Ein Schiff auf dem Meer, aufgewühlte See. Steuerbord voraus sehe ich Menschen auf dem Wasser treiben. Es sind viele. Sie rufen nicht, sie winken nicht, sie treiben nur still. Manche schauen in meine Richtung. Ich rufe dem Steuermann zu, weise in die Richtung der Menschen, Eile tut Not, denn es ist kalt. „Wir können sie nicht aufnehmen, doch dort drüben, die Insel, dort können sie an Land. Wirf die Rettungsringe raus! Ich gebe einen Funkspruch raus!“ schreit er mir zu. Ich renne zur Kiste und hole alle Ringe raus, die darin verstaut sind, sie leuchten in allen Farben, das kenne ich so nicht. Schon sind wir ganz nah, die Maschine wird gedrosselt und der Steuermann dreht bei. Nun kann ich werfen, ich werfe einen Ring nach dem anderen.

„Hier, schnell, nehmt. Wir können euch nicht aufnehmen aber schaut: da drüben ist eine Insel, dort könnt ihr hin! Wir rufen Hilfe herbei!“ rufe ich ihnen zu, immer wieder, während ich Ringe werfe, neue aus der Kiste hole, werfe. Doch was geschieht? Die meisten sehen das Schiff, sie sehen mich, sie sehen die Rettungsringe, doch sie schwimmen nicht darauf zu, sie ergreifen sie nicht, wenn sie an ihnen vorbeitreiben, sie schauen nur. Und ich bemerke, wie ich sie höre, ganz leise, als würden sie murmeln oder als könnte ich ihre Gedanken hören:

„Wie schön das aussieht. So bunt.“

„Wie nett das ist, sie wirft hübsche Sachen ins Wasser.“

„Der Ring hier, der ist blau. Blau mag ich nicht.“

„Auf so einem ähnlichen Schiff war ich doch auch einmal. Ich weiß es nicht mehr genau.“

„Was schreit sie so, es war doch so schön ruhig bis eben.“

Ich bemerke, dass sie sich kaum bewegen, diese Menschen im Wasser, nur mit den Armen rudern sie ein wenig. Ihre Gesichter sind irgendwie leer, als wären sie auf einem Sofa vor den Abendnachrichten. Ab und zu taucht einer unter und taucht nicht mehr auf. Ganz unspektakulär. Ich höre auf mit der Ruferei, mit der Werferei und schaue fassungslos diesem entsetzlichen Schauspiel zu. Der Steuermann dreht das Ruder, die Maschine fährt wieder hoch, wir entfernen uns langsam. Immer noch schaue ich auf dieses grausige Geschehen, sehe die Ringe herrenlos treiben, dazwischen ein paar Köpfe, manche schauen uns hinterher.

Szenenwechsel

Da ist eine seltsame Landschaft, der Himmel ist grau verhangen, die Luft ist stickig, doch es ist kühl. Ein großes Stoppelfeld, abgeerntet, in der Ferne einige Bäume mit kahlen Ästen. Links sehe ich Ruinen, es waren wohl Häuser oder Hütten, das sehe ich nicht genau, es muß gebrannt haben vor einiger Zeit. Wie ich näherkomme, erkenne ich Menschen auf dem Feld nahe der Ruinen liegen. Manche sehen aus, als würden sie in der Sonne liegen wie an einem Sommertag am See, andere sehen seltsam verdreht aus.

Schnell renne ich auf einige zu, die mir am nächsten liegen, lasse mich neben dem ersten zu Boden sinken und drehe dessen Kopf vorsichtig zu mir. „Hallo? Hören Sie mich? Was ist passiert? Hallo?“

Dieser Mensch ist warm, er lebt, Gott sei dank! Er schaut mich an, als hätte er mich nicht gehört und als wäre ich eine Wolke, weit weg, oben am Himmel. Keine Antwort. Keine Eigenbewegung, keine Reaktion. Nichts.

Ich wende mich um und dem nächsten zu. Dessen Körper muß ich komplett drehen, es geht erstaunlich leicht und ich schaue in ein Frauengesicht, sie ist etwa in meinem Alter. „Hallo? Wie geht es Ihnen? Tut Ihnen etwas weh? Was ist denn passiert?“. Doch wieder dasselbe, keine Antwort, nur ein Blick durch mich hindurch in die Ferne. „Ich heiße Elke. Wie heißen Sie denn? Hören Sie mich denn? Verstehen Sie mich?“

Ich drehe Menschnkörper, halte ihre Köpfe, ihre Hände, spreche sie an, klatsche ihnen auf die Wangen, ich schimpfe mit ihnen, bettle sie um Antwort an, nichts. Sie sehen unverletzt aus. Sie sehen gar nicht einmal aus wie Menschen in Not sonst so aussehen. Was ist das nur? Sie scheinen lebendig und leblos zugleich. Es scheint, als wäre da keiner „zu Hause“. Als würde in diesen Körpern keiner mehr wohnen. Als würde nichts zu ihnen durchdringen. Als könnten sie nicht hören, nicht sehen, nicht verstehen.

Ich richte mich auf, schaue auf dieses seltsam friedliche und gleichzeitig trostlose Bild und wende mich den Ruinen zu. Da ist mein Mann, ich wundere mich nicht, wie er nun da hin kommt. Er räumt Schutt weg. Ich rufe ihm zu und frage, was er da macht.

„Ich räume auf. Wir müssen doch einen Wohnraum schaffen für die alle hier!“. Eine Weile schaue ich ihm zu. „Laß mal,“ sage ich ihm dann, „das ist nicht nötig. Da ist keiner mehr zu Hause, da ist keiner mehr drin, in diesen Leibern. Sie sind leer.“

Ich wende mich ab und gehe fort.

Szenenwechsel?

Nein, ich bemerke einfach nur, dass ich am Schreibtisch sitze, ein leeres Dokument auf dem Bildschirm. Eben wollte ich doch einen Artikel schreiben. Ich muß wohl in Gedanken davongetrieben sein. Was wollte ich denn eigentlich schreiben, wie war das nochmal? Ach ja, irgendwas wegen dieser Sache. Die mich so fassungslos machte. Genau, das wars. Weil meine Artikel wohl hauptsächlich konsumiert werden wie unterhaltsame Kurzgeschichten im Fernsehprogramm – Heft. Weil sie offenbar nicht verstanden werden. Der Inhalt, die Botschaft. Weil ich den Eindruck habe, in die Wüste zu rufen. Weil ich das Gefühl habe, da draussen, da ist irgendwie keiner mehr. Jedenfalls nicht erreichbar. „Kein Anschluß unter dieser Nummer. Diese Nummer ist leider nicht vergeben“.

Aus irgend einem Grund lasse ich es jetzt einfach. Schalte den Rechner aus. Dann ist es halt so. Ich spüre meine Fassungslosigkeit nicht mehr, meine Verzweiflung, all das, es ist weg. Es ist wie Nebel im Kopf. Und Vakuum im Herzen. Leere, so also fühlt sich Leere an, denke ich noch.

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