„Das will doch keiner wissen“ sagte mein Mann, als ich laut am Überlegen war, ob ich zu diesem Thema einen Artikel schreiben soll. „Wieso nicht?“ „Weil es unbequem ist, oder vielleicht peinlich“. Aha. Sind nicht die meisten meiner Artikel unbequem? Manches auch peinlich? Nichts Neues also.

Höflichkeit ist uncool, altmodisch, meinte er noch, als ich schon unterwegs zu meinem Schreibtisch war. Höflichkeit. Dann fang ich eben mal mit Höflichkeit an. Geht es nicht um „Die neue Menschheitsfamilie“, wo alles ganz anders sein wird? Sogar der Umgang miteinander? Achtsamkeit nennen sie es ja, manche versteigen sich sogar zu „liebevoll“. Dann wird Höflichkeit ja nicht zu viel verlangt sein, denke ich. Folgendes finde ich also:

Höflichkeit

Aus mittelhochdeutsch “hovelecheit” = “guter Umgangston, Zuvorkommenheit”; aus dem Adjektiv “höflich” = “zuvorkommend, aufmerksam, gute Umgangsformen beweisend”

  • Taktgefühl
  • Freundlichkeit
  • Einfühlungsvermögen
  • Rücksichtnahme
  • Hilfsbereitschaft
  • Wertschätzung
  • Respekt
  • Loyalität

Ich suche also nach höflichen Umgangsformen und staune, weil ich dazu nicht viel finden kann. Es scheint so, dass dies ein Thema ist, welches nur im Geschäftsleben relevant ist, und das wohl auch erst seit kurzem. Im Privatleben spielen höfliche Umgangsformen offenbar keine Rolle. Also hat mein Mann wieder einmal recht. Altmodisch.

Oben genannte 8 Punkte zur Höflichkeit sind ja ganz richtig. Doch was steckt hinter diesen 8 Begriffen? Nichts als leere Worthülsen? Meistens, sonst hätte ich nicht den Drang, darüber zu schreiben. Denn ich finde, das fehlt in unserer Welt, in unserem Alltag. Es ist verloren gegangen, keiner weiß so genau wann und warum. Es scheint auch niemandem großartig aufzufallen. Wieso wird Höflichkeit eigentlich nicht schmerzlich vermißt?

Ich vermisse sie schon. Sogar sehr. Und begegne ich jemandem, der so altmodisch ist und etwas Höfliches sagt oder tut, ist es ein bißchen wie Weihnachten. Mir ist es schon oft passiert, dass ich selbst zum Anlaß eines ähnlichen Erstaunens bei anderen wurde, doch auch bei mir ist noch Luft nach oben.

Dann machen wir es doch mal klassisch, mit Recherche.

Taktgefühl

Taktgefühl (veraltet Zartsinn) ist die umgangssprachliche Bezeichnung für die Fähigkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu stehen, ohne sie zu brüskieren oder zu beschämen oder ihnen unangemessen zu nahe zu treten. Es kann sich auch zur Charaktereigenschaft verfestigen. Helmuth Plessner bezeichnete den Takt als den „ewig wache(n) Respekt vor der anderen Seele und damit die erste und letzte Tugend des menschlichen Herzens“.

Taktgefühl, auch wegen der erforderlichen Sensibilität in übertragener Weise Fingerspitzengefühl genannt, drückt sich im Konkreten sowohl darin aus, was gesagt, gefragt oder getan wird, als auch darin, auf welche Weise und zu welchem Zeitpunkt dies geschieht, wobei es auch eine Rolle spielt, in welchem Verhältnis die jeweiligen Personen zueinander stehen.

Taktgefühl setzt also die Fähigkeit voraus, ein Maß zu erspüren und es als nicht zu überschreitende Grenze zu respektieren. So wird man niemanden beleidigen oder bloß stellen. Man wird nicht übergriffig werden im Verhalten oder in der Rede.

Freundlichkeit

Freundlichkeit zeichnet sich grundlegend dadurch aus, dass man im Kern seiner Geisteshaltung zu einer anderen Person so kommuniziert, als ob diese Person potenziell ein Freund ist. Dies drückt sich durch authentisch zugeneigte Gesten und eine herzliche Sprache aus. Neben einer respektvollen und offenen Haltung ist insbesondere ein wohlwollendes und liebenswürdiges Verhalten deutlich sichtbar.

Freundlichkeit ist somit auch ein Angebot, eine Freundschaft aufzubauen.

Das hört sich mal gut an: Angebot zur Freundschaft. Würde man anderen Menschen so begegnen, als ob man einen neuen Freund in ihm gewinnen will, wäre schon viel geholfen. Dazu braucht es keine ewig langen Definitionen. Wenn man dann noch versucht, mit jenen, die man schon kennt, Freundschaft halten und pflegen zu wollen, weiß man auch, was man am besten tut und was man unterläßt. Rüpelhafter Umgangston oder grobes Verhalten verbieten sich dann von selbst.

Einfühlungsvermögen

Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden. Ein damit korrespondierender allgemeinsprachlicher Begriff ist Einfühlungsvermögen.

Zur Empathie wird gemeinhin auch die Fähigkeit zu angemessenen Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen gezählt, zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz und Hilfsbereitschaft aus Mitgefühl.

Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung – je offener eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie auch die Gefühle anderer deuten – sowie die Selbsttranszendenz, um egozentrische Geisteshaltungen überwinden zu können.

Die allgemein zu beobachtende Herzenskälte, Gleichgültigkeit und Ich – Bezogenheit dürfte sich endlich ins Gegenteil wandeln, denke ich. Eine Steigerung dieser Art von Unmenschlichkeit kann ich mir inzwischen nicht mehr vorstellen. Es wird Zeit. Es wird wirklich Zeit!

Rücksichtnahme

Jetzt bin ich platt! Ich finde folgenen Text bei Wikipedia:

Der Artikel „Rücksichtnahme“ existiert in der deutschsprachigen Wikipedia nicht.“

Was soll ich dazu sagen? Auch das ist eine Aussage! Deutlicher geht es nicht.

Doch finde ich noch etwas nach längerem suchen:

Rücksichtnahme ist die gegenseitige Achtung und Toleranz gegenüber den Bedürfnissen, Gefühlen oder Interessen anderer. Das verständnisvolle Verhalten zeigt sich im Beruf ebenso wie im Straßenverkehr, im Alltag ebenso wie in Beziehungen oder Partnerschaften. Wer Rücksicht nimmt, nimmt sich selbst „zurück“, um auf andere zu achten. Gegenseitige Rücksichtnahme ist eine Form der Empathie und sozialen Kompetenz.

Typische Synonyme für Rücksichtnahme sind: Achtung, Behutsamkeit, Diskretion, Entgegenkommen, Freundlichkeit, Höflichkeit, Mitgefühl, Respekt, Takt, Toleranz, Teilnahme oder Vorsicht.

Das Gegenteil von Rücksicht ist Egoismus, Egozentrik, Selbstsucht, Gewissenlosigkeit oder Skrupellosigkeit.“

Na also, geht doch!

Zur Rücksichtnahme gehört sicherlich auch, jemandem die Tür aufzuhalten, einen Sitzplatz anzubieten, in den Mantel zu helfen, eine schwere Tasche abzunehmen und solch altmodische Verhaltensweisen. Das sind kostenlose Kleinigkeiten, die das Leben schön machen. Könnten. Wenn man wollte.

Hilfsbereitschaft

Hilfsbereitschaft ist eine Zusammenwirkung zwischen Menschen, die auf gegenseitiger Bereitschaft zu helfen, beruht.
Ist jemand hilfsbereit, heißt das, dass er sich dazu entscheidet, einer anderen Person zu helfen, ohne dass diese ihn zwangsläufig darum bittet oder mit einer Gegenleistung dienen wird.
Die Bereitschaft, zu Unterstützen oder Hilfe zu leisten, liegt in der Natur eines gesunden Menschen. Vor allem bei sehr kleinen Kindern ist diese instinktive Fähigkeit 
noch zu erkennen.

Erstaunlich, nicht wahr? Bei kleinen Kindern instinktiv „noch“ vorhanden. Ich frage mich, ob dies auf alle anderen höflichen Eigenschaften ebenso bei kleinen Kindern instinktiv „noch“ vorhanden ist, bis es von der Umwelt abtrainiert wird. Wieso ist das so? Instinkitv – eine natürliche Sache also, ein natürliches Verhalten. Hm.

Wertschätzung

Wertschätzung bezeichnet die positive Bewertung eines anderen Menschen. Sie gründet auf einer inneren allgemeinen Haltung anderen gegenüber. Wertschätzung betrifft einen Menschen als Ganzes, sein Wesen. Sie ist eher unabhängig von Taten oder Leistung, auch wenn solche die subjektive Einschätzung über eine Person und damit die Wertschätzung beeinflussen.

Wertschätzung ist verbunden mit Respekt, Wohlwollen und drückt sich aus in Zugewandtheit, Interesse, Aufmerksamkeit und Freundlichkeit. „Er erfreute sich allgemein hoher Wertschätzung“ bedeutet umgangssprachlich: Er ist geachtet/respektiert.

Es gibt eine Korrelation zwischen Wertschätzung und Selbstwert: Menschen mit hohem Selbstwert haben öfter eine wertschätzende Haltung anderen gegenüber, werden öfter von anderen wertgeschätzt, wohingegen Personen die zum aktiven Mobbing neigen, häufig ein eher geringes Selbstvertrauen damit kompensieren.

Empfangene und gegebene Wertschätzung vergrößern das Selbstwertgefühl sowohl beim Empfänger als auch beim Geber.

Respekt

Die Bedeutung ist stark vergleichbar mit Wertschätzung oder  ehrerbietender Aufmerksamkeit gegenüber einer anderen Person einer Gruppeoder Instanz.

Der Begriff wird meist auf zwischenmenschliche Beziehungen angewendet. In der Kommunikation und in Beziehungen bedeutet Respekt, dass man Personen mit einer förmlichen Achtung, Rücksichtnahme und/oder demütigen Haltung begegnet.

Höflichkeit ist die Blüte der Menschlichkeit. Wer nicht höflich genug ist, ist auch nicht menschlich genug.” Joseph Joubert

Wie wäre es ganz einfach mit dem, was man vor nicht allzu langer Zeit „gute Kinderstube“ nannte?

Im Gespräch, im Schriftverkehr und im Umgang miteinander kann man etwas achtsamer mit seinen Mitmenschen sein, ganz ohne Frage. Anfangs wird es vielleicht ungewohnt sein, und man wird es dauernd vergessen, dass man doch wollte …, doch es ist immer Luft nach oben. Und es würde das Leben unter Menschen einfach wieder schöner machen. Es muß ja nicht so weitergehen, dass es einem fast nur noch eine Plage ist, unter Menschen sein zu müssen.

Hierzu finde ich noch folgende Anregungen:

  1. Denke daran: Du kommunizierst mit Menschen.
  2. Versetze Dich in die Lage Deines Gegenübers.
  3. Wie willst Du behandelt werden?
  4. Ist Dein Standpunkt der einzig wahre?
  5. Kennst Du die Intention deines Gesprächspartners?
  6. Jeder Mensch verdient Respekt.
  7. Bedanke Dich, wenn es angebracht ist.
  8. Hat dein Gegenüber vielleicht Recht?
  9. Lehne keine Idee ab, weil sie Dir nicht gefällt.
  10. Gib Menschen die Chance, dein Vertrauen zu verdienen.
  11. Aktives Zuhören ist eine Kunst. Über Dich darin.
  12. Antworte auf Fragen und schmettere sie nicht ab.
  13. Lass Dich auf den Dialog ein.
  14. Frage nach, wenn etwas unklar ist.
  15. Streue keine Gerüchte.
  16. Wenn Du keine Ahnung hast, sei still.
  17. Lass Dich nicht auf Scheinargumente ein.
  18. Vor dem Schreiben/ Sprechen Hirn einschalten.
  19. Höre auf Deine Intuition und dein Gefühl.
  20. Reagiere auf emotionale Angriffe gelassen.
  21. Bleibe stets höflich.
  22. Akzeptiere und verzeihe Fehler, wir machen alle welche.
  23. Quäle Dich nicht mit Selbstvorwürfen.
  24. Lass Frustration und Stress nicht an anderen aus.
  25. Denk daran, dass Du ggf öffentlich kommunizierst.
  26. Benutze Deinen gesunden Menschenverstand.
  27. Lass Dich nicht von äußeren Zwängen leiten.
  28. Passt Dein Verhalten zu Deinem Selbstbild?
  29. Könntest Du falsch liegen?
  30. Schließe Dich nicht immer der Mehrheitsmeinung an.
  31. Sei bereit, Fehler einzugestehen.
  32. Sei bereit, dich zu entschuldigen, wenn es ansteht.
  33. Manche Themen sollten nicht öffentlich diskutiert werden.

Ok. nicht alles auf einmal. Doch vielleicht so etwa 5 Punkte vornehmen und sie mal eine ganze Woche lang pflegen. Und zwar ohne Unterbrechung. Und nach einer Woche einen neuen Punkt hinzunehmen. Oder so. Vielleicht. Oder 2-3 Punkte aus der „Höflichkeitsliste“ hernehmen und sie ins leben zu bringen. Könnte ja was bewirken.

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