalt fast explodieren. Wenn unsere Seele, die in Isolationshaft gesetzt ist, wie auch unsere Volksseele, wieder befreit wird. Sie ist am verhungern und am verdorren. Sie kann ernährt werden mit der farbenprächtigen deutschen Sprache, dies führt dazu, dass wir wieder so denken können, dass wir uns selbst wieder fühlen können, dass wir wieder mit uns selbst verbunden sind, mit unserem Land und endlich wieder mit unseren Ahnen. Wie sollen unsere Ahnen mit uns zurechtkommen, wenn wir nur so denken und sprechen: “Cool! Great! mega! lol …..”?

Und ich weiß, meine Texte sind eine Zumutung. So viel zu lesen und eigentlich müßte man darüber nachdenken und hineinfühlen, um zu verstehen. Und das ist das ewige Problem. Diese Zeit hat man nicht oder will man nicht haben oder die Konzentration reicht nicht mehr, weil sie aberzogen wurde. So landet man in einem oberflächlichen Leben und merkt es nicht. So verhungert die Seele und so mangelt es an Inspiration und Kraft. Dies ist kein Vorwurf! Es ist mein Kummer. Weil ich erkenne, dass es anders nicht geht, als die Seele zu nähren und zu befreien. Und das kann nur jeder selbst tun, bei sich selbst damit beginnen. Seine Sprache wieder finden, seine Werte und seine Tugenden. Um sich wieder, endlich wieder, aufzurichten.

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