Nina Hagen war es, die ein Lied mit diesem Titel hat. Das ist schon eine Weile her, doch scheint es sehr modern zu sein, zeitgemäß, sollte ich sagen. Man kann es ja inzwischen ganz gut übertragen auf alle Medien, die wir so angeboten bekommen. Es ist alles dasselbe. Und es erfüllt seinen Zweck. Der Zweck, der für uns vorgesehen ist. Folgsam wie wir sind lesen wir, schauen wir, spielen wir und lassen uns verformen bis zu einer unkenntlichen Masse, uns selbst fremd geworden. Wir verlieren uns in dieser bunten Welt mit grenzenlosem Angebot, unser Hirn zu einer nutzlosen Suppe hypnotisieren zu lassen und sind befreit von der lästigen Aufgabe, unser Leben zu leben, unser Leben zu gestalten.

Ich schalt’ die Glotze an
Die Daltons, Waltons, everyone
Ich glotz’ von Ost nach West, zwei, fünf, vier
Ich kann mich gar nicht entscheiden
Ist alles so schön bunt hier!
Ich glotz’ TV…“

So bemerken wir nicht, wie unsere Lebenszeit verrinnt. Wir brauchen auch niemanden mehr. Der Kühlschrank ist voll, Chips und Bier stehen neben dem Sofa bereit. Wozu noch Freunde oder wozu noch irgendwas anderes, es strengt doch allzu sehr an, das alles. Denken muß man auch nicht, wer will das auch.

Ich bin so tot! War das nun schon mein Leben?
Meine schöne Phantasie, meine Schaltstellen sind hinüber


Ich schalt’ die Glotze an
Happiness, Flutsch Flutsch, Fun Fun
Ich glotz’ von Ost nach West zwei, fünf, vier
Ich kann mich gar nicht entscheiden
Ist alles so schön bunt hier!
Ich glotz’ TV…“

Wenn nix Schönes kommt, dann hat man ja noch Internet und ja, auch seine Lieblingsplattformen. Dort kann man sich eine schöne Identität kreieren und „Freunde“ oder „Follower“ haben weltweit. Wer oder was einem nicht passt, kann man löschen.

Die Wahrheit

Es soll aber auch noch Leute geben, die Zeitung lesen. Vor allem solche Leute, die sich für etwas bestimmtes interessieren, Politik etwa. Da steht dann alles, schön aufgearbeitet, auch mit schönen bunten Bildern in Großformat. Und was da steht, ist die Wahrheit. Darauf kann man sich verlassen, wie eben auch auf die Tagesschau. Man bekommt auch genau das, was man gerne hört oder liest, entsprechend wählt man ja auch ganz individuell seine Zeitung oder sein Programm. Passen muß es ja schon.

Es gibt allerdings Menschen, die behaupten, das würde alles gar nicht stimmen. Deshalb ist es klug, hin und wieder in eine zweite Zeitung zu schauen, nur so zur Kontrolle. Und da dort dasselbe steht, weiß man, das ist alles richtig so. Und nun ist man sogar umfassend informiert. Fragwürdig, wie diese Zweifler zu ihrer absurden Behauptung bekommen. Man weiß nicht, in welchen Blasen die sich aufhalten. Es müssen Verschwörungstheoretiker sein, die auf Fake News ausrutschen. Es gab solche übrigens schon vor Corona, solche Verschwörungstheoretiker, auch wenn man sie damals noch nicht so nannte. Hierzu habe ich etwas Interessantes gefunden. Es kam sozusagen just in diesem Moment in mein Postfach. Eine Publikation aus dem Jahre 1919, aus welcher Rudolf Steiner etwas zitierte vor Hundert Jahren:

Der Zeitungsleser glaubt alles – und er vergisst alles!

Also «Zur Psychologie des Zeitungslesers», «Türmer 1911», Seite 230, da wird gesagt:

«Der Zeitungsleser ist ein sehr verwickeltes Wesen. Indessen, seine zahllosen weniger wichtigen Eigenschaften verschwinden alle hinter zweien: Er glaubt alles; er vergißt alles. Auf diesen zwei, bei jedem Zeitungsleser vorhandenen Haupteigenschaften beruht das ganze Geheimnis der Tagespresse in ihrer heutigen ungeheuren Entwickelung. Er glaubt an alles, er vergißt alles. Bedrucktes Zeitungspapier ist eines der wesentlichen Kennzeichen des modernen Kulturmenschen. Die allermeisten Leser lesen nur eine Zeitung und glauben an sie. Ihre Weltanschauung am Abend ist die, welche sie morgens aus ihrer Zeitung geschöpft haben. Kommen sie mit einem Menschen zusammen, der eine andere Zeitung liest und dann seine, das heißt seiner Zeitung Weltanschauung vorträgt, so erscheint ihnen der Mann entweder verrückt oder wenigstens paradox. Zeitungsredaktionen, die ein besonders feines Verständnis für die Seele des Zeitungslesers besitzen, schonen mit ängstlicher Vorsicht den zarten Glauben ihrer Leser an bedrucktes Zeitungspapier. Niemals bringt eine Zeitung für die große Masse eine Berichtigung dessen, was sie ihren Lesern mitzuteilen hat; selbst in den nicht seltenen Fällen, in denen eine falsch eingebrachte Meldung das Gegenteil der Wahrheit und vollkommener Unsinn war, hüten sie sich, bei den Lesern den Glauben an die Unfehlbarkeit der Zeitung zu erschüttern. Mitunter sind sie aber doch gezwungen, nach einigen Tagen die Wahrheit zu berichten. Hierbei kommt ihnen die zweite unentbehrliche Eigenschaft des Zeitungslesers zu statten; seine Vergeßlichkeit… GA 165, S. 129f.

Was nun allerdings mit dem „Vergessen“ gemeint ist, verstehe ich jetzt nicht so richtig. Vielleicht meint man so etwas ähnliches wie die Tatsache, dass „Die Grünen“ einmal eine sogenannte „Friedenspartei“ waren. Das weiß ja heute kein Mensch mehr. Ich weiß auch nicht mehr so viel, muß ich sagen. Doch wenn ich auf die letzten Monate sehe, muß ich schon feststellen, dass vieles gesagt wurde, was dann gar nicht stimmte. Hinterher, meine ich. Oder es wurde nach kurzer Zeit das Gegenteil gesagt. Und es hat eigentlich niemand bemerkt und niemanden bekümmert.

Abschalten

Nun habe ich aus diversen Gründen noch nie einen Fernseher besessen. Und seit einiger Zeit auch keine Tageszeitung mehr, weil sie, vor allem zum Frühstück, unverdaulich war. Illustrierte interessierten mich nie besonders. Doch im Internet bin ich schon unterwegs, um mich zu informieren, allerdings jetzt weniger in der Tagesschau oder solche Formate. Es sind eher ganz andere Formate. Doch auch da braucht man man eine Pause.

Ich habe das letztens für ein paar Tage gemacht. Keine Nachrichten, kein Internet. Das geht! Und als ich wieder eingeschaltet habe, konnte ich feststellen: ich habe nichts versäumt. Gar nichts. Alles sieht noch gleich aus, alles läuft wie am Schnürchen und wie vorgesehen, alles ist immer noch zum Kotzen.

In meiner „Karenzzeit“, oder ist es eine Fastenzeit gewesen?, hatte ich einen Traum: alle Menschen in diesem Land würden abschalten und sich darauf besinnen, wer sie sind. Sie würden sich frei machen von all den Lügen seit so vielen Jahrzehnten. Von all der eingeimpften Schuld und Scham, sie würden anfangen, darüber zu denken, wie sie leben wollten. Sie würden sich nach echtem Glück sehnen und die Ärmel hochkrempeln. Sie würden plötzlich ihre Lethargie abwerfen, weil die tägliche Dosis Hypnose und Gehirnwäsche wegfallen würde, sie würden in ihre Kraft kommen, sich mit ihren Mitmenschen zusammenschließen und sich entscheiden, jetzt zu handeln und sich nie wieder irgendwas einreden zu lassen. Sie würden ihr Leben und die Zukunft in ihre eigenen Hände nehmen und auf alle Vorschriften pfeifen. Es war nur ein Traum.

Ein Lied von BAP, das heißt, es ist eine Übersetzung, sozusagen:

Verdammt lang her

Verdammt lange her, dass ich fast alles ernst nahm
Verdammt lange her, dass ich an etwas geglaubt
Und dann der Schock, als es anders auf mich zukam
Merkwuerdig, wo so mancher Hase entlanglaeuft
Nicht resigniert, nur reichlich desillusioniert
Ein bisschen ‘was habe ich kapiert
Wer alles, wenn es bei dir klappt, hinter dir herrennt
Auf deine Schulter klopft, wer dich nicht alles hofiert
Sich ohne rot zu werden dein Freund nennt
Und dich tags darauf ganz einfach ignoriert
Es ist lange her, dass ich vor so etwas ratlos stand
Und vor Enttaeuschung echt nicht mehr konnte
Ich weiss noch, wie ich nur davon getraeumt habe
Wovon ich nicht wusste, wie ich es suchen sollte
Vor lauter Sucherei das finden glatt versaeumt habe
Und ueberhaupt, was ich wo finden wollte
Einen Kopf voller nichts, nur die paar instinktiven Tricks
Es dauert lange, bis du dich durchblickst
Das war die Zeit, als ich noch nicht einmal Pech hatte
Noch nicht einmal das, ich hatte es nicht einmal satt
Hier war john steinbeck, da stand joseph conrad
Dazwischen ich – nur relativ schachmatt
Es ist ein paar Jahre her, doch die Erinnerung faellt nicht schwer
Heute kommt es mir vor, als waere es gestern gewesen
Verdammt lange her, verdammt lange…
Fragst mich, wann ich zuletzt ein Bild gemalt habe
Ob mir ein Lied tatsaechlich jetzt genuegt
Ob ich jetzt da bin, wo ich hingewollt habe
Ob mir meine Farbe auf die Tour nicht vertrocknet
Ich glaube, ich weiss, ob du nun laut malst oder leise
Es kommt nur darauf an, dass du es tust

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