Synonyme, die zum Teil nicht mehr gebräuchlich sind:
Krüppel, Invalide, Kriegsbeschädigte, Kriegsopfer
Als Kriegsversehrte werden Menschen bezeichnet, die durch kriegerische Handlungen schwere Verwundungen mit dauerhaften körperlichen oder seelische Schädigungen erlitten.

Atlantis, das sagenumwobene, eine Hochkultur, sei durch Machtmißbrauch zerstört worden, sagt man. Danach mußten die Menschen wieder ganz von vorn beginnen, wird berichtet. Neue Hochkulturen kamen und gingen, und sie gingen immer auf gleiche Weise: Dekadenz und Kriegerische Zerstörung. Nur die Art der Kriegsführung und deren Waffen änderte sich.
Die heutige Vernichtungsdiktatur entstand nicht plötzlich. Sie wurde möglich durch das Verhalten beziehungsweise das Nichtverhalten von Menschen der Vergangenheit.

Erstes Bild:
Ein Veteranentreffen irgendwo, Ort und Zeit spielen keine Rolle.
Den meisten Teilnehmern sieht man es an: Einem fehlt ein Finger, dem anderen die ganze Hand, ein Arm, ein Bein oder beide Beine. Manche sind mit zum Teil entstellenden Narben gezeichnet. Einem fehlt ein Auge, der andere kann nur noch mit Sauerstoffgabe leben, er hat seine Ausrüstung hierfür dabei: Flasche, Schläuche. Manche können nur mit Begleitung kommen, da sie es ohne Hilfe nicht schaffen: die Anfahrt, das Gehen, das Bewegen. Einigen sieht man es auf andere Weise an: sichtlicher Alkoholschaden oder Medikamentennebenwirkungen, da sie anders die Bilder in ihrem Kopf und das Entsetzen in ihrer Brust nicht mehr ertragen können. Andere haben seltsame Zuckungen, fahrige Bewegungen, die sie nicht unter Kontrolle bringen können. Zwei verlassen, gerade kurz nachdem sie hereinkamen, fluchtartig den Raum, kommen nicht wieder zurück. Einer sitzt schweigend mit dem Blick zum Boden, wortlos, scheinbar teilnahmslos. Es gibt auch Teilnehmer ohne besondere äußere Merkmale. Wenige sind das.

Zweites Bild:
Bei genauer Betrachtung mit viel Einfühlungsvermögen und Sachkenntnis verschwimmt das zuerst scheinbar harmonische Bild eines gewöhnlichen Treffens von Menschen, die einander vertraut zu sein und lockere Gespräche zu führen scheinen. Ort, Zeit und Anlass spielen keine Rolle.
Eine Art Unfähigkeit zu echter Beziehung fällt auf. Latente, verdeckte Unruhe, vielleicht Nervosität, vielleicht Unsicherheit, eine Art von Heimatlosigkeit in sich selbst und in dieser Gruppe wird spürbar. Einige führen stets das Wort, die anderen ordnen sich diesem wie selbstverständlich unter. Sie suchen den Kontakt zueinander, finden ihn nicht, sie suchen den Kontakt zu sich selbst, auch diesen finden sie nicht. Sie scheinen zu warten, dass da Freude am Zusammenkommen mit den Anderen, mit den Brüdern und Schwestern entsteht. Doch diese entsteht nicht, wie immer. Traurigkeit und Enttäuschung darüber wird kaschiert mit Oberflächlichkeiten, um sie nicht zu spüren. Kurze Momente des Schweigens sind unerträglich, schwer lastend wie dunkle Gewitterwolken und werden sofort durch viel zu lautes Reden, künstlicher Lustigkeit und zu schrillem Lachen vertrieben. Kleine, scheinbar unbemerkte Verletzungen durch die Rede und das Verhalten einiger gegenüber anderen blitzen immer wieder auf. Fast automatenhaft wirkende Reaktionen darauf sollen verdecken, wie verletzt oder peinlich berührt die derart subtil Angegriffenen sind, schon wieder, immer wieder auf gleiche Weise. Es scheint fast, als bemerkten sie es nicht einmal mehr, auch ihre eigenen Abwehrmechanismen nicht. Niemand kommt ihnen zu Hilfe.
Gesprochen werden Themen, die offenbar dazu dienen, sich selbst den anderen gegenüber als wertvoll darzustellen, deren Ansehen zu gewinnen und sich selbst Geltung zu verschaffen, zumeist unter Nennung zahlreicher im eigenen Besitz befindlicher Wertgegenstände, Leistungen oder Titel. Es scheint darum zu gehen, Gaukelbilder zu errichten, für die anderen und auch für sich selbst.
Ein Schrei nach Liebe, ein Schrei nach Anerkennung und Zugehörigkeit, der sehnliche Wunsch, gut genug sein zu können. Sein zu dürfen, wer man ist, wie man ist, einfach weil man Mensch ist unter Menschen. Der Wunsch, in dieser Gruppe geschützt zu sein, geschützt zu werden, das Seine beitragen zu dürfen zu dieser Gruppe.
Manche scheinen sich wohl zu fühlen: alles ist wie immer, alles ist, wie es sein soll, alles soll genau so bleiben, ruhig, friedlich, lauwarm.

Andere fühlen sich nicht wohl. Sie kamen mit einer unbewußten Sehnsucht. Sie sind enttäuscht, schon wieder. Sie möchten wieder weggehen, nach Hause, ihre Türe hinter sich schließen, sich irgendwie ablenken, es vergessen, dass sie hier waren, dass es nicht schön war. Wieder nicht. Bis zum nächsten mal.
Nur wenige spüren in sich etwas, einer vielleicht, was sie schon immer spürten, seit sie denken können, nein, schon vorher muß es da gewesen sein, nie wurde es ihnen so selbstverständlich, dass sie sich daran hätten gewöhnen können: etwas stimmt nicht, etwas ist falsch. Das ist nicht der richtige Ort, das sind nicht die Menschen, die ich dachte zu finden, das ist nicht, womit, worin und wofür ich leben kann. Wieder nicht, immer noch nicht. Mein Leben geht irgendwann zu Ende, bald vielleicht, und all die vielen Jahre suchte ich und fand ich nicht. Soll alles umsonst gewesen sein? Sie können es nicht verstehen, denken sie, ich kann es ihnen nicht sagen, nicht schon wieder, sie verstanden es nie, sie konnten es nie und sie wollten es nie.

Drittes Bild:
Ort und Zeit spielen keine Rolle. Eine Abfolge von Eindrücken, Momentaufnahmen.
Ein Kind steht an einem geschlossenen Fenster und beobachtet regungslos ein zweites Kind auf einem nahegelegenen Spielplatz. Dieses zweite Kind schaukelt. Dann versucht es zu wippen, allein. Es geht nicht. Es setzt sich in den Sandkasten, gräbt ein Loch, ein sehr tiefes Loch, steht wieder auf, schaukelt wieder, den Blick zum Boden gerichten, nicht himmelwärts wie früher. Dann geht es weg, man sieht es nicht mehr. Das Kind am Fenster steht noch, schaut noch sehnsüchtig dort hin, wo das Kind verschwand. Bleib doch noch, sagen seine Augen, komm zurück, nur eine kleine Weile noch, damit ich dich wenigstens sehen kann, dir zuschauen kann, wenn du spielst. Es malt mit dem Finger Herzchen auf die sich beschlagende Scheibe. Dann wischt es sie wieder weg.
Nach einer Stunde etwa geht auch dieses Kind weg, weg vom Fenster, das andere Kind kam nicht zurück.

Ein alter Mann, sehr alt, in einem kleinen Zimmer. Bett, Nachtkästchen,Tisch, ein Sessel, ein Schrank. Ein Plastikvorhang trennt den kleinen Raum von einer Nische mit Waschbecken und Toilette. Der Mann sitzt auf dem Sessel und schaut mit leerem Blick und leicht geöffnetem Mund zum Fenster hinaus. Zwei Amseln hüpfen über die karge kleine Wiese, die an einer hohen Mauer endet. Grauer Himmel. Auf dem Tisch steht eine Tasse, ein Rest kalter Milchkaffe darin und eine Fliege, die zappelnd versucht, dem Naß zu entkommen. Die Schatten des Abends breiten sich langsam im Zimmer aus. Der Alte sitzt noch immer, reglos, fern, ganz fern, er ist gegangen, unbemerkt von aller Welt, erlöst von dieser ewigen entsetzlichen Einsamkeit. Auch die Fliege hat aufgegeben, schwimmt starr obenauf.

Die Straßenbahn ist spärlich gefüllt, nur wenige Fahrgäste sitzen einzeln in den Sitzbänken oder stehen von den anderen entfernt, sich an Haltestangen haltend oder daran angelehnt. Alle Fahrgäste haben eine Maske über Nase und Mund, den Blick zu Boden gerichtet oder auf ihr Handy gebannt.

Die Werbetafeln von früher sind verschwunden, stattdessen hängen die Vorschriften, die niemand beachtet. Man kennt sie alle. Medizinische Maske, Abstand halten, Einmalhandschuhe sind zu tragen, Schweigepflicht, wie überall im öffentlichen Raum. Auch zu Hause soll man sich mit dem Sprechen auf das Wesentlichste beschränken. Keiner hebt den Blick, um einen anderen Blick zu suchen. Nur einer beobachtet stehend, wachsam, und ruft plötzlich die Stille zerreißend: „Abstand!“. Manche schauen erschreckt auf, einer, der sich angesprochen fühlt, macht einen kleinen Schritt zurück, schaut kurz ängstlich nach vorn zu einer Kamera. Die zweite Ermahnung diese Woche schon. Ich muß aufpassen, denkt er, sonst kommen sie mich holen. Sein Herz pocht heftig für einen Moment. Böse Blicke fängt er nun ein, selten findet man noch ein Augenpaar, und dann blitzt es böse. Er senkt den Kopf. Schweigen.

Viertes Bild:
Ein großer, heller Raum, 8 Stühle in einem großen Kreis angeordnet, in der Mitte des Kreises auf einem kleinen Tischchen eine brennende Kerze. Ein Mann mittleren Alters mit einer Akte auf seinen Knien. 2 ältere Menschen nebeneinander, ein Mann, eine Frau. Zwei jüngere Menschen, ein Mann, eine Frau, zwischen ihnen 3 Kinder etwa zwischen dem 4. und 9. Lebensjahr. Buben, Mädchen? Man sieht es nicht: gleicher Haarschnitt, etwa gleiche Kleidung.
Die junge Frau hält sich immer wieder ein Taschentuch vor Mund und Nase. Ihr strenger Blick wandert über die Kinder, die schweigsam und artig sitzen. Das Jüngste wiegt sich leicht auf seinem Stuhl hin und her, ganz leicht nur. Der junge Mann räuspert sich mehrmals und ist dann wieder ruhig. Das älteste der Kinder wischt sich ständig die Hände ab mit einem kleinen Tuch, das es, kaum auf seinem Stuhl Platz genommen, aus der Verpackungsfolie holte. Mit drängendem Blick auf den Aktenhalter sitzt der ältere Mann reglos und stumm. Die ältere Frau weint lautlos, Tränen rollen über ihre Wangen, die sie nicht zu beachten scheint in ihrem Schmerz. Ihr Blick ruht auf den Kindern. Ihr scheint, als wären alle drei Kinder voneinander abgekapselt, jedes in seiner eigenen kargen Welt gefangen. Wie reglose Marionetten. Leblos fast.
Das vierte Bild verschwimmt.
Zu früh. Soweit ist es noch nicht. Und ob es jemals geschieht, weiß man nicht. Die Zukunft ist ungewiß und wird von den Menschen der Gegenwart gestaltet.

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