Die tapferen Taten in den alten Geschichten und Liedern, Abenteuer, wie ich sie immer nannte. Ich glaubte, das wären Taten, zu denen die wundervollen Leute in den Geschichten sich aufmachten und nach denen sie Ausschau hielten, weil sie es wollten, und weil das aufregend war und das Leben ein bißchen langweilig, könnte man sagen. Aber so ist es nicht bei den Geschichten, die wirklich wichtig waren oder bei denen, die einem im Gedächtnis bleiben. Gewöhnlich scheinen die Leute einfach hineingeraten zu sein – ihre Wege waren nun einmal so festgelegt. ….“ (aus: Der Herr der Ringe, Sam Gamdschie spricht zu Herrn Frodo).

Ja, und es scheint so, als seien wir alle jetzt in eine Geschichte hineingeraten. Und dies ist eine Geschichte, in der jeder, der sich auch noch so für gewöhnlich oder unscheinbar hält, gebraucht wird. Die echte Geschichte des Lebens am Scheidepunkt. Schau dir die Dramturgie an und schau, wo du dich befindest und was nun ansteht. Und von jedem Helden wird nur das gefordert, was er mit all seiner Kraft zu bieten hat. Nicht mehr und nicht weniger. Und niemand kann durch einen anderen ersetzt werden. Geht nur einer um ein Winziges fehl, wird es mißlingen.

Dramaturgie entschlüsselt alles

Jedes Drehbuch folgt einer Erzählstruktur. Kommt dir diese bekannt vor?

Die zwölf Stationen der Heldenreise

1. Die gewohnte Welt: Sie ist unzureichend, brüchig, fremd und langweilig. Der Held ist ein blasser Niemand ohne eigenes Profil, jemand, der noch nicht weiß, was in ihm steckt und wozu er berufen ist. In dieser Welt gibt es keine Entwicklung und Veränderung, sondern nur Beharren und Stillstand, nur die mehr oder minder erträgliche Dauer der alltäglichen Misere.

2. Der Ruf des Abenteuers: Die Situation drängt auf Veränderung. Eine Person, ein Umstand, ein Ereignis tritt als Herold des Abenteuers auf und die gewohnte Welt wird brüchig. Der Held wird mit einer persönlichen Aufgabe konfrontiert, die er bewältigen muss.

3. Die Weigerung: Veränderung erfordert Abschiede. Der Held muss Menschen, Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, Sicherheiten aufgeben. Er muss die Schwelle zum Abenteuer überschreiten. Doch die Schwelle wird bewacht: Von Menschen, Umständen, Gefühlen, Gedanken, von Kräften des Verharrens im Stillstand. Die Schwellenhüter stehen für alles, was den Helden an die gewohnte Welt bindet. Dazu gehören auch innere Ängste, Verzagtheit und das Misstrauen in die eigene Berufung.

4. Begegnung mit dem Mentor: Der Auftritt des Mentors bringt die Geschichte in Schwung. Er zeigt sich als weiser, uneigennütziger Lehrer, er drängt den Helden zum Aufbruch, beschützt, führt, lehrt, prüft und trainiert ihn, steuert Wissen, magische Gaben und Werkzeuge bei.

5. Das Überschreiten der ersten Schwelle: Aus dem Wunsch nach Veränderung wird die Bereitschaft zur Veränderung. Der Held ist entschlossen, gewohnte Bindungen, Annehmlichkeiten und Sicherheiten hinter sich zu lassen. Er folgt dem Ruf seiner Bestimmung und überschreitet die Grenze zur Welt des Abenteuers.

6. Prüfungen, Verbündete und Feinde: Der Held wird vor erste Bewährungsproben gestellt, erleidet Rückschläge und entdeckt neue Fähigkeiten. Er trifft dabei auf Verbündete und Freunde, die ihn auf seiner Reise begleiten. Zugleich erkennt er, worin seine Aufgabe besteht und wer sein größter Feind ist.

7. Das Vordringen bis zur tiefsten Höhle: Nach einer Phase des Lernens ist der Held bereit, nun ganz allein auf sich gestellt seinem ärgsten Widersacher zu begegnen. Um die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen und in eine neue Existenz durchzubrechen, muss er mitten hinein in die Gefahr, mitten hinein in die tiefste Höhle des Bedrohlichen, wo sich sein Gegner verschanzt hat.

8. Die entscheidende Prüfung: In der tiefsten Höhle trifft der Held auf seinen Gegner. Das kann eine Person, ein gefährliches Wesen oder ein Geschehnis, aber auch der innere Feind, ein Schatten der Vergangenheit, eine Erinnerung, ein hartnäckiges Selbstkonzept sein. Um seinen Erzfeind zu überwinden, muss der Held alles aufbieten, was er auf seiner Reise gelernt hat. Der Kampf führt ihn an den Rand der Niederlage, er durchlebt seine “zentrale Krise”. Mit allen neu erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten ringt er seinen Gegner schließlich nieder. Dieser Sieg ist letztlich auch ein Sieg über das alte “vorheldische” Ego und bestätigt die innere Verwandlung des Helden.

9. Die Belohnung: In der tiefsten Höhle nimmt der Held ein Gut von besonderem, oft symbolischen Wert an sich, das den Sieg dokumentiert und die Macht des Feindes bricht: Einen Schatz etwa, ein Schwert, einen mächtigen Gegenstand oder ein kostbares Wissen.

10. Der Rückweg: Der Held ist dem Tod entronnen und ein neuer Mensch geworden. Seine Arbeit ist getan, er entschließt sich zur Rückkehr in die gewohnte Welt.

11. Auferstehung: Doch der Feind ist noch nicht endgültig besiegt. Der totgeglaubte Gegner sammelt seine Kräfte, um den Helden ein letztes Mal zu prüfen. Ein finaler, siegreicher Kampf bestätigt die Läuterung des Helden. Er ist tatsächlich über sein altes Ich hinausgewachsen, die dunklen Mächte sind endgültig vernichtet. Die Verwandlung des Helden ist abgeschlossen, sein neues Ich hat sich stabilisiert.

12. Rückkehr mit dem Elixier: Außer der Belohnung bringt der Held als zusätzliches Zeichen seines endgültigen Sieges etwas mit, das Campbell als “Elixier” bezeichnet. In diesem symbolischen Gut konzentriert sich die Essenz der Heldenreise. Daher besteht das Elixier meist in einem tieferen, lebenspendenden Wissen, in einem Erfahrungsschatz, den der Held an die Menschen der gewohnten Welt weitergibt.

Die Großen Geschichten

Sam Gamdschie spricht weiter, und damit hat er wohl recht. Wir sind in dieser Geschichte. In der größten Geschichte. Werden wir ausweichen oder werden wir diesen Weg zu Ende gehen?

Aber ich nehme an, sie hatten eine Menge Gelegenheiten umzukehren, nur taten sie es nicht. Und wenn sie es getan hätten, dann wüßten wir es nicht, denn dann wären sie vergessen worden. Wir hören von denen, die einfach weitergingen – und nicht alle zu einem guten Ende, wohlgemerkt; und nicht zu dem, was die Leute in einer Geschichte und nicht außerhalb ein gutes Ende nennen. Du weißt schon, nach Hause kommen und feststellen, dass alles in Ordnung ist, wenn auch nicht ganz wie vorher. Aber das sind nicht immer die besten Geschichten zum hören, obwohl sie die besten Geschichten sein mögen, in die man hineingeraten kann! …. Wenn man sich das überlegt, dann sind wir ja immer noch in derselben Geschichte! Sie geht noch weiter! Hören denn die großen Geschichten niemals auf?“

Aufrufe: 44