Mütter wissen das manchmal. Das Wunder, das unter ihrem Herzen wächst und lebt und dann ins Licht will, auf dieser Welt ankommen will. Sie wissen es in ihrem Herzen, dass dieses Wesen nicht aus dem Nichts entsteht, dass es von Irgendwo kommt, zu ihr. Ein Geschenk, das ihr nicht gehört. Das Wesen, es gehört sich selbst. Während sie es in ihren Armen hält, fragt sie sich manchmal voller Neugier, was es wohl einmal für ein Mensch werden wird. Was es wohl einmal tun wird in dieser Welt, mit seinem Leben, auf seine ganz besondere Weise, warum es gekommen ist, welche Impulse es hatte, die so stark und so sehr gewollt waren, um dieses Wunder zu vollbringen. Und manchmal geschieht es, dass sie sich fragt: „Und ich? Was wollte ich? Wer bin ich?“

Dann ist man sehr beschäftigt über viele Jahrzehnte, denkt nur noch selten daran. Es gibt viel zu tun und es gibt unterwegs auch viele Sorgen und Kümmernisse, Krisen und Schicksalsschläge und auch viele schöne Erlebnisse und Erfahrungen. Manchmal geschieht es, dass Menschen in ihrem Lebenslauf an Punkte kommen, wo sie innehalten, nachdenken. Meistens dann, wenn es „ganz dick kommt“, wie man so sagt. Dann schauen sie auf ihr Leben, auf sich selbst, und fragen sich wieder: „Wer bin ich? Was will ich? Oder was ist es, was ich eigentlich einmal wollte? Habe ich mich irgendwie verlaufen? Wer war ich vor 20 oder 30 Jahren, was wollte ich da, wer war ich da und wer bin ich geworden und was will ich jetzt? Habe ich etwas vergessen, etwas Wesentliches?“

Jetzt ist man nicht mehr jung, vielleicht wird man schon alt, man spürt es vielleicht „in den Knochen“, dass das Leben end-lich ist. Keiner weiß, wie viel Zeit man noch hat, hier, wo man so dringend hin wollte, wo man so unbedingt sein und leben wollte, um – ja, warum eigentlich?

Und man spürt, dass diese Gedanken unangenehm sind, drängend, irgendwie, und ja, auch dringend! Worum geht es denn? Ist es das hier: „Mein Haus, mein Auto, meine Jacht, meine Frau…“? War es das, was uns angetrieben und rund um die Uhr beschäftigt hielt all die Jahre und es uns immer noch hält, fest im Griff, als gäbe es nichts anderes? Und doch braucht man immer mehr davon, weil es nicht satt macht irgendwie, weil es kein „genug“ gibt. Wenn es das nicht ist, was dann? Die Zeit läuft! Wo ist das Glück, die tiefe Erfüllung, die länger anhält als der Moment, in dem man etwas lang Erstrebtes endlich besitzen kann? Wo ist das Gefühl, den Sinn zu spüren, den tiefen, der sich kaum mit Worten ausdrücken läßt, nach dem es eine Sehnsucht gibt, die schmerzt?

Und all das, mein Haus, mein Auto…., bin ich das? Und weiß ich denn nicht ganz genau, dass ich das nicht mitnehmen kann? Das letzte Hemd hat keine Taschen. Und Mitnehmen, wohin? Gibt es da was, danach? Niemand weiß es, viele reden irgendetwas darüber, doch Beweise haben sie nicht. Der Himmel, das Paradies, das Nirwana…, und was denke und fühle ich? Wie lebe ich, jetzt, heute, und die vielleicht wenige Zeit, die ich noch habe? In welcher Welt lebe ich und wie gestalte ich eigentlich die Welt? Wozu trage ich bei, was unterstütze ich, wogegen kämpfe ich? Was will ich neu machen, gut machen, wozu will ich beitragen, jetzt, ab jetzt?

Wenn man nicht weiter weiß, oder sich neu orientiert, schaut man sich oft um: Wie machen das die anderen eigentlich? Und vielleicht fragt man andere zu diesen Gedanken, was nicht einfach sind, mit solchen Fragen ist man selten ein willkommener Gast. „Was ist mit dir los? Bist du depressiv?“ bekommt man dann zu hören oder sieht diese Frage unausgeprochen in den Augen der Mitmenschen. Manche sagen, sie glauben an Gott und fühlen sich in seinen Händen geborgen. Sie würden sich danach richten, was Christus gelehrt hat. Andere streben durch Übungen nach der Erleuchtung, doch selten sagen sie, was das genau ist und wozu es gut ist. Was ich persönlich festgestellt habe, schon sehr lange aber gerade auch im Jahr 2020: Sie haben Angst! Und ich habe nachgefragt:

Woher kommt diese schlimme Angst, nicht nur aber auch vor allem bei älteren Menschen, in ihrem letzten Lebensabschnitt, dieses verzweifelte sich-fest-klammern an das hier, und ja, auch an den eigenen Besitz, und der Körper ist ja nichts weiter als ein Besitz, auch wenn es ein Wunderwerk ist? Wo ist nun das Vertrauen und das sich geborgen Fühlen und der Glaube? Und wenn man ahnt, dass der Körper nicht der „höchste Sinn“ ist, denn er ist vergänglich, er wird zu Staub zerfallen, wenn er „nur“ unsere Wohnung ist, wer oder was wohnt dort und bin das ich? Und was habe ich gemacht mit mir? Habe ich nur den Körper bedient und gehätschelt genaugenommen, all die Jahre, und nun erkenne ich, er ist vergänglich? Und der „Rest“? Ist das das eigentliche, Wesentliche? Und woraus besteht diese Welt und wozu dient all das Trachten und Schaffen? „Mein Haus, mein Auto, meine Jacht, …“. Und das hat dazu geführt, dass wir alle, die gesamte Menschheit jetzt an diesem Punkt stehen.

Macht, Besitz, Geld, Gier, immer mehr, immer schneller, immer größer, immer exklusiver, und alles das am besten für mich! Das ist das Leid und Elend, der Irrtum der Menschheit seit Jahrtausenden. Es schreit aus allen Ecken und Löchern, egal, wohin man schaut. Alles dient diesem Irrtum, und jetzt geht es nicht mehr weiter, so vieles ist zerstört und vernichtet. Und die Zerstörung geht weiter in einem atemberaubendem Tempo und es dauert nicht mehr lange und nichts mehr wird übrig bleiben. Jeder kann es wissen, weil jeder es sehen und fühlen kann! Wir haben komplett den Faden verloren, wir sind komplett „von allen guten Geistern verlassen“! Und da kommt er daher, der Engel. Ein letztes mal vielleicht klopft er an unsere Türe, an unseren gesunden Menschenverstand, an unser Herz und fragt „Hallo? Ist da noch jemand?“

Wollen wir so weitermachen, das letzte Stück? Dem Irrtum weiter folgen, den Lügnern weiter hinterherlaufen, ihnen weiter vertrauen und sie nach Lösungen und Rettung fragen, ausgerechnet die Lügner? Oder wollen wir es noch ausblenden bis zuletzt, weil uns unsere Faulheit und Bequemlichkeit so lieb geworden sind? Oder wollen wir endlich uns abwenden von der Jahrtausende alten Lüge? Wollen wir jetzt einmal danach suchen, was der Irrtum genau genommen eigentlich ist, was uns eigentlich genau genommen geraubt, gestohlen wurde, was man vernichtet hat? Ja, auch wir selbst haben das, weil wir es haben geschehen lassen, weil wir es geduldet haben, mitgemacht haben in diesem bösen Spiel aus Gier. Wollen wir jetzt das Ruder herumreißen und uns fragen, wo sie denn sind, unsere „guten Geister“, die wir davongejagt haben?

Können wir einmal anschauen, wohin uns der Materialismus getrieben hat und an dem wir kleben, als wäre das ein Naturgesetz? Können wir uns einmal wirklich bewußt werden, dass wir seelenlos und geistlos wurden? Das muß nicht so bleiben. Der Engel klopft an. Sie sagen, er sei der Todesengel, das ist er wohl, doch ich denke, er ist auch ein Lebensengel. Er könnte, gerade heute, unser wichtigster und bester Freund sein. „Hallo? Ist da jemand?“ Wer nicht komplett geistlos ist, wer noch Seele und Herz in sich spürt, möge ihm die Türe öffnen, ihn einladen und ihn um Rat bitten. Es ist einfach, sein Rat wird einfach sein, so einfach, dass dieser Rat für jeden Menschen hilfreich ist, für jeden sofort umsetzbar ist. Es ist einfach.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,

Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis

Der Todesengel dient dem Leben. Weil er es End-lich macht. Weil er uns aufruft, aufzuwachen. Weil er uns die Möglichkeit gibt, gerade jetzt, uns zu wandeln. Damit wir nicht mehr unser endliches Leben dazu benutzen, die Früchte des Todes, der Zerstörung, anzubauen, zu hätscheln und an uns zu raffen. Ein grandioser Irrtum! Wir können die Ärmel hochkrempeln, unser Herz öffnen, unseren Geist nutzen, um die Früchte des Lebens auszusäen, zu pflegen und vielleicht, wenn wir noch lange genug Zeit haben, sie zu ernten, um sie mit unseren Brüdern und Schwestern zu teilen.

Das wird unsere Sehnsucht stillen, endlich! Das ist, was Glück ist, der Sinn des Lebens, weshalb wir einmal gekommen sind. Das Leben ist machtvoll. Wir können dem Leben dienen, jetzt damit beginnen. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne….

 

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

4.5.1941 Hermann Hesse

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