Endlich gute Nachrichten, nach so langer Dunkelheit, nach einem so langen kalten Winter!

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, große Verheißungen werden uns kund getan. Bald darf man wieder zum Frisör. Das freut mich für alle Frisöre, denn ich kenne zutiefst aus eigenem Erleben die Verzweiflung der zerstörten Existenz, der Zerstörung des eigenen Lebenswerkes gar. Ja, es ist für so viele Menschen so wichtig, dieser Besuch beim Frisör, auch für diese Menschen freut es mich. Und vielleicht ist auch bald der Schulbesuch für die Kinder wieder möglich, unter Einschränkungen und Auflagen natürlich, doch immerhin. Und mit einer regelrechten Impfung und in Besitz eines Impfpasses, ein Dokument, welches den gehorsamen Bürger adelt, kann vielleicht auch wieder eine Reise gemacht werden, ab Ostern, hat es geheißen, vielleicht, falls die Zahlen bis dahin stimmen. Und, falls die alten Angehörigen bis dahin noch leben, darf man sie mit diesem Dokument auch wieder besuchen. Unter Einschränkungen und Auflagen natürlich.

So manche Demonstration wurde im Nachhinein sogar auch höchst richterlich genehmigt, unter Einschränkungen und Auflagen natürlich. Oder man verkündete wenigstens, dass sie hätten stattfinden sollen oder können. Sogar die ein oder andere Ausgangssperre des Nächtens wurde höchst richterlich aufgehoben. Nach einer kleinen Wartezeit von Wochen oder Monaten, aber es sind halt auch schwierige Zeiten und andere Dinge scheinen vorrangig gewesen zu sein. Alles das mit der Begründung, diese Verbote seien nicht verfassungskonform gewesen. Zwar interessiert es niemanden, wer jetzt dafür haftet für diese monatelangen Verbote und deren Folgen (obwohl schon klar zu sein scheint, wer diese Verbote zu verantworten hat), und wer Schadensersatz zu leisten habe (wo es doch leicht ist, die Verantwortlichen beim Namen zu nennen und zur Rechenschaft zu ziehen), doch zeigt es, so sagt man mir, dass unser Rechtssystem noch vollkommen in Ordnung ist.

Die kritischen Stimmen gegen diese Corona-Tyrannei scheinen auch leiser geworden zu sein oder wenigstens wurden sie ausreichend zum Verstummen gebracht. Diese seien ja auch Ausdruck und Zeichen von Radikalität gewesen zu sein, rechts, oder auch links, oder auch anders, jedenfalls seien sie besorgniserregend gewesen zu sein, es scheinen sogenannte neue Terroristen gewesen zu sein, sagt man in gewissen Kreisen und verkündet man in gewissen Medien. Jedenfalls ist es leiser geworden, das stelle ich schon fest. So ist ja die Terrorgefahr von dieser Seite auch gebannt, denke ich nun. Und die Menschen, die nicht einmal aus Solidarität impfbereit gewesen sind bisher, die wurden ja bereits teilweise von ihren Posten geräumt auf die ein oder andere Art. Und der Ansporn an alle anderen, sich impfen zu lassen, wird ja verstärkt mit viel gutem Zureden, erlebe ich auf allen Kanälen, wie man so sagt.

Zwar gab es weder Nikolausfeiern, noch das Sankt Martin Fest, es gab kein Weihnachtsfest, jedenfalls nicht so, wie man sich das wünscht und wie es die Seele der Menschen braucht, obwohl es versprochen wurde bei entsprechendem Volksgehorsam. Das Sylvesterfest konnte auch nicht stattfinden, was vielleicht gar nicht so tragisch war, denn wer wollte denn schon gern auf das vergangene Jahr zurückblicken oder sich auf das Neue Jahr freuen? Der Fasching ist ausgefallen und hier im Süden wurde auch das Funkenfeuer storniert. Doch nun wird vage das Osterfest versprochen, nein, halt, so wurde das jetzt nicht explizit gesagt, doch ich höre von Mitmenschen, dass sie fest damit rechnen. Sie sind sich ganz sicher, ja, ganz sicher. Und so viele können sich ja nicht irren.

Es kommt ja auch bald die wärmere Jahreszeit, vielleicht werden sich da ungeahnte Freiheiten auftun! Es könnte doch sein, dass man wieder zwei oder drei haushaltsferne Personen zu sich nach Hause einladen darf, oder wenigstens in den Garten, jedenfalls für diejenigen, die einen Garten haben, für die anderen halt nicht. Oder dass man wieder zu dritt spazierengehen darf. Sogar ohne Hund. Und das Schlange stehen vor diversen Geschäften fällt dann auch nicht mehr so schwer, wenn es milder ist.

Es wird besser, sagen sie, die Menschen, es sei deutlich erkennbar. Denn auch die Novemberhilfen sollen im März ausbezahlt werden. Vielleicht jetzt nicht in dem Umfang, wie es vorgesehen war, und vielleicht wird es doch nicht so unbürokratisch klappen, aber irgend etwas wird klappen, da sind sie sich einig. Es muß doch jetzt auch endlich und die können uns doch nicht noch länger, sagen sie. Und sie sind zufrieden, ja, regelrecht froh, denn die Welt ist in Ordnung. Und es sind immerhin Wahlen, es waren Wahlen und in diesem Jahr stehen viele Wahlen an. Sogar ich habe einen Wahlbenachrichtigung bekommen. Ja, natürlich, Briefwahl ist sicherer, das sagen alle, jedenfalls für den Wähler. Und für die anderen auch, glaube ich, denn so kann man alles etwas besser im Griff haben, das Ergebnis, meine ich, was in schweren Zeiten ja immerhin wichtig ist. Da geht es einfach um Sicherheit. Die Regierung muß ja auch eine Art Sicherheit haben, also Handlungssicherheit, oder wie soll ich sagen? Vielleicht geht es eher um Beständigkeit. Ja genau, es geht eher um Beständigkeit.

Die wesentlichen Dinge des Lebens müssen Beständigkeit haben, auch im Kampf gegen den Terror, nein, eigentlich geht es ja um den Kampf gegen die Gesundheit. Nein, das ist auch wieder falsch, ich muß mich entschuldigen, ich habe einfach nicht gut geschlafen heute Nacht, ich bin etwas durcheinander. Also, was ich sagen wollte, es geht doch um den Kampf gegen den Virus. Oder gegen die Mutationen des Virus. Das wissen die da oben auch nicht so genau, glaube ich, denn es scheint sehr viele Mutationen zu geben, die man jetzt gefunden oder bestimmt hat, obwohl es bislang keinen rechten Virusnachweis gibt, dann kann es ja auch keinen exakten Mutationsnachweis geben, denke ich. Doch das kann ich nicht wissen, ich bin ja kein Experte. Doch auch wenn man den Virus noch nicht recht identifiziert hat und die Mutationen auch nicht, wissen die Experten, dass die Impfung gegen den Virus wie auch gegen die Mutationen hilft, jedenfalls gegen die bekannten oder erahnten Mutationen und die, die noch kommen werden. Dann müsse man halt nicht zwei mal sondern drei mal impfen. Das soll helfen, das wissen die Experten.

Ich bewundere sie, diese Experten! So etwas habe ich schon früher als Kind bewundert, in den Märchen und Geschichten, wenn ein hohes Wesen Weissagungen über Geschehnisse in der Zukunft machen konnte. Wobei da auch manchmal Betrüger dabei waren, die hatten dann eine Glaskugel, schauten hinein und sagten irgendwas und das kostete dann 5 Golddukaten. Wer nicht zahlte, wurde verflucht und mußte qualvoll sterben, nachdem er alles verloren hatte. Zum Glück gibt es sowas in Wirklichkeit nicht. Doch mancher Betrug flog auf, in den Märchen, meine ich jetzt. Wie bei Aschenputtel, wo die Vöglein im Haselbusch rufen:“Ruckedigu, Blut ist im Schuh…“, und der Prinz daraufhin erkannte, dass die Frau, die er mitführte, die falsche war, eine Betrügerin nämlich. Damals gab es eben noch keine Zensur und die Wahrheit kam am Ende ja doch immer raus. In den Märchen, meine ich.

Deswegen sagt der Volksmund ja auch, Lügen hätten kurze Beine. Das verstand ich als Kind nicht so recht, sah ich doch, dass die Lügen zuweilen sehr lange Beine hatten, die Lügen sich sozusagen doch recht lange hielten, bis heute, zum Teil! Doch der Volksmund hat viel Weisheit. Also der Frühere, nicht der Heutige, da bin ich manchmal sogar froh über Kontaktverbot, denn so höre ich nicht so viel vom Volksmund. Aber was ich eigentlich sagen will, um wieder auf das Thema zurückzukommen, der Volksmund sagt doch, der Mensch sei nur da wirklich Mensch, und also auch frei, wo er spielt! Das beruhigt mich seit einem ganzen Jahr schon. Denn, ganz ehrlich, was bleibt einem denn, bei all der Heimarbeit, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Heimbeschulung, in Verbindung mit Ausgangsverboten und Kontaktverboten? Spielen! Ganz Deutschland sitzt am PC und spielt! Er scheint jetzt ganz Mensch zu sein, der Eingesperrte, ohne all diese Ablenkungen, die uns seit Jahrzehnten davon abhielten, ganz Mensch zu sein. Freiheit, ganz nahe!

Trotzdem bin ich irgendwie nicht so recht froh, und dankbar auch nicht. Vielleicht stimmt mit mir was nicht. Ich frage also meinen Mann, das mache ich immer, wenn ich ratlos bin. Manchmal bin ich danach noch ratloser, aber es ist nicht so einfach zwischen Mann und Frau, wie man weiß, vor allem, wenn man verheiratet ist. Ich frage ihn also, ob er sich frei fühlt, wenn er am PC spielt. Er meint, er hätte das noch nicht ausprobiert und hätte auch keine Lust dazu. Doch weiß ich, dass er froh ist, wenn er Posaune spielt oder auf der Gitarre. Allein eben, nicht im Posaunenchor und so. Wegen, na, Sie wissen schon. Aber das ist vielleicht nicht dasselbe. Es ist vielleicht auch eher Kunst. Deshalb versuche ich es nocheinmal. Ich frage ihn, ob er sich frei fühlt, wenn er Posaune spielt. Jetzt fragt er mich, ob mit mir irgendwas nicht stimmt. Ja, es ist nicht so einfach zwischen Mann und Frau.

Ich muß also allein herausfinden, wie es sich mit der neuen Freiheit verhält. Vielleicht sollte ich ja auch einmal zum Frisör gehen. Unter Einschränkungen und Auflagen natürlich. Jedenfalls macht es Sinn, das möglichst rasch zu tun, denn wer weiß, ob man bald nur noch mit Impfpass zum Frisör darf. Und das auch nur, solange nicht noch eine neue Mutation auftaucht, die noch bedrohlicher ist wie alle anderen, die sich eventuell sogar über Blickkontakt verbreitet. Denn, was soll der Frisör dann machen, bitte sehr? Mundschutz, das geht ja noch an, doch Augenklappen, das kann nicht sein. Wie sieht man denn danach aus? Eine tolle Frisur schenkt einem die verlorene oder gestohlene Menschenwürde zurück, ganz ohne Frage! Doch ein total verschnittener Haarschnitt im Blindflug, das ist eines Menschen dann doch unwürdig, ob er nun damit am PC spielt oder nicht.

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