Es gab Mißverständnisse. Es führte zu Streit. Denn es ging um Wahrheit und darum, ob es eine objektive Wahrheit gibt oder ob sich jeder halt so seine eigene Wahrheit stricken kann. Es ging darum, ob man etwas Gefährliches oder Unmoralisches (Moral ist ebenso objektiv und kann, wie die Wahrheit auch, nicht nach Laune und Tagesform oder persönlicher Vorliebe zurecht gedreht werden) bei seinem Namen nennen darf. Es ging darum, ob es zu akzeptieren ist, wenn jemand Unwahrheiten verbreitet oder Dinge, die andere Menschen auf Irrwege führen können.

Es ging auch darum, ob man eine falsche Botschaft falsch nennen darf, auch wenn der Botschafter ein Freund ist. Es ging darum, ob man damit den Botschafter angreift oder lediglich die Botschaft ins Visier nimmt. Obwohl oder gerade weil der Botschafter ein Freund ist. Es ging genaugenommen auch darum, was eigentlich ein Freund ist, und ob echte Freundschaft dadurch definiert ist, zu allem von ihm “Ja und Amen” sagen zu müssen, auch wenn er sich verrennt.

Totschweigen

Darüber wurde allerdings gar nicht gesprochen. Der Streit wurde auf einer ganz anderen Ebene geführt. Eine Botschaft zu hinterfragen wurde gleichgesetzt mit “Den Botschafter anprangern, angreifen”. Es bildeten sich 2 Fronten. Wer nicht für den Botschafter ist, ist gegen ihn und ein Feind. Und natürlich: es eskalierte. Wie immer in der Welt. Wie meistens, zwischen Menschen heutzutage.

Dabei gibt es ja die neue Wortschöpfung von der “Streitkultur”. Eigentlich würde eine ordentliche und sachliche Diskussion erst einmal genügen. Es scheint, als ob das nicht mehr möglich ist. Kontroverse Diskussion um eine Sache scheint nicht mehr gewollt zu werden, die Notwendigkeit nicht mehr begriffen zu werden. Doch so etwas soll es ja geben und in gewissen Kreisen wird das ständig gefordert: Die Experten mit kontroversen Ansichten sollen sich zusammen setzen und miteinander sprechen, anstatt einen einzigen Experten über alle bestimmen und sie mundtot machen zu lassen. Es empfiehlt sich für ein solches Gespräch, etwas Respekt und Höflichkeit zu pflegen und den anderen wirklich anzuhören, ihn verstehen zu wollen. Und sich selbst dann zu hinterfragen und auch hinterfragen zu lassen. “Ergebnisoffen” nennt man das auch manchmal in Neudeutsch.

Das war jedenfalls in der Gruppe, in der es Streit gab, nicht möglich. Das ganze bahnte sich über mehrere Tage an. Mehrere Botschaften eines Botschafters wurde von einem anderen kommentiert und auf die Gefahr darin hingewiesen. Der Botschafter antwortete darauf nicht, er schrieb stattdessen gar nichts mehr sondern leitete nur noch mehr solcher “Botschaften” in die Gruppe hinein. Gesprächsverweigerung ist eine Form von “Gewalt in der Rede”, wenn man den “Lehrgang” ernst nimmt, der sich nennt: “Gewaltfreie Kommunikation”. Soll ganz modern sein.

Rosenkrieg

Alle anderen schwiegen. Jeder mag so seine eigene Gründe dafür gehabt haben. “Ist mir zu blöd”, “Geht mich nix an”, “Hab keine Zeit”, “Hab ich gar nicht mitbekommen”. Fürsorge und Mitverantwortung für eine Gruppe von Menschen, zu denen man gehören will, muß erst noch gelernt werden. Das geht uns wohl allen so. Schönwetterfreundschaften halten nur so lang, bis das Wetter mal ruppig wird. Was vorkommen soll.

Doch als die Bitten über die Tage zu Mahnungen wurden, weil die so gearteten Botschaften wie aus einem Schnellfeuergewehr nur noch so daher geschossen kamen, und dann schließlich Worte fielen wie “Lüge”, “Verdrehung”, “gefährliche Halbwahrheiten”, “…dient der Dunkelheit” auf der einen und „ anprangern“, „verurteilen“ „Besserwisserei“ und „Bevormundung“ auf der anderen Seite und am Ende: “Das ist satanisches Geschwätz” – was sich auf die Botschaften bezog, wohlbemerkt, da wurden so manche Schweiger, die das ja „nichts anging“, plötzlich hellwach und zack: Eskalation, Fronten, und all das, was so mancher aus sogenannten Rosenkriegen im privaten Freundeskreis kennt. Hier allerdings eine moderne Gruppe, digital. In wenigen Stunden die ganze Gruppe platt gemacht.

Freunde

Das wars dann. Wirklich? Nein, das wars dann eben nicht. Wenige Tage nur, mit den nun endlich interessierten „persönlichen“ Rückfragen des ein oder anderen bei dem ein oder anderen und auch das Vermissen der Gruppe als solche führten dazu, dass es diese Gruppe wieder gibt. Nicht alle machen nun wieder mit. Es ist eine etwas verletzte und verletzliche Stimmung dort, doch da lebt der Wille, es besser zu machen und der Wunsch, es mögen nicht alle Beziehungen aufgrund von Dummheiten, Mißverständnissen, Kommunikationsunfähigkeiten und Fehlern sterben. Keiner von uns ist vollkommen, jeder hat noch Luft nach oben, was das Zwischenmenschliche betrifft, wir alle müssen diesbezüglich mühsam das ein oder andere, was einmal selbstverständlich gewesen sein soll, wieder lernen.

Es gibt die Magie, auch in diesen alltäglichen Vorgängen. Sie kostet nichts, außer etwas Mut, Selbstreflexion und Ehrlichkeit. Und Verständnis für die Fehlbarkeit des Menschen. Es gibt magische Sätze, die, wenn sie aus dem Herzen kommen und das Herz das Denken erreicht hat, Wunder wirken können. Einige solcher Sätze lauten in etwa so:

„Kannst du mir das bitte erklären? Ich habe es nicht verstanden.“

„Was genau meinst du bitte mit xyz?“

„Wie konnte das geschehen? Und wie kann man das zukünftig anders machen?“

„Es tut mir leid. Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Es tut mir leid, das habe ich gar nicht gewußt. Wenn ich das gewußt hätte, dann …“

Fehler zu machen ist ein Menschenrecht. Immer wenn man etwas tut, vor allem, wenn man etwas lernt, macht man Fehler oder könnte welche machen. Und wo gehobelt wird, fallen auch Späne. Der allergrößte Fehler ist; nichts zu tun, auch wenn es aus Angst ist, einen Fehler zu machen. Es zeigt sich Größe eines Menschen darin, wenn er aufrichtig sagen kann: „Ich habe einen Fehler gemacht. Das tut mir leid. Ich will es zukünftig besser machen.“ Und auch das ist eine große menschliche Leistung, dann zu sagen: „Es ist in Ordnung. Das passiert uns allen mal. Ich bin froh, dass du das sagst. Laß es uns gemeinsam besser machen.“

Bei all dem darf man nicht vergessen, den ganzen Menschen im Bewußtsein zu haben. All das Gute und Schöne von ihm, all seine besonderen Fähigkeiten. Man kennt jemanden lange und hat ihn für vieles schätzen gelernt. Ein Mißverständnis, ein Fehler und er wird „gelöscht“, wie man heute sagt. Das kann und darf nicht sein. Der Mensch, er ist nicht die Summe seiner Fehler. An Fehlern reift und wächst man. Schlimm ist nur, auf Fehlern zu beharren, warum auch immer, und damit noch mehr anzurichten. Und schlimm ist auch, Fehler um Fehler wie ein Tabu totzuschweigen, zu ignorieren. Um eines falschen Verständnisses von Harmonie willen und einer Art Bequemlichkeit. Das ist keine Freundschaft.

Eine Geschichte über unsere menschliche Fehl – Programmierung

Ein Professor der Mathematik schrieb Folgendes an die Tafel:

1×9 = 9

2×9 = 18

3×9 = 27

4×9 = 36

5×9 = 45

6×9 = 54

7×9 = 63

8×9 = 72

9×9 = 81

10×9 = 91

Erst erscholl leises Gekicher, dann lachten viele der Studenten los, weil der Professor sich offensichtlich verrechnet hatte. 10×9 = 91!

Irgendwann lachte der ganze Raum. Der Professor wartete, bis alle wieder still waren. Dann sagte er: “Ich habe diesen Fehler absichtlich gemacht, um Ihnen etwas zu demonstrieren. Ich habe neun Aufgaben richtig gelöst, und nur einen Fehler gemacht.

Statt mir zu gratulieren, dass ich neun von zehn Aufgaben richtig gelöst habe, haben Sie über meinen einen Fehler gelacht. Und damit zeigen Sie sehr deutlich, wie unser Bildungssystem funktioniert. Und das ist sehr traurig, aber leider wahr.

Wir leben eine Fehlerkultur, die dazu führt, dass Menschen verletzt und teils sogar gedemütigt werden, nur, weil sie sich mal irren. Wir müssen lernen, Menschen für ihre Erfolge zu loben, und auch, sie für ihre kleinen Fehler zu schätzen.

Glauben Sie mir, die meisten Menschen machen viel mehr richtig, als falsch. Und dennoch werden sie nach den wenigen Fehlern beurteilt, die sie machen. Ich möchte Ihnen damit nahe legen, dass es gut ist, mehr zu loben, und weniger zu kritisieren.

Daraus resultiert nämlich noch so viel mehr. Mehr Zuneigung, mehr liebevolles Miteinander, und weniger Gehässigkeit. In diesem Sinne, kommen Sie gut nach Hause.”

Damit nahm er seine Unterlagen und verließ den Saal.

Es blieb noch lange recht still nach diesen Worten. Die meisten Studenten nickten und sprachen leise über das eben Gehörte. Und nicht wenige von ihnen haben verstanden, dass die Lektion, die sie gerade gelernt haben, viel wichtiger war, als das Ergebnis von 10×9.

(Autor unbekannt)

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