„Natürlich nicht. Wir sind anständig. Wir tun nie was falsches, jedenfalls nie was anderes als alle anderen auch. Das ist doch normal. Und wir sind offen, wir müssen nix verstecken. Übrigens sind wir stolz auf alles, was wir erreicht haben, was wir aus uns gemacht haben. Das kann man doch ruhig sehen? Oder nicht? Oder?

Man muß auch nicht immer den Teufel an die Wand malen. Wer will den schon sowas alles wissen? Wozu sollte das denn gut sein? Haha! Es gibt doch außerdem den Datenschutz. Die Bestimmungen sind echt streng, da erlaubt sich keiner was. Daran muß sich jeder halten. Also an Gesetze, meine ich. Genau, an Gesetze muß man sich halten.

Jedenfalls finde ich die Sachen alle toll! Was man heutzutage alles machen kann, ist schon erstaunlich! Ich meine, das erleichtert den Alltag und verschönert das Leben. Oder? Oder nicht? Man kann es sich ja auch schon berufsbedingt nicht leisten, da rückständig zu sein. Also das geht nicht, dass man da technikfeindlich ist, meine ich. Erstens, was sollen da die Leute denken? Und überhaupt, also man muß eben am Ball bleiben, sonst wird man abgehängt.“

Ja.

Ich weiß.

Wir werden sehen.

Abgehängt lacht sichs am besten

Diese Sprüche und Reden, siehe oben, ich habe sie so satt, seit so vielen Jahren. Inzwischen bin ich, was das betrifft, tatsächlich ganz schön abgehängt, ich hab mich quasi ziemlich selbst abgehängt. Andere nennen das „altmodisch“, „rückständig“ oder „fortschrittsfeindlich“.

Während dessen haben sie aufgerüstet, ausgerüstet und nachgerüstet. Die Geräte und ihre Spielsachen sind immer phantastischer, ihre Autos sind schon richtige Raumschiffe, ihre Wohnungen sind ausgestattet mit Dingen und Funktionen, von denen ich noch nicht mal weiß, wie sie heißen oder wozu sie gut sind. Sie sind mit ihren Maschinen und künstlichen Intelligenzen dermaßen verwachsen, inniger als es Ehepaare je sein könnten. Von Kindesbeinen an sozusagen. Nur ich bin halt immer noch blöd.

Doch so langsam, so langsam, … wer weiß?

Aus Sicherheitsgründen – zur Gefahrenabwehr – nur deshalb – natürlich!

Ich finde eine kleine Nachricht. Sie ist wirklich klein. Und sie zaubert mir ein Lächseln ins Gesicht. Nur ein kleines Lächeln, so klein wie die Nachricht. Ich schicke die Nachricht an ein paar Menschen weiter und kann mir einen kleinen freundlichen Zusatz nicht verkneifen. Hier erst einmal die kleine Nachricht:

Mein kleiner freundlicher Kommentar dazu:

„na? alexa? warum hast du mich nicht gewarnt, alexa? du hast dich bei mir zu hause eingenistet und alles aufgezeichnet und weitergeleitet, die ganze zeit! weil es so schön war mit dir, hab ich jetzt ein smart-home. und hab mich darüber gefreut. ich dachte, alles ist nur dazu da, damit ich es schön habe, gepudert und gewickelt werde wie ein speckiges kleines prinzchen. jetzt muß ich erkennen, dass ich mich selbst verarscht habe, freudig und für viel geld mir meine eigene schlinge um den hals geknotet habe. jetzt komme ich aus dieser nummer nicht mehr raus! ich kann doch nicht einfach ….? was soll ich denn auch ohne dich? und all das andere? hatten die anderen, die verschwörungstheoretiker, etwa doch recht?“

Von einem, der noch gesunden Menschenverstand hat, bekomme ich diese Antwort zugeschickt:

Jep, mir ist das Klar…

Und tatsächlich haben wir das nervige Ding… was habe ich dagegen geredet… Doch was Frau will … Irgendwann habe ich nur gesagt, dann kauf dir den Blödsinn wenn du glaubst dass es dir hilft… Letztendlich ist es egal worüber wir abgehört werden… Fernseher, Tablet, Handy… Überall lauschende KI täglich mit dabei

Google Earth kann zudem direkt in meinen Garten zoomen um nachzuschauen ob er auch ordentlich gemäht ist. Technik ist schon cool, hat aber auch Besorgnis erregende Anteile…

Ob mein Handy wohl auch ein Programm installiert hat, was mitzählt wie oft ich täglich auf Klo gehe?“

Da kann ich ihm folgendes erzählen:

„ich komme auch nicht ganz aus dieser nummer raus, doch habe ich so viele möglichkeiten, es nicht allzu leicht zu machen. mein handy ist nicht mit dem internet verbunden. ich habe keine alexa. mein auto ist so oll, es hat keine kameras, keinen navi, nix. ich habe keine kundenkarten, ich gehe mit bargeld einkaufen, kaufe nur lebensmittel und das meiste an dingen aus dem trödelladen oder second hand shop. generell kaufe ich so wenig wie möglich ein, weil ich mein konsumverhalten extrem runtergeschraubt habe. ich besitze auch nicht wirklich viele dinge, ich bin sozusagen eine bettelarme kirchenmaus, im vergleich zu durchschnittsdeutschen. einen fernseher hab ich nicht, tablet auch nicht, nur ein olles notebook und das betriebssystem ist linux/ubuntu. es liegt an jedem selbst, wie er lebt.“

Ich habe leider vergessen, ihm noch einen wichtigen Tip zu geben. Das fiel mir erst einen halben Tag später ein. Wenn er so gern möchte, dass jemand mitzählt, wie oft er aufs Klo geht, ist vielleicht eine Smartwatch die Lösung. Ich habe gehört, sie mißt alle Körperfunktionen und Reaktionen, zählt Schritte, mißt Puls und alles, weiß den Ort, wo man sich aufhält und die Uhrzeit dazu. sie gleicht das dann ab mit dem, was man selbst eingibt, also Körpergröße, Gewicht und all das. Und rechnet. Und dokumentiert. Und sendet es weiter. Immer weiter. Genau. Das wars doch. Bei Gelegenheit muß ich ihm den Tip geben. Da seine Frau die Alexa hat, hat sie sicher nichts dagegen, wenn er sich Smartwatch zulegt.

Doch dieser Mann will das vielleicht gar nicht. Ich kenne jedoch ein paar Leute, die haben sowas. Die fragen ihre Armbanduhr, ob sie gut geschlafen haben.

Und mich nennen die rückständig.

Rück – Entwicklung

Sie fragen mich nicht, welches Wort mir einfällt, würde ich deren Verhalten beschreiben wollen. Das erste Wort, das mir gerade dazu einfällt, ist: Regression.

Eine Regression (die) ist allgemein ein „langsamer Rückgang” oder eine „rückläufige Tendenz”.

Der Begriff kann bildungssprachlich verwendet werden, um verschiedene Sachverhalte zu beschreiben. Weiterhin hat er in mehreren Fachbereichen eine engere Bedeutung:

In der Psychologie ist eine Regression der Rückgang in eine frühere Entwicklungsstufe. Ein Beispiel hierfür wäre das Wiederauftreten des Einnässens bei Kindern, die eigentlich trocken sind oder die Rückkehr zu kindlichen Verhaltensweisen bei Erwachsenen.

In der Biologie spricht man von regressiver Evolution, wenn bestimmte Anpassungen und Organe, die im Laufe der Evolution entstanden sind, wieder verschwinden.

Der Ursprung des Begriffs findet sich im lateinischen regressio (Rückkehr).

„Retardieren“ könnte auch passen:

Duden: „retardiert“:

Bedeutung/Definition

1) Psychologie: eine einmal gemachte Entwicklung vergessen/rückgängig machen und altes, früheres Verhalten zeigen

2) bildungssprachlich: etwas verzögern

Anwendungsbeispiele

Ein Erwachsener auf der Schulbank im Klassenzimmer retardiert zum Schüler.

„Da die Vermisste geistig retardiert ist, besteht die Möglichkeit, dass sie sich in einer hilflosen Lage oder anderen Gefahrensituation befindet.“

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