Wenn die Begegnung von Mensch zu Mensch eine »religiöse Handlung, ein Sakrament« sein wird – wenn Menschen Liebe entwickelt haben werden aus eigener Kraft, die aus der Hingabe an den Geist entsteht – wenn Menschen in Treue die Wahrhaftigkeit leben werden, die sich der Lüge widersetzt und auf der Einsicht in die ideelle Gesetzlichkeit beruht – wenn Menschen den Mut haben werden, Wahrheit auszusprechen, in Liebe handeln werden und sich damit der Dunkelheit widersetzen werden immer und in allem, dann – dann wird das eine Neue Menschheit sein. Wenn die Menschen das entwickeln, weil sie es wollen und weil sie das verstehen, wenn sie es bei sich selbst tun, da es nicht anders geht. Wenn. Wenn nicht, dann wird es keine Menschheit mehr geben, dann wird es nur noch Roboter geben, die einem fremden, bösen Willen gehorchen.

Es ist noch möglich. Das kann verstanden werden. Das kann ergriffen werden, es kann ein jeder selbst damit beginnen. Heute. Aus freiem Willen.

«Die Herzen beginnen, Gedanken zu haben»

Ansprache zu einem Michaelsfest: Lorenzo Ravagli (Aus: „Ein Nachrichtenblatt, November 2022“:)

Verehrte Anwesende, liebe Festgäste und -mitwirkende,

ich möchte in meinem Beitrag von einigen Phänomenen ausgehen, die mit unserem Thema scheinbar nichts zu tun haben. Wie sich aber hoffentlich zeigen wird, ist das Gegenteil der Fall.

Rudolf Steiner hat auf diese Phänomene in einem Vortrag im Oktober 1918 hingewiesen (GA 182); kurz vor der Novemberrevolution und der Ausrufung der Republik durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann (9. Nov. 1918). In seiner Rede vom Balkon des Reichstags erklärte Scheidemann u.a.: »Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt«. Tatsächlich ist das »alte Morsche« zusammengebrochen; in bezug auf den Militarismus hat sich Scheidemann allerdings geirrt.

Auf den Zusammenbruch des alten politischen Systems, des Deutschen Kaiserreiches und einer Reihe weiterer »Reiche«, folgte 1919: das Jahr der Dreigliederungsbewegung. Die »Kernpunkte der sozialen Frage …« erschienen im Frühjahr 1919; im Frühjahr begann Rudolf Steiner auch Vorträge zu diesem umfassenden Projekt einer sozialen und politischen Reform zu halten.

Die Dreigliederungsbewegung war eine Antwort auf die Katastrophe des I. Weltkriegs und das soziale Elend, das ihn begleitete und sich nach seinem Ende verstärkte: die Hungerkrise, aufgrund des Wirtschaftskrieges der Alliierten gegen die Mittelmächte; die Energiekrise aufgrund der Besetzung des Rheinlandes und des Ruhrgebietes; die Inflationskrise, aufgrund der horrenden Kriegsausgaben und der Reparationszahlungen, die den »alleinigen« Kriegsschuldigen auferlegt wurden; die Spaltung der Gesellschaft in sich bekämpfende politische Fraktionen; die sozialen Umwälzungen und bürgerkriegsähnlichen Zustände bis hin zu Putschversuchen.

Verfasst wurde das Buch inmitten der größten Pandemie, die die Menschheit im 20. Jahrhundert heimgesucht hat, mit weltweit zwischen 20 und 100 Millionen Toten, je nach Schätzung mehr als der gesamte I. Weltkrieg forderte.

In seinem Vortrag vom 9. Oktober 1918 in Zürich vor Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft (GA 182) geht Rudolf Steiner auf ein Kapitel der spirituellen Psychoanalyse, der Psychosophie ein. Diese spirituelle Psychoanalyse beruht auf hellsichtigen Beobachtungen an der Hüllennatur des Menschen, genauer gesagt, an seinem Astralleib. Und aus diesen Beobachtungen leitet Steiner die Grundideen der Dreigliederung des sozialen Organismus ab, einige Monate, bevor er öffentlich über sie spricht und die »Kernpunkte der sozialen Frage …« veröffentlicht.

Die Engel

Es geht konkret um das Verhältnis der Engel zum menschlichen Astralleib. Den Astralleib kann man auch als »Imaginationsleib« bezeichnen: so wie das Ich ein Gedankenleib ist, ein aus Gedanken gewobener Leib, und die Tätigkeit des Ich darin besteht, Gedanken hervorzubringen und in ihnen zu leben, um durch sie zu einem wachen Bewusstsein seiner selbst zu kommen, so ist der Astralleib ein Leib, der Bilder webt und in Bildern lebt, ein Leib der Imaginationen. Und so wie das Ich der Ort des menschlichen Selbstbewusstseins ist, ist der Astralleib der Ort des Selbstbewusstseins der Engel. Die Engel sind das Ich des menschlichen Astralleibs – oder das stellvertretende Ich, das seine Funktionen im Astralleib so lange ausübt, als das menschliche Ich diese Funktionen nicht übernimmt.

Davon handeln die Ausführungen Rudolf Steiners. Er schildert die Arbeit der Engel am unbewussten Teil der Menschenseele. Nun hätte er einfach die Imaginationen schildern können, durch die sich das Wirken der Engel seiner Beobachtung kundgab, er hätte dann möglicherweise so etwas erzählt, wie Goethes »Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie«. Aber er hat die lebendigen Gedanken, die Imaginationen, die in der Seele als Kräfte wirken, herabgelähmt und in die Sprache der Begriffe übersetzt, damit sie der Bewusstseinsseele unmittelbar verständlich sind.

Was tun die Engel im menschlichen Astralleib?

Sie formen unter der Anleitung der Geister der Form, in welchen das Ich des Menschen urständet, himmlische Urbilder des menschlichen Lebens auf der Erde; Bilder, die in der Seele, – also in den Gefühlen, im Willens- und Phantasieleben – als Kräfte wirken, die die zukünftige Entwicklung der Menschheit ermöglichen sollen.

Was sie in die unbewussten Schichten des Seelenlebens hineinweben, das tritt in unserem Alltagsbewusstsein als Sympathie oder Antipathie, als Wunsch oder Begehren auf. Es äußert sich in der Anziehungskraft, die bestimmte Ideale oder Vorstellungen auf uns ausüben.

Zukunftsideale

Genauer geht es um drei Zukunftsideale: eines das sich auf den Leib des Menschen bezieht, eines das sich auf seine Seele bezieht und eines das sich auf seinen Geist bezieht.

1. Das Ideal, das sich auf den Leib des Menschen bezieht, wird von Steiner wie folgt beschrieben: »Es wirkt der Grundsatz, dass in der Zukunft kein Mensch Ruhe haben soll im Genusse von Glück, wenn andere neben ihm unglücklich sind. Es herrscht ein gewisser Impuls absolutester Brüderlichkeit … des Menschengeschlechtes … mit Bezug auf die sozialen Zustände im physischen Leben.« Das ist offensichtlich das Ideal des Wirtschaftslebens: eines solidarischen Wirtschaftslebens, das auf den Erträgnissen der Leistungen anderer beruht, während die Erträgnisse der eigenen Leistungen wiederum anderen zugutekommen.

2. Das Ideal, das sich auf die Seele bezieht: In der Zukunft soll »jeder Mensch in jedem Menschen ein verborgenes Göttliches sehen«, etwas, das sich »aus den göttlichen Weltengründen heraus … durch Fleisch und Blut offenbart.«

Wenn dieses Ideal in der Zukunft verwirklicht wird, dann wird laut Steiner die Begegnung von Mensch zu Mensch eine »religiöse Handlung, ein Sakrament« sein, und es wird keine Kirche mehr erforderlich sein, um die Verbindung des Menschen zur göttlichen Welt aufrecht zu erhalten.

Das ist das Ideal des Rechtslebens, denn das Rechtsleben beruht auf der Anerkennung der Gleichheit aller Menschen, auf dem Bewusstsein, dass in jedem Einzelnen das gleiche Göttliche lebt, weswegen kein Mensch diskriminiert werden darf. Auf dieser Einsicht beruht die freie Begegnung von Mensch zu Mensch, die Religionsfreiheit, im weiteren Sinne die Meinungsfreiheit, sowie alle anderen durch den Rechtsstaat garantierten Freiheiten.

Deswegen betont Rudolf Steiner auch diesen Aspekt des Rechtes; er drückt das so aus: »Alle freie Religiosität [im weiteren Sinne alles freie geistige Leben], die sich in der Zukunft innerhalb der Menschheit entwickeln wird, wird darauf beruhen, dass in jedem Menschen das Ebenbild der Gottheit wirklich in unmittelbarer Lebenspraxis, nicht bloß in der Theorie, anerkannt werde.« Nicht nur erkannt, sondern auch anerkannt. Gesellschaftlich gesprochen, beruht die Freiheit des geistigen Lebens jedes einzelnen Menschen also auf der Anerkennung der Gleichheit aller vor Gott und ihresgleichen.

3. Schließlich das dritte Ideal, das sich auf den Geist des Menschen bezieht: die Engel wollen dem Menschen die Möglichkeit geben, »durch das Denken zum Geist zu gelangen, durch das Denken über den Abgrund hinweg zum Erleben im Geistigen zu kommen.« Das ist das Ideal des Geisteslebens: es besteht darin, dass jeder einen individuellen Erkenntniszugang zum geistig-göttlichen Zusammenhang der Welt finden kann, so dass er nicht auf Autoritäten oder Dogmen angewiesen ist.

Schließlich fasst Steiner seine Ausführungen in einer kurzen Formel zusammen: »Geisteswissenschaft für den Geist, Religionsfreiheit für die Seele, Brüderlichkeit für die Leiber, das tönt wie eine Weltenmusik durch die Arbeit der Engel in den menschlichen astralischen Leibern.«

Νun, diese Arbeit der Engel findet in der schlafenden Seele des Menschen statt, also jenseits der Bewusstseinsschwelle. Αber entscheidend für die weitere Entwicklung der Menschheit ist, dass sie die drei beschriebenen Ideale ins Bewusstsein hebt. Die Menschen müssen, drückt Steiner das aus, »rein durch ihre Bewusstseinsseele, durch ihr bewusstes Denken dazu kommen, dass sie schauen, wie es die Engel machen, um die Zukunft der Menschheit vorzubereiten.«

Was ist dazu erforderlich?

Auch auf diese Frage gibt er eine Antwort: »Man kann heute Geisteswissenschaft studieren, sie ist da, man braucht wahrhaftig nicht einmal etwas anderes zu tun, als Geisteswissenschaft zu studieren … das Nötige geschieht schon, wenn man nur Geisteswissenschaft studiert und richtig bewusst versteht. Man kann, ohne hellseherische Fähigkeiten sich anzueignen, Geisteswissenschaft heute studieren … Und wenn die Menschen immer mehr und mehr Geisteswissenschaft studieren, wenn sie sich die Begriffe und Ideen aneignen, die in der Geisteswissenschaft gegeben sind, dann werden sie in ihrem Bewusstsein so weit erwachen, dass gewisse Ereignisse eben nicht verschlafen, sondern bewusst vorübergehen [erlebt werden].«

Was heißt, »Geisteswissenschaft studieren«? Was heißt, »sich Begriffe und Ideen aneignen?« Es heißt, Begriffe und Ideen durch die eigene Denktätigkeit hervorbringen – auch wenn sie uns von jemand anderem vermittelt werden –, denn, wie wir wissen, können uns andere keine Gedanken mitteilen, sondern nur Worte; um das Mitgeteilte verstehen zu können, müssen wir in unserem eigenen Bewusstsein durch unsere Denktätigkeit die den Worten entsprechenden Gedanken hervorrufen. Wirklich erfassen und verstehen können wir Begriffe und Ideen nur, wenn wir sie nach allen Seiten durchdenken und durchleben, wenn wir sie uns als lebendige Erfahrung zu eigen machen und sie zur individuellen Evidenz bringen.

»Das Grundelement aller Wissenschaftlichkeit [ist] die ideelle Gesetzmäßigkeit«, heißt es in den »Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung …«. Wir müssen uns durch individuelle Denktätigkeit die ideellen Gesetzmäßigkeiten aneignen, die in der Welt, in der Geisteswissenschaft, enthalten sind. Die Methode, nach der wir dabei verfahren können, wird ebenfalls in den »Grundlinien …« beschrieben, es ist die Methode der Geisteswissenschaften – soweit deren Begriff in diesem Werk bereits entwickelt wird: die Hingabe der Seele an den Geist.

Denn in den Geisteswissenschaften, die »im eminentesten Sinne Freiheitswissenschaften« sind, hat es der Geist – der tätige, produktive, individuelle Menschengeist – mit sich selbst zu tun. Er kann seinen Gegenstand – sich selbst und jeden anderen produktiven Menschengeist – nur erkennen, wenn er sich diesem Gegenstand hingibt, wenn er sich in ihn versenkt. »Ich muss den Gedanken durcharbeiten, muss seinen Inhalt nachschaffen, muss ihn innerlich durchleben bis in seine kleinsten Teile, wenn er überhaupt irgendwelche Bedeutung für mich haben soll«, heißt es in den »Grundlinien…«.

Entscheidend ist unsere Eigenaktivität

An dieser Stelle, meine verehrten Anwesenden, können wir den »feurigen Gedankenfürsten des Weltalls« einsetzen: »Michaels Sendung ist, in der Menschen Äther-Leiber die Kräfte zu bringen, durch die die Gedanken-Schatten wieder Leben gewinnen; dann werden sich den belebten Gedanken Seelen und Geister der übersinnlichen Welten neigen; es wird der befreite Mensch mit ihnen leben können, wie ehedem der Mensch mit ihnen lebte, der nur das physische Abbild ihres Wirkens war«, heißt es in den Anthroposophischen Leitsätzen im Oktober 1924.

Entscheidend dabei ist unsere Eigenaktivität: »Michael vollbringt, was er zu vollbringen hat, so, dass er die Menschen nicht dadurch beeinflusst; aber sie können in Freiheit ihm folgen, um mit der Christus-Kraft den Weg aus der Ahriman- Sphäre wieder herauszufinden, in die sie notwendig kommen mussten.« Und im August 1924 heißt es in einem anderen Leitsatz: Vor dem Anbruch des neuen Michael-Zeitalters im Jahr 1879 »… konnte der Mensch nur fühlen, wie aus seinem Wesen heraus die Gedanken sich formten«. Nach 1879 aber »kann er sich über sein Wesen erheben; er kann den Sinn ins Geistige lenken; da tritt ihm Michael entgegen, und der erweist sich als altverwandt mit allem Gedankenweben. Der befreit die Gedanken aus dem Bereich des Kopfes; er macht ihnen den Weg zum Herzen frei; er löst die Begeisterung aus dem Gemüte los, so dass der Mensch in seelischer Hingabe leben kann an alles, was sich im Gedankenlicht erfahren lässt … Dies verstehen, heißt Michael in sein Gemüt aufnehmen.«

»In seelischer Hingabe leben an alles, was sich im Gedankenlicht erfahren lässt«: das heißt: Michael in sein Gemüt aufnehmen. Und wenn das geschieht, dann beginnen, wie Steiner sich ausdrückt, »die Herzen Gedanken zu haben«. Dass die Herzen beginnen, Gedanken zu haben, ist also kein irgendwie mystischer Vorgang, sondern ein Vorgang, der darin besteht, dass sich die Herzen, die Seelen, den Gedanken, die sie selbst hervorbringen, hingeben, dass sie sich in sie versenken, sie »durcharbeiten«, »nachschaffen«, »innerlich durchleben« bis in ihre kleinsten Teile. Μit anderen Worten: dass sie die Methode der Geisteswissenschaften praktizieren, die Steiner bereits in den »Grundlinien …« beschrieben hat.

Wenn sie das tun, dann beginnen sie nicht nur ihre eigene geistige Tätigkeit zu erleben, sondern sie beginnen zu begreifen, dass es sich um eine geistige Tätigkeit handelt. Und sie beginnen zugleich zu erfahren, dass sie durch diese Tätigkeit etwas hervorbringen, was über ihre Individualität hinausreicht, was alle Individuen miteinander verbindet. Sie beginnen zu erleben, dass sie den »geistigen Kern der Welt« durch ihre Tätigkeit zur Erscheinung bringen, »das geistige Urwesen, das alle Menschen durchdringt«, das sie in ihrem Denken ergreifen. Diese Hingabe an die geistige Tätigkeit und an das, was sich durch sie im individuellen Bewusstsein offenbart, führt dazu, dass sich jeder einzelne Mensch als geistiges Wesen, als Souverän seiner Urteilsbildung und seiner Entscheidungsfindung, als geistig freies Wesen erkennt, als Wesen, dessen Würde in seiner unantastbaren Souveränität besteht. Und diese Selbsterkenntnis verleiht ihm die Fähigkeit, das souveräne geistige Wesen jedes anderen Menschen anzuerkennen.

Das ist der Weg, wie wir im Zeitalter der Bewusstseinsseele »durch das Denken über den Abgrund hinweg zum Erleben im Geistigen kommen«. Unser Denken selbst ist es, das durch seine Tätigkeit die Brücke zum Geistigen baut. In seinem Vortrag im Jahr 1918 (s. Hinweise) schildert Steiner auch, was geschehen könnte, wenn wir diese Brücke zum Geistigen durch unsere Denktätigkeit nicht bauen. Er spricht von einer großen Gefahr für die Bewusstseinsseele, die darin besteht, dass sich die Menschheit nicht vor dem Beginn des dritten Jahrtausends zum geistigen Leben, zum Leben in geisterfüllten Gedanken hinwendet.

Wenn der Mensch sich seiner Aufgabe verweigert …

Was könnte geschehen, wenn wir nicht rein durch die Bewusstseinsseele, durch unser bewusstes Denken die Brücke zum Erleben des Geistigen bauen? Wir geben uns dem Wirken von Engeln preis, die nicht an unserer Freiheit interessiert sind, sondern daran, die Entfaltung dieser Freiheit zu verhindern.

Zwei Kategorien von Wesen werden in diesem Zusammenhang erwähnt: luziferische und ahrimanische: die luziferischen wollen uns zu moralischen Automaten machen, zu guten Menschen – zu Gutmenschen – ohne freien Willen. Sie »hassen den freien Willen des Menschen«, sagt Steiner wörtlich, sie handeln zwar hoch geistig, aber automatisch und sie wollen den Menschen zu einem Abbild ihrer selbst machen. Die ahrimanischen streben danach, durch »allerlei raffinierte wissenschaftliche Mittel« im Menschen das Bewusstsein zu ertöten, dass er ein Abbild der Gottheit ist. Sie wollen ihm die Anschauung beibringen, dass er eigentlich nur ein vollkommenes Tier ist. Ahriman, so Steiner, ist »der große Lehrer des materialistischen Darwinismus«, der technischen und praktischen Betätigungen, die ausschließlich auf das diesseitige Leben ausgerichtet sind. Er will eine ausgebreitete Technik schaffen, durch die der Mensch »dieselben Ess- und Trinkbedürfnisse und sonstigen Bedürfnisse befriedigt«, die auch das Tier befriedigt, »nur in raffinierterer Weise«.

Wenn nun die Menschheit im 20. Jahrhundert nicht aufwacht für den Geist, wenn sie sich nicht selbst erweckt, durch die Hingabe an die Denktätigkeit, dann treten ganz bestimmte Folgen ein. Dann werden sich die Zukunftsideale, die die Engel in Übereinstimmung mit den Geistern der Form in die menschlichen Astralleiber weben, in ihr Gegenteil verkehren – aushimmlischen Urbildern werden Zerrbilder der Hölle, die zu sozialen Perversionen führen.

Es kommt auf dich an

Im Zeitalter der Menschenfreiheit, dem Zeitalter der Bewusstseinsseele, kommt alles auf die Mitwirkung des Menschen an. Ob er die Möglichkeit der Freiheit ergreift oder nicht, das wirkt sich auch auf das Schicksal und die weitere Entwicklung der Engel aus – sie sind auf die Mitwirkung des Menschen angewiesen. Wenn er die ihm angebotenen Ideale mit dem Bewusstsein nicht ergreift, dann sind sie gezwungen, sie in seinen Ätherleib und seinen physischen Leib einzuprägen.

Die Folge ist, dass der Mensch beim Aufwachen gewisse Instinkte und Triebe in sich vorfindet, die nicht das Ergebnis seiner Freiheit sind, sondern wie Zwangsmächte, wie Zwangsvorstellungen, wie Zwangsemotionen auftreten. Was nicht vom Freiheitsbewusstsein ergriffen wird, sondern als Instinkt wirkt, das wirkt schädlich, weil es der Freiheit zuwiderläuft.

Willst du das hier wirklich geschehen lassen?

Drei Arten von aus dem Unbewussten aufsteigenden Inspirationen schildert Steiner im Folgenden, die zu schädlichen sozialen Entwicklungen führen können.

1. Erstens »gewisse instinktive Erkenntnisse, die mit dem Mysterium der Geburt und der Empfängnis, mit dem gesamten sexuellen Leben zusammenhängen«. Die werden nicht bloß zu individuellen Verirrungen führen, sondern konkrete Gestaltungen im sozialen Leben hervorbringen, sie werden die Menschen dazu veranlassen, sich »fortwährend aufzulehnen gegen die Brüderlichkeit«, »grauenvolle Instinkte«, werden das sein, so Steiner wörtlich, »durch die die Menschen zu halben Teufeln werden«. Wir dürfen diese Hinweise nicht zu eng auffassen und nur an sexuelle Verirrungen im engeren Sinn denken, an Frühsexualisierung, Pädophilie, Zwangsprostitution oder die pornographische Industrie. Wir können uns auch daran erinnern, dass er bereits im Jahr 1917, ebenfalls im Oktober – zur Zeit der russischen Revolution – , den nationalen Chauvinismus und den Rassismus ebenfalls auf die Inspirationen engelartiger Wesen und »sexuelle Instinkte« zurückgeführt hat. Ιch zitiere: »Engelartige Wesen, Wesen aus der Hierarchie der Angeloi sind es, die seit dem Jahre 1879 unter uns wirken, Nachzügler der alten Geister der Finsternis, … durch das Ereignis von 1879 sind sie vom Himmel auf die Erde gestoßen worden … So dass von da ab die alten Impulse, die sich auf die Rassen-, Stammes- und Volkszusammenhänge, auf das Blut gründen, übergehen in die Regierung der Geister der Finsternis, dass von da ab die Geister der Finsternis, die früher Rebellen der Freiheit waren, den Menschen einzuimpfen beginnen, die [sozialen] Ordnungen auf Stammeszugehörigkeiten, auf Blutsbande zu begründen … Und so sehen wir, dass gerade im 19. Jahrhundert ein Pochen auf Stammes- und Volks- und Rassenzusammenhänge beginnt, und dass man von diesem Pochen als einem idealistischen spricht, während es in Wahrheit der Anfang ist einer Niedergangserscheinung … der Menschheit … Denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen.«

Was aus diesem Pochen auf die Bluts- und Rassenideale geworden ist, die die Menschen »zu halben Teufeln« werden lassen, konnte man zwischen 1933 und 1945 in Europa erleben. Aber die Prüfung war damit nicht vorüber und sie ist auch heute nicht vorüber, was jeder erkennen wird, der mit wachem Blick die Geschichte des 20. Jahrhunderts und die Gegenwartsereignisse verfolgt.

Was wir heute erleben, ist die Wiederkehr des Rassismus:

eines Rassismus, der im Namen des Antirassismus auftritt, der behauptet, den Rassismus zu bekämpfen, indem er einen neuen einführt, einen antiweißen Rassismus, der alle Weißen von Natur aus für böse erklärt, weil sie aufgrund ihrer Geburt Rassisten sein müssen und ihr Verhalten oder ihre Einstellungen daran nichts ändern können. Es ist die Wiederauferstehung der augustinischen Erbsündenlehre unter säkularen Vorzeichen.

eines hygienischen Rassismus, der im Namen der Volksgesundheit auftritt, dem es beinahe gelungen wäre, ein neues Apartheidsystem aufgrund körperlicher Eigenschaften einzuführen, das Menschen, die sich nicht einer gentechnischen Behandlung unterziehen wollten, systematisch entrechtet und diskriminiert hätte,

eines Apartheidsystems, das bis heute für Teile der Gesellschaft unter dem Namen der einrichtungsbezogenen Impfpflicht in Kraft ist.

2. Es ist laut Steiner noch eine zweite Art von Inspiration zu erwarten, eine Inspiration, durch die eine »instinktive Erkenntnis gewisser Heilmittel gewonnen wird, die aber schädlich sind. Die »materialistische Medizin wird eine ungeheure Förderung« erfahren; man wird instinktive Einsichten in die Heilkraft »gewisser Substanzen und gewisser Verrichtungen bekommen«, und »ungeheuren Schaden« dadurch anrichten. Aber man wird den Schaden nützlich nennen, »man wird das Kranke gesund nennen« – natürlich gilt auch die Umkehrung dieses Satzes: man wird das Gesunde krank nennen; »man wird erfahren, was gewisse Substanzen und Verrichtungen für Krankheiten hervorrufen und nach ganz egoistischen Motiven Krankheiten hervorbringen oder nicht hervorbringen«.

Nun, zur Interpretation dieser Andeutungen muss man eigentlich heutzutage keine weitschweifigen Ausführungen mehr machen. Jeder, der die letzten zweieinhalb Jahre miterlebt hat und nicht den Suggestionen erlegen ist, die im Zusammenhang mit der sogenannten Pandemie verbreitet worden sind, wird sich seinen Reim darauf machen können, was mit der Aussage gemeint ist, »man wird das Kranke gesund nennen«; oder mit der anderen: »Man wird nach ganz egoistischen Motiven Krankheiten hervorbringen oder nicht hervorbringen«.

Es genügt zur Illustration vielleicht, aus einem Artikel zu zitieren, der im Sommer 2021 im »British Medical Journal« erschienen ist und von einem langjährigen Herausgeber dieser Zeitschrift, von Richard Smith, verfasst wurde: »Stephen Lock, mein Vorgänger als Herausgeber des BMJ, machte sich in den 1980er Jahren Sorgen über Forschungsbetrug, aber man hielt seine Bedenken für exzentrisch. Die Forschungsbehörden beharrten darauf, dass Betrug selten sei und keine Rolle spiele, weil die Wissenschaft sich selbst korrigiere, und dass keine Patienten unter wissenschaftlichem Betrug gelitten hätten.

All diese Gründe, Forschungsbetrug nicht ernst zu nehmen, haben sich als falsch erwiesen, und 40 Jahre nach Locks Besorgnis stellen wir fest, dass das Problem riesig ist, dass das System Betrug begünstigt und dass wir keine angemessene Antwort darauf haben. Es ist vielleicht an der Zeit, nicht mehr davon auszugehen, dass die Forschung ehrlich durchgeführt und berichtet wird, sondern sie als nicht vertrauenswürdig zu betrachten, bis das Gegenteil bewiesen ist.«

3. Und es gibt noch eine dritte Art von Inspirationen, die sich ebenfalls schädlich auf das soziale Leben auswirken werden. Durch sie, führt Steiner aus, »wird man gewisse Kräfte kennenlernen«, »durch die man durch Harmonisierung von gewissen Schwingungen in der Welt große Maschinenkräfte wird entfesseln können« … »eine gewisse geistige Lenkung des maschinellen, des mechanischen Wesens wird man auf diese Weise instinktiv erkennen lernen, und die ganze Technik wird in ein wüstes Fahrwasser kommen«. Damit ist nicht etwa die Atombombe oder eine andere Waffentechnologie gemeint, durch die gewaltige Zerstörungskräfte in kurze Zeitmomente gebündelt und entfesselt werden. Es geht um die »geistige Lenkung des maschinellen, des mechanischen Wesens«, darum, dass »durch die Harmonisierung gewisser Schwingungen Maschinenkräfte entfesselt werden« – um Prozesse, die längere Zeiträume umfassen also. Voraussetzung dafür ist eine Entwicklung, die man als Transhumanismus bezeichnet: die Optimierung des Menschen durch Technik, die Entwicklung von Cyborgs und Androiden, die nicht mehr nur aus organischer Substanz bestehen, sondern hybride Wesen aus Organik und Technik sind, die z.B. imstande sein werden, sich durch Implantate in ihrem Gehirn unmittelbar mit globalen Daten- und Kommunikations-Netzwerken zu verbinden, und ihr Bewusstsein und die Reichweite ihres Willens auf diesem Weg ins Übermenschliche zu steigern.

Visionen einer solchen Zukunft existieren bereits; entsprechende Technologien sind im Ansatz vorhanden und werden ohne Zweifel in den kommenden Jahrzehnten weiterentwickelt. Sie beruhen auf der Beherrschung gewisser Schwingungen, elektrischer Schwingungen des menschlichen Nervensystems oder des menschlichen Organismus im allgemeinen, die direkt auf technische Apparaturen übertragen oder von technischen Systemen ausgelesen werden können. Was sich hier abzeichnet, ist die freiwillige Abschaffung der Menschheit, die Züchtung eines neuen Übermenschen, einer technomorphen Bestie, die den Menschen in all seiner Unvollkommenheit und Fehlbarkeit überflüssig macht.

Michael besiegt den Drachen – nur mit deiner Hilfe, mit deiner ganzen Anstrengung

Verehrte Anwesende, ich glaube, wer heute – in unserer unmittelbaren Gegenwart – über Michael sprechen will, der muss auch über den dreifachen Drachen sprechen, der sich ihm entgegenstellt.

Michael ist ein kämpferischer Erzengel, ein Erzengel, der das Schwert führt; aber er führt dieses Schwert, das Schwert des Geistes, nicht für uns. Wir Menschen müssen es führen, um den dreifachen Drachen überwinden zu können, dessen Pesthauch der Lüge, der Angst und des Hasses unsere Seelen und unsere sozialen Beziehungen vergiftet. Dazu brauchen wir dreierlei:

Liebe, die sich aus der Hingabe an den Geist entwickelt, den wir in unserer Seele zur Erscheinung bringen. Wir müssen in seelischer Hingabe leben an alles, was sich im Gedankenlicht erfahren lässt. Diese Art von Liebe, die »warm in die Welterscheinungen untertaucht«, ist imstande, allen Hass zu überwinden.

Wahrhaftigkeit, die sich der Lüge widersetzt und auf der Einsicht in die ideelle Gesetzlichkeit beruht, die das Grundelement aller Wissenschaftlichkeit ist. Denn die individuellen Evidenzen, die individuellen Einsichts- und Erkenntniserlebnisse und die Treue zu ihnen sind die Quelle aller Wahrheit und Wahrhaftigkeit.

Und den Mut, auszusprechen, was wir erkennen, und an unserer Einsicht festzuhalten, auch wenn die öffentliche Meinung, die Meinung unserer Peergroup ihr entgegensteht. Dadurch erweisen wir wahre Solidarität gegenüber unseren Mitmenschen, nicht durch die Unterwerfung unter die Mehrheitsmeinung oder die Diktate staatlich approbierter Instanzen.

Dieser drei Tugenden bedürfen wir, um die Prüfungen bestehen zu können, die uns der unwahre Zeitgeist, der Geist der Unwahrheit, des Hasses und der Angst auferlegt.“

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