Dirk Kruse zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys am 12. Mai 2021: „Von der seelischen Beobachtung der Natur zu künstlerischen Neuschöpfungen in Gesellschaft und Ökosphäre“

Dirk Kruse schreibt ein Dokument und schildert anhand eines Lebenslaufs auch viel von dem, was Joseph Beuys in die Welt gebracht hat und welche Saat er ausgelegt hat. Könnten wir doch diese Saat ergreifen, zusammen mit den Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus! Zur Heilung unserer Gesellschaft und unserer Kultur und zur Neugestaltung unseres Zusammenlebens. Hier ein ausschnittweiser Einblick, das gesamte Dokument von Dirk Kruse ist einzusehen hier:

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…Sein Weg führt dann hin zu weit in die Zukunft vorgreifenden Installationen und Aktionen, in denen er,…, Spirituelles provozierend in Soziales hineinbringt, wie er selbst es darstellte. Zuletzt mündet dies zu Beginnen oder Keimen von sozialkünstlerisch-ko-kreatieven Neuschöpfungen in Gesellschaft und Ökosphäre. Die Beteiligung von „Geisterreichen“ ist ihm dabei selbstverständlich. Solches Vorgehen würde heute gebraucht! Die hier in Zukunft weiterhin möglichen Dimensionen von Wegen der seelischen-geistigen Wahrnehmung zu künstlerischen Transformationen, und dann in ko-kreative soziale und ökologische Weltveränderungen hinein, sind trotzdem riesig und stimmen hoffnungsvoll – da jederzeit umsetzbar. Die Zeit ist wiedereinmal überreif – aber zur Zeit (Coronakrise) überlagert von Hysterien. Beuys wird uns mit Sicherheit immerfort weiterhelfen können …

Auch fasst Beuys genauer den Prozess der „Bewegung“, die, als Plastik in der Seele und im Denken beginnend, als Sprache weitergeht und als soziale „Wärmeplastik“ auftritt, wenn sie sozial heilend relevant wird und man sie seelisch im Sozialen beobachtet. Wärme meint er sowohl physiologisch als auch seelisch. Es geht um die „evolutionäre Wärme“, um die transformierende, zusammenführende und heilende (z.B. im Fieber) Wesensart der Wärme. Unter anderem sagte er dazu:

Ich habe nämlich eine ganz andere Wärme gemeint, nämlich geistige oder evolutionäre Wärme oder einen Evolutionsbeginn.“

Das andere sind die geistigen Prinzipien der Wärme, ja, was man Liebe nennen kann, Liebe im höchsten Sinn. Das ist sicher ein Wärmeprinzip.“

Da wo gegenwärtig die Entfremdung zwischen den Menschen sitzt – man könnte fast sagen als eine Kälteplastik -, da muß eben die Wärmeplastik hinein. Die zwischenmenschliche Wärme muß da erzeugt werden.“ („Soziale Plastik“, Harlan, Rappmann, Schata, Achberger Verlag 1984, S. 58)

Das „Wärmeplastizieren“ hat dabei für Beuys eine über den Menschen hinausgehende Qualität. Das zeigt sich im weiteren Werk dann auch deutlich. So zeigt er auf: „ … dass der Mensch sich nur im anderen erkennen kann. Nicht nur im anderen, das heisst im sozialen Bezug oder im Liebesbezug, sondern auch im Liebesbezug zu allen anderen Gegebenheiten der Welt, zu Mineralien, zu den Pflanzen, zu den Sternen, zu den Tieren, zu der Natur … – Also das ist eine Sache des Erwerbens, des Übens.

Also, wir leben ja alle noch in einer Kultur, die so sagt: Da sind Künstler und da sind Nichtkünstler. Das wird dann unmenschlich, dadurch gibt es den Begriff der Entfremdung zwischen den Menschen. Nein, jeder Mensch vollzieht permanent materielle Prozesse. Er stellt immerfort Zusammenhänge her. Auch wenn er gibt, wenn er einem anderen Menschen ausweicht oder wie er sich im Gedränge verhält, es gibt immer, sagen wir mal Formprozesse. Tänzer machen ja auch nichts anderes, als sich bewegen, auf ihren Füßen. Und Menschen im Straßenverkehr sind imgrunde auch Tänzer.“

Immer geht es aber, gerade im Sozialen, auch um die Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit, um gestaltend handeln zu können: „…Und dieser soziale Organismus existiert wie ein Lebewesen im Zustand höchster Erkrankung. Man kann sich so in diesen Tätigkeiten, wenn man sie bewusst ausbildet, schulen, daß man es wahrnimmt, daß man die Erkrankung des sozialen Organismus als ein Lebewesen wahrnimmt und seine plastischen Bewegungen wahrnimmt, das heißt wieder Gestaltetes, also die gegenwärtige Gestalt des sozialen Organismus mit dem Urbild vergleichen kann. Das ist ein skulpturaler Begriff, den kriegt man erst, indem man das alles übt. Man nimmt dann also skulpturale Dinge wahr, die nicht wahrnehmbar sind mit einem gewöhnlichen Wahrnehmungsapparat. … Wie soll denn die menschliche Gesellschaft gestaltet sein? Weil sie keine Imagination haben vom Urbild, also vom Zustand der Gesundheit eines sozialen Organismus auf dem Zeitband der Entwicklung; denn wie er heute sein muß, muß er anders sein als vor tausend Jahren. …“

Gerade anhand seiner „Sozialen Plastik“ scheint Beuys noch deutlicher zu erkennen, wie er aus dem in seinen Zeichnungen bereits übersinnlich erfassten Bereich heraus arbeitet: „Die psychische Ebene spielt sich beim Menschen auch außerhalb ab: die Menschen sind ja nicht in ihrer Seele abgeschlossen durch die Grenzen ihres Körpers. …Ich muß ganz anders vorgehen, ich muß sagen, es gibt eine sichtbare und es gibt eine unsichtbare Welt. Zur unsichtbaren Welt gehören die nicht wahrnehmbaren Kraftzusammenhänge, Formzusammenhänge und Energieabläufe; gehört auch das, was man gewöhnlich das Innere des Menschen nennt. Das Innere des Menschen schließt sich nicht hinter seiner Haut ab oder hinter dem Magen, zwischen der Lunge und Niere oder irgendwo. Auch die Seele ist Außenwelt, ist nicht sichtbar. Sie mag größer sein als jede Dimension, die irgendein Astronom ausloten kann, sie ist ja gerade ein Element, das weltumfassend ist.“

Es geht Beuys bei all dem um nüchterne schrittweise Arbeit: „Also, es war mir heute darum zu tun, die Soziale Kunst als etwas hinzustellen, das Nüchternheit erfordert, das Klarheit erfordert, das systematische Schritte notwendig macht, dass wir die Dinge in Bezug auf Gemeinschaften formen müssen; denn der Soziale Künstler ist zunächst der Erbauer assoziativer, gesamtgesellschaftlicher Einheiten“.

Beuys bearbeitet hier Steiners organische und differenzierte Lehre einer zeitgemäßen Gesellschaftsentwicklung und -gestaltung, die „Soziale Dreigliederung:

Und die Menschheit wird nicht weiter mitreden können, ohne daß sie ihren sozialen Organismus im Sinne der Dreigliederung: des Sozialismus für das Wirtschaftsleben, der Demokratie für das Rechts- und Staatsleben, der Freiheit oder des Individualismus für das Geistesleben einrichtet. Das wird angesehen werden müssen als das einzige Heil, als die wirkliche Rettung der Menschheit.” (Rudolf Steiner, „Die Erziehungsfrage als soziale Frage“, Dornach 1971, GA296)

Beuys gibt differenzierte Anregungen und Ausführungen über die Entwickelbarkeit des Kultur, Rechts- und Wirtschaftslebens, über die Heilung des „kranken“ Geldes und über direkte Demokratie, eine die Natur einbeziehende Politik und Ethik. Seine Schüler führen bereits zu seinen Lebzeiten seine Ansätze individuell weiter. Sein schwer fassbares Wirken, besonders was die „Soziale Plastik“ angeht, wird, insbesondere durch die unermüdliche und selbstlose Verleger- und Veranstaltungstätigkeit Rainer Rappmanns und die inhaltlich versierte Vortragstätigkeit von Johannes Stüttgen, weiter verlebendigt und entwickelt.

Beuys sah die Vision vor sich, „Liebessubstanz im Sozialen zum gewaltigen Bau zu bringen,…“.

Die Ökologie geht weiter, die Ökologie reicht weiter und bezieht sich auf die Lebensfähigkeit des sozialen Organismus, weil der ein Lebewesen ist, das man mit den normalen Sinnesorganen heute ungeübt nicht wahrnimmt. Bei Übung an Substantiellem und an Substanzvorgängen, an skulpturalen Logiken möchte man fast sagen, nimmt man das wahr. Auf einmal hat man es vor sich und weiß, was man zu tun hat. Und dann hat auch der Begriff der sozialen Plastik auf einmal eine Funktion und ist sinnenfällig, ist dann gar nicht mehr unsichtbar. Man kann dann wahrnehmen, ob so etwas an einem Arbeitsplatz vorhanden ist oder nicht vorhanden ist oder klein angefangen worden ist oder schon sich größer entwickelt hat; und das ist ein Wärmeorganismus, auch ein Wärmeorganismus, das heißt eine evolutionäre Kraft.“

Zusammenfassend ist zu sagen; Es geht um eine der Zeitlage angemessene Kulturinitiative großen Stils – um die Vorkehrungen zur Bildung eines „Kulturmodells der Zukunft“, das auch für andere Städte, Regionen und Länder wegweisend werden kann: die ökologische Gesamtgestaltung des Gesellschaftsorganismus als selbstbestimmte, freie Kooperative aller Fachdisziplinen und Betroffenen unter dem Integral einer gemeinsamen Idee – Soziale Skulptur – die in dem von Beuys in Auftrag genommenen Pilotprojekt “Spülfelder” ihren künstlerischen Ausgangspunkt hat und in einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt werden soll.“

Und nicht nur aktionistisch großpolitisch ist sein Vorhaben gemeint, sondern gleichzeitig hochspirituell und volkspädagogisch. Nebenbei geht Beuys auch von einem neuen Ansatz für die Landwirtschaft aus: „Landwirtschaft als Kunst muss in die Erde hinein.“

Der Beuys-Weg bietet uns in Gegenwart und Zukunfts ein unentwegtes Weiterwirken auf verschiedenen Ebenen an. Aus der ko-kreativer und tiefenscharfer Wahrnehmung heraus Gegebenheiten der geistigen Welt innerhalb der sozialen Lebewesen und der Wesensschaften der Natur – widerum in sozialkünstlerischen Prozesse – hineinzubringen, ist dabei wie eine Grundmethode. Widerum aus Wahrnehmungs-, Sozialkunst- und Begriffsbildungsprozessen in bedürftige Zusammenhänge der lebendigen und beseelten Sozial- und Ökosphäre – ihnen entsprechend und ebenfalls ko-kreativ – hineinzuwirken, ist wie die dazukommende zweite Grundmethode.

Die heute auch wie in einer Tod- und Auferstehungslage befindliche anthroposophische Bewegung, die Beuys zu seiner Zeit seine Wirkungsart zentral mitermöglichte, braucht ebenfalls mehr den je die Tiefenschärfe von Beuys Wahrnehmungs- und Transformationsmethoden. Denn, mangels derzeitiger Alternativen, sind Rudolf Steiners und Joseph Beuys „Reservoir“ immernoch unvergleichlich wirkmächtige Fassungen für zentrale geistige Quellgründe einer evolutionsgerechten Kulturentwicklung.

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