Da ist sie wieder, die ältere Dame. Im Herbst 2019 saßen wir gemeinsam auf einer Bank am Waldrand, in der Sonne. Beide wollten wir etwas rasten, und damals durfte man sich noch zueinander setzen, einfach so, wenn man nicht ganz und gar verstockt war. Zuerst sprachen wir über ihren Hund, und dass sie 2-3 Stunden pro Tag mit ihm läuft. Kurz darauf waren wir in ein erstaunliches Gespräch vertieft, über Hermann Hesse! „Mein“ Hermann Hesse, unglaublich! Was sie alles zu erzählen wußte, wo er lebte, worunter er so sehr gelitten hatte, und über „Narziß und Goldmund“ sprachen wir und es war einfach phantastisch. Nun sitzt sie da, mit Hund, und ich traue mich natürlich nicht, mich zu ihr zu setzen, weiß ich doch nicht, wie sie „drauf“ ist. So bleibe ich stehen, mit Abstand natürlich, wir reden kurz über den Hund, dann gehe ich weiter. Es schmerzt.

Das ist, was übrig geblieben ist nach einem Jahr Gehirnwäsche. Nur ein Jahr, und wir haben es alle schon in Hirn und Herz tätowiert, wagen nicht mehr, Mensch zu sein zu einem Menschen. Es ist etwas kaputt. Und das ist der ganze Sinn hinter all dem. Mit Mundschutz irgendwo, da geht die Unterhaltung natürlich nicht, dann Abstand, das kommt dazu. Beisammen sitzen und in ein tieferes, sinnvolles, inhaltsvolles Gespräch zu kommen, das ist nicht mehr möglich. Man kann auch nicht einmal so lange sprechen, um herauszufinden, wes Geistes Kind einer ist. Man darf einander nicht besuchen, auch diejenigen nicht, die einander kennen. Mit mehreren Leuten schon gar nicht. Andere kennenlernen, neue Leute, wie soll das gehen? Wo denn? Wie denn? Kurze Belanglosigkeiten, das geht noch: Das Wetter…, der Frisör, der Blumenladen…., ja, es ist nicht so einfach zur Zeit, …und die Kinder, ja…, seit einem Jahr geht das jetzt schon,… man braucht schon viel Geduld, ja… .

Und manchmal noch das: „Wenn das nur alles bald vorbei ist, dann wird es wieder so schön wie früher.“ Das sind mindestens vier Denkfehler in diesem einen kleinen Satz! Es ist nicht zu fassen, wie es Menschen geben kann, die immer noch, nach einem ganzen Jahr, so verbohrt sein können. Wie schaffen sie das nur, sich selbst so zu belügen, sich selbst das alles vorzumachen? Was ist das für eine seltsame Fähigkeit? Oder ist es eher ein Mangel an allen Fähigkeiten, die eines Menschen würdig wären? Und wenn sie es sich selbst nicht glauben, warum tun sie das? Warum sagen sie das dann?

Wir werden isoliert. Wir werden eingesperrt. Wir werden jeder Kommunikationsmöglichkeit beraubt, nein, wir dulden es, wir lassen uns das rauben. Warum? Kann es sein, dass viele Menschen es nicht bemerken, dass sie nicht mehr kommunizieren? Halten sie das fade Herumrühren in Belanglosigkeiten schon für ein Gespräch? Haben sie gar kein Bedürfnis nach einem Gespräch? Ist ihnen das zu anstrengend, das sich füreinander Interssieren, das selber denken, das in die Tiefe gehen, der echte Austausch des Erlebens und ja, des Erleidens? Fürchten sie sich vielleicht davor, hinterfragen zu müssen? Stellung beziehen zu müssen? Ich verstehe es nicht. Kann es sein, dass Menschen das fürchten, wonach es mich hungert?

Doch gibt es auch andere, welche, die genau so hungern wie ich. Viele Monate hatten wir nur ein Thema, ein einziges: Corona, und dieses System, diese Quälerei. Heute ist es immer noch das Hauptthema, doch nimmt es langsam eine andere Gestalt an. Die meisten dieser Menschen, denen das Gespräch wesentlich ist, wissen über das meiste Bescheid. Und es kommt etwas Neues dazu, endlich. Wir geben einander Hilfestellung, seelisch, geistig, spirituell, und ja, auch in Alltagsdingen. So ergeben sich Treffen, um einander zu helfen, bei der Gartenarbeit etwa, Reparaturen hier und da vielleicht. Oft trifft man sich einfach, um miteinander sprechen zu können und daraus ergeben sich dann diese Gegenseitigkeiten. Und es tut so gut, wieder Mensch zu sein unter Menschen, füreinander da zu sein, einander zu unterstützen und zu helfen. Einander zu trösten, Tipps auszutauschen, wie man das alles ein wenig besser durchhalten kann. Was kann man noch tun, das ist oft die Frage. Und wir stellen fest: man kann sehr viel tun, wir motivieren uns gegenseitig dazu.

Und ich erlebe, wie die Menschen dabei aufblühen. Sie gestalten viel aktiver als „davor“ ihre Welt und die ganze Welt, sie fühlen sich noch mehr als „vorher“ verantwortlich für alles, was geschieht und was es zu stoppen, zu verhindern, zu wandeln gilt. Menschen sind aufgeschlossener, diejenigen, welche das Denken und Hinterfragen nicht scheuen jedenfalls. Aus einer Begegnung mit Fremden wird plötzlich eine neue Freundschaft. Das Verbindende ist: Widerstand. Belanglose Unterschiedlichkeiten sind kein Thema. Es gibt immer wichtigeres, etwas Wesentliches, etwas Elementares. Und das ist eine ganz besondere Qualität. Das ist, was zur Zeit menschengemäßes Leben ausmacht: die uneigennützige Arbeit am und im Widerstand, Hand in Hand, gemeinsam, mit einem gemeinsamen Anliegen, einem gemeinsamen Ziel. Es gibt so viele Ansatzpunkte aus so vielen Lebensbereichen!

Wir sind nicht immer in allem einer Meinung, doch haben wir alle etwas grundlegendes verstanden. Die schlimmste Waffe der gegen uns ist tatsächlich die Ent-Menschlichung. Und die fängt genau hier an: beim Sprechverbot, bei der Vereinzelung! Deshalb gibt es eine sehr wichtige und wirkungsvolle Waffe gegen das Betreben, uns alle zu ent-menschlichen: wir bleiben Mensch! Wir werden immer mehr aus freiem Willen, aus eigenem Entschluß durch Erkenntnis zu Brüdern und Schwestern! Das ist unsere Waffe: wir sprechen miteinander, wir besuchen uns gegenseitig, wir tauschen uns aus, wir helfen einander, wir ermutigen einander, wir sind füreinander da und suchen bewußt zueinander Kontakt. Das sind die schönsten Momente der Woche, diese Verabredungen mit den Menschen, die wachen Geistes sind und von aufrechter „Gestalt“. Kampfwaffe: sprechen!

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