Neulich habe ich von einer Frau Ende 30 mit eigenen Kindern den Satz gehört: „Eltern haben für ihre Kinder da zu sein und nicht umgekehrt.“ Da mag sie Recht haben. Doch wenn man den Zusammenhang weiß, kann ich nur noch dazu sagen: „Wißt ihr was, ihr elenden egozentrischen Klugscheißer? In der Zukunft, die ihr gestaltet, will ich gar nicht leben. Und ich hoffe, ich muß auch nicht mehr lang. Ihr habt euch noch nicht einmal verdient, Mensch genannt zu werden. Das kann man nur einfordern, wenn man Hirn und Herz hat.“

Es ging um ihren Vater. Man sprach gerade über ihren Vater, der Mitte 60 ist, gerade schwer erkrankt und seit Wochen im Krankenhaus lag. Er war seelisch am Boden. Und irgendwie in Schockstarre. „Soll er doch Stimmungsaufheller nehmen“ meinte sie noch. Stimmungsaufheller. Wie nett sich das anhört. Bitte zum Abendessen ein kleines kühles Pils! Sie meinte doch nicht etwa Psychopharmaka? Oder doch?

Ach ja, der Vater. Man kann über ihn sagen, was man will. Er steht seinen Mann im Leben, ganz ohne Frage. Und ist immer zur Stelle, wenn die Kinder ihn brauchen. Fährt durch ganz Deutschland, um sie zu besuchen, ihnen bei Umzügen, Renovierungen und Sonstigem zu helfen. Und bekommt von seiner Gattin für alles, was er so will und anstellt, den Rücken freigehalten. Sie stellt keine Ansprüche. Versteht keiner. Fast die Hälfte des Jahres lebt sie sozusagen mit kurzen Unterbrechungen allein, da er beruflich oft im Ausland ist – oder am anderen Ende von Deutschland eben. Meckert nicht, wenn Jahrzehnte lang das Familiengeld in tolle Projekte des Mannes fließen. Das Leben am Existenzminimum ist sie gewöhnt, es macht ihr kaum was aus. Hauptsache, er ist glücklich, da, wo er gerade ist.

Das dankt er ihr natürlich mit großer Wertschätzung und Dankbarkeit, erfüllt ihr sofort ihre kleinen bescheidenen Wünsche. Er kennt sie ja schließlich. Viel will sie nicht. Er muß ihr nichts „bieten“, gar nichts. Nur ab und zu ein wenig Anerkennung und Wertschätzung, sonst nichts. Ebenso dankt er ihr auch die wochenlange tägliche Fürsorge, die paar tausend Kilometer, die sie mit den täglichen Fahrten zur Klinik runtergerissen hat, das leckere Abendessen, das sie ihm gekocht und mitgebracht hat und all das. Auch die seit einigen Wochen laufende häusliche Pflege und das „Rund um die Uhr sich um ihn kümmern“ dankt er ihr. Er weiß genau, dass sie ihre Kräfte längst verbraucht hat und „auf dem Zahnfleisch daherkommt“, körperlich wie seelisch. Auch weiß er, dass sie selbst Schmerzen hat, über die sie nicht klagt. Das Wenige, was er für sie tun kann im Moment, Nötiges oder kleine Freuden, das gibt er ihr ungefragt und mit Freude. Logisch, oder?

Oder?

Oder doch nicht?

Sie bat ihn heute um ein Telefonat, als sie nach Hause kam. Sie wollte nach etwa 1 ½ Jahren letztmalig gern mit ihm in die Dorfwirtschaft. Heute. Oder, wenn nicht möglich oder nicht geöffnet, dort bitte fragen, wann das denn möglich wäre. Das hat er sogar gemacht. Es sei heute nicht möglich. Auf die Frage seiner Frau, wann es denn dann möglich wäre, meinte er nur: „Weiß ich nicht. Ruf doch selber an.“

Die Gemahlin sitzt da nun und fragt sich insgeheim dies und jenes. Hat er all die Jahre eigentlich nichts begriffen? Nicht einmal die letzten Monate? Nichts? Ist das möglich? Sie überlegt, wann sie das letzte mal so eine Art Anerkennung von ihm bekam. So etwas ähnliches wie Wertschätzung. So etwas wie ein von Herzen kommender Dank. Ihr fällt nichts ein. Diese kleine Begebenheit ist nur eine kleine Begebenheit. Sonst nichts. Aber es ist der Zustand, in dem diese Frau lebt. Mit diesem Mann. Nach all dem. Ist das möglich?

Ja. Das ist möglich.

Etwas ist gerade in ihr zerbrochen.

Das ist nicht die Welt, in der ein Mensch, ein fühlendes Wesen also, leben will.

Kleinigkeiten. Kleine Schicksale, die der Welt am Arsch vorbei gehen. Nicht von Belang also. Doch ein Zeichen dafür, was los ist, in dieser Welt. Dass diese Dinge so geschehen können. Und dass es niemanden juckt. Ist halt so. Nicht wahr? Muß man damit leben. Seid halt nicht so empfindlich!

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