In Richard Wagners «Ring des Nibelungen» und „Parsival“, wird die Entwicklung des Menschen zur Freiheit geschildert. Der Autor des unten verlinkten Artikels legt ausführlich dar, daß und wie der „Ring des Nibelungen“ und „Parsival“ auf unsere heutige Zeit übertragbar ist – ja, sogar übertragen werden muß. Die Menschheit könnte daraus viel lernen, so wie es immer ist, bei allen Märchen, Sagen und den großen Geschichten. Diese waren es, die von Generation zu Generation die Wahrheit den Menschen aufzeigte, sie aufrufen sollte zu einem Verstehen und Verhalten, was dem Mensch dient, der Entwicklung, der Gemeinschaft. Immer wird deutlich, dass der Einzelne aufgerufen ist, sich selbst zu wandeln, seine Vernunft anzuwenden, seine Herzenskräfte auszubilden – altmodisch gesagt: zu einem moralisch aufrechten und handelnden Menschen sich zu entwickeln.

Es ist immer eine Selbsterziehung, die sich in den Geschichten aus Not entwickelt. Der Mensch leidet, erkennt seinen Schmerz, erkennt die Ursache und ändert das Falsche in sich zum Guten, um richtig zu handeln, um somit die Not zu wenden. Heute ist die Situation eine andere. Heute ist ein Punkt erreicht, der die gesamte Menschheit vor die Frage stellt, ob sie bestehen oder untergehen will. Es ist so offensichtlich. Es gibt kein Happy End, wenn die Menschheit sich dieser Frage einfach verweigert, Augen und Ohren verschließt wie ein kleines Kind. Doch wie immer kann man das Böse bannen, die Not wenden, und wie immer muß der Einzelne das seine tun – oder auch nicht.

Die Frage ist hier: willst du leben oder willst du sterben? Dabei bezieht sich das Leben und Sterben nicht nur um diese physische Inkarnation. Auch wenn man in der „vom Geist verlassenen“ materialistischen Welt nicht wissen will, dass es um weit höhere Dimensionen geht. Die hier aufgeführten Ausschnitte aus dem genannten gleichnamigen Artikel (siehe Link) zeigen auf, dass das, was wir heute erleben, nichts Neues ist unter der Sonne, jedoch ist ein Punkt erreicht, der unumstößlich kippt in die end – gültige Entscheidung, die jetzt zu treffen ist. Sich zu verweigern ist auch eine Entscheidung.

Sklaven in Wohlbehagen

«Ein Mensch, der nicht merkt, dass er ein gut genährter Sklave ist, wird nicht nach Freiheit streben. Sein Ich, das nur sich selbst bestimmend in Erscheinung treten kann, ist im äußeren Wohlbehagen eines empfangenden Konsumenten erstickt. Er lässt sich als Kreatur, als Objekt behandeln. Fühlt er sich darin auch noch glücklich, wird er gar zum erbittertsten Feind der Freiheit, die seine dumpfe Ruhe gefährden könnte. Er versäumt, ja verrät sein eigentliches Menschsein, seine innere Würde. Vieles in der Gegenwart wird daraus verständlich.»

In ähnlicher Form findet sich dieser Gedanke schon bei Goethe, in Ottilies Tagebuch in den Wahlverwandtschaften: «Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.» Die Entwicklung der Freiheit und ihre gesellschaftliche Realisierung setzen daher das Erfassen und die Erkenntnis des inneren Wesens des Menschen voraus, auf das jeder mit dem Wort «Ich» hindeu-
tet. Wo kommt es her, und was ist seine Bestimmung? Der innere Mensch hat sich im Laufe der Geschichte entwickelt. Innere Entwicklung, die sich im äußeren kulturellen Geschehen ausdrückt, ist der Schlüssel zum Geschichtsverständnis.

…In alten Märchen und Geschichten …

Die heute herrschende Form der äußeren Geschichtserzählung ist noch nicht sehr alt. Ihr ging in allen Völkern das Erzählen volks- und menschheitsgeschichtlicher Vorgänge in mythischen Bildern voraus, die einer Zeit entstammen, in der das Bewusstsein der Menschen nicht auf die äußere sinnliche Welt beschränkt war, sondern im Natur- und Menschenleben noch das Wirken höherer göttlicher Wesen wahrgenommen werden konnte. Diese höhere Erkenntnis wurde schließlich
noch in den alten Mysterienstätten der Völker geschult und gepflegt. Und aus ihnen sind die mythischen Götterund Heldensagen unter das Volk gebracht worden.

Richard Wagner erkannte, dass auch die Sagen der germanischen Mythologie tiefste geistige Entwicklungsvorgänge der Menschheit schildern, die in einzelnen mythischen Helden exemplarisch dargestellt werden.

Wagner versuchte die Welt zu warnen, dass ein rein intellektueller (in Herzenskälte verkopfter) Erkenntnisweg zu einer Katastrophe führen müsse.

In diesem Bestreben stand er nicht allein: Vor ihm hatte kein Geringerer als Goethe sein ganzes Ansehen aufs Spiel gesetzt, als er den Kampf um eine Wiederbelebung der intuitiven Fähigkeiten in das Gebiet der Wissenschaft trug. Und nach ihm brachte Rudolf Steiner seinen Ruf als Wissenschaftler in Gefahr, als er der Welt einen neuen Weg zu objektiver, spiritualisierter Erkenntnis wies. Materialistische Naturerkenntnis allein und rein wissenschaftliche Beobachtung werden uns niemals einen anderen Menschen voll verstehen lassen.

Beim analytischen Studium aller seiner Organe und dem Sezieren der Zellen werden wir keine Spur jenes wahren und wirklich bestehenden Wesens finden, dem allein wir Freundschaft, Liebe und Verständnis entgegenbringen können. In Goethes Faust, Erster Teil, Schülerszene, heißt es dazu:


«Wer will was lebendig’s erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Theile in seiner Hand,
Fehlt leider! nur das geistige Band. »

Siegfried und die Helden

Nur wer die Furcht (Feigheit, Bequemlichkeit) nicht kennt, kann das Ich-Schwert schmieden, sich selbst in höchster Stärke entfalten.

Eine der ältesten Urformen ist das Bild des Schwerts. Es ist mehr als eine Waffe gegen Feinde von Fleisch und Blut. Es stellt Willenskraft dar, die Kraft, die, richtig verwendet, das Böse in unserer eigenen Seele besiegen kann. Seine schmale, leuchtende Klinge ist ein Bild der Sonnenstrahlen, deren Licht die Dunkelheit erhellt. Mit nach unten gekehrter Spitze war es von jeher ein Symbol des Friedens, und es hat tiefe Bedeutung, dass sein Heft die Form des Kreuzes zeigt. In den alten Mysterien galt das Schwert nicht als eine Waffe der Zerstörung, sondern als ein Symbol des Sieges durch Frieden, des Sieges über die Macht des Bösen im Innern und in der Welt.

Will der Mensch frei sein und den Drachen in sich selbst besiegen, so muss er lernen, ein heiliges
Schwert zu führen.

«Nur selbst kann der Freie sich schaffen.»

Der menschliche Wille ist Gottes Gabe, aber er wird nur dann frei, wenn ihn der Mensch im Bilde seines eigenen Ideals neu erschafft.

Später, mit der Änderung des Bewusstseins, wurde (der Drache) ein Symbol dekadenter magischer Kräfte. In jedes Menschen Unterbewusstsein lebt ein Drache, den er überwinden muss, will er nicht den Kräften der Finsternis in seinem Innern zum Opfer fallen.

Siegfried tötet ( in „Ring des Nibelungen“) den Drachen, die furchtbare mystische Gestalt des Egoismus selbst, nicht als bloß konventionell verpackte Eigenschaft in der Seele des Menschen, sondern als nach außen projizierte wesenhafte Gestalt der «Macht an sich», die ihren letzten Sinn in der hasserfüllten Vernichtung alles dessen findet, was außerhalb ihrer steht.

Er (Siegfried, oder der heutige Mensch, der begreifen will und sich für das Leben der Menschheit sich entscheiden will) wandelt die niedrigen Instinkte der Natur in ein Verständnis ihrer höheren Aspekte.

Der Preis für die Freiheit des Menschen ist die Unmöglichkeit, ihren Gebrauch vorauszusehen

Das Böse zu überwinden, das ist Richard Wagners Überzeugung, wird erst dem Menschen möglich, der sich aus der Aktivität seines Ichs heraus mit den Christuskräften vollkommen durchdringt. Ihn stellt er in seinem letzten Werk, dem Parsifal, dar. Das Böse (oder auch: das Unmoralische) ist zugleich untrennbar mit der Freiheit verbunden. Ohne das Böse könnte es keine Freiheit geben (weil das Böse auffordert und zwingt zu moralischem Denken, Fühlen und Handeln. Das Böse wächst entsprechend der Unmoralität des Menschen und der Gesellschaft und weicht der Moralität des erkennenden und sich gewandelten Menschen).

Parsifal – Das Mysterium des Grals

In der Bildersprache mittelalterlicher Chronisten stellte der Kelch oder die heilige Schale das Urbild des Hauptes dar, gewandelt durch Gedanken reiner Liebe. Der Speer war das Symbol der schöpferischen Kräfte, die die Erde vom Kosmos empfängt, und zeugte von der Kenntnis kosmischer und natürlicher Gesetze.

Der Speer der Weisheit, nutzlose Splitter in der Hand von bloßen Sterblichen, konnte nur durch das Opfer Christi wiederhergestellt werden. Die Lanze, die seine Seite durchbohrt hatte, wurde das Urbild einer neuen Weisheit, einer Weisheit, die dem Menschen erreichbar war und die
er fruchtbringend verwenden oder missbrauchen konnte durch die Gabe seines freien Willens.

Wo Licht ist, ist auch Finsternis. In der Nähe der Gralsburg wohnt Klingsor, der von dem brennenden Wunsch beherrscht wird, ein Ritter der Bruderschaft zu werden. Doch statt den langen mühevollen Weg der Selbstüberwindung zu gehen, sucht er sein Ziel durch eine Gewalttat
gegen die Natur zu erreichen.

Doch die Macht des Bösen kann durch Waffengewalt allein nicht überwunden werden.

Einst hatte Parsifal den enthüllten Gral geschaut, hatte die Qual des gemarterten Königs Amfortas
erlebt – und hatte geschwiegen. Doch tief in sein Herz war ein Samen gefallen, ein Samen des Staunens über das Wunder, das er geschaut, und des Mitleids mit dem gequälten König.

Das Ziel der heilsamen Entwicklung des Menschen ist die Erweiterung seiner Selbstheit, bis sie die äußere Welt umfasst. Wer unfähig wird oder ist, selbstsüchtige Wünsche zu befriedigen, solange andere seiner Hilfe bedürfen, der ist wahrhaft menschlich.

Das erlebt nun Parsifal. Das Mitleid durchbricht die Grenzen seines eigenen Selbst. Amfortas wird Teil seiner eigenen Erfahrung. Dessen Wunde brennt in seinem Fleisch, und sein Herz fühlt die Qual der ungesühnten Schuld des Königs.

Nur wenig Phantasie ist nötig, um in Parsifal den wiedergekehrten Siegfried zu sehen (der es zu seiner Zeit noch nicht ganz vollbrachte), gereinigt durch sein Leiden und gereift durch sein Versagen.

Als Parsifal nach mühevoller Wanderung und unzähligen Leiden endlich den Weg zurück zum heiligen Bezirk des Grals findet, hat er die Reife erreicht, die ihn Gurnemanz’ Worte über die
Natur verstehen lässt: «Ihn selbst am Kreuze kann sie nicht erschauen: Da blickt sie zum erlösten Menschen auf.» Parsifal, der Held der Zukunft, muss der Erlöser der Natur werden, sie nicht nur verstehen, wie es der junge Siegfried vermochte.

Parsifal ist daher der verchristlichte Siegfried, der nach seinen Wegen durch die Taten und Leiden des Erdentales die Verhärtungen des Egoismus überwunden hat und ein «aus Mitleid und Liebe Wissender» geworden ist, der dem Mensch gewordenen Gott als freier Mensch gegenübersteht. Christus hat es selbst prophetisch ausgesprochen: «Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn
der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, das habe ich euch zu erkennen gegeben» (Joh. 15,15).

Die Besinnung auf diese tiefen Fragen des Menschseins ist – anders als vielleicht mancher glauben mag – von großer Bedeutung für das alltägliche Leben. Wer sich nicht als ein Knecht Gottes empfindet, wird es im staatlichen und wirtschaftlichen Leben erst recht nicht hinnehmen, ein Knecht anderer Menschen zu sein. Er wird Gemeinschaftsformen freier Menschen anstreben, jenseits von zerstörerischem Egoismus, von Macht (und chaotischer „Anarchie“ ohne Regeln). Sie
sind keine Utopie, sondern als Entwicklungsziele im Menschen tief begründet.

«Aus dem entehrenden Sklavenjoche des allgemeinen Handwerkerthums mit seiner bleichen Geldseele wollen wir uns zum freien künstlerischen Menschenthume mit seiner strahlenden Weltseele aufschwingen; aus mühselig beladenen Tagelöhnern der Industrie wollen wir Alle
zu schönen, starken Menschen werden, denen die Welt gehört als ein ewigunversiegbarer Quell höchsten künstlerischen Genusses.»

Es empfielt sich, den verlinkten Artikel zu lesen, dort sind auch alle Zitate und Quellenangaben zu finden und nachzuprüfen, die ich zwecks flüssiger Lesbarkeit weggelassen habe.

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