Man könnte ja aufgeben. Wozu all die Bemühungen, den Menschen zu helfen, die sich gar nicht helfen lassen wollen? Wozu das ständige Aufzeigen der Wege, die man gehen könnte, um diese Hölle hier hinter sich lassen zu können? Wozu all die Angebote, wozu das Hand reichen jenen, die in der Not drin stecken?

Manchmal ist man müde von all dem, man hat es satt. Vor allem die Prügel, die man ständig dafür einstecken muß, sind wirklich kaum noch verdaulich. Da sitzen die lieben Mitmenschen vor der Glotze und lassen sich damit kaputt machen. Gleichzeitig unterstützen sie damit und mit ihrer Weigerung, die Wahrheit zu hören, dieses System des Terrors gegen die Menschlichkeit, unter der auch wir nach wie vor zu leiden haben. Warum sollte man ständig denen helfen, die dafür verantwortlich sind, dass es immer noch kein Ende in Sicht gibt?

Ich weiß es nicht. Und oft bin ich müde davon. Und manchmal bin ich zornig auf sie. Doch so lange ich keinen anderen Weg weiß, muß ich eben diesen Weg gehen, auch wenn ich zwischendurch eine Pause brauche. Habe ich nicht versprochen diesen Weg zu gehen und dem Christus nachzufolgen? Er würde sich nicht absetzen in ein nettes fernes Urlaubsland und es sich gut gehen lassen, während es hier in der Heimat so schlimm aussieht wie seit Menschengedenken wohl nicht.

Wer den Herzensweg gehen will, und das ist nun einmal der Christus, kommt an diesen Gedanken nicht vorbei. Vielleicht ist es einfach Fürsorglichkeit, immer wieder weiterzumachen. Das bedeutet eben, sich zu kümmern, sich verantwortlich zu fühlen, sich um das Wohl der Mitmenschen zu sorgen.

Der Beitrag eines jenden Einzelnen, der sich noch nicht verlaufen hat oder gerade dabei ist, wieder auf den richtigen Weg zu kommen, muß nicht groß sein. Es genügt zuerst doch sowieso, nichts Falsches zu tun. Und nach und nach tut man zusätzlich einfach immer mehr von dem, was richtig ist. Es wird Gelegenheiten geben, dies ab und zu mal jemand anderem zu vermitteln. Und schon hat man einen großen Beitrag geleistet. Man muß nur einfach das einmal bewußt beginnen und diesen Weg weitergehen. Wer darauf wartet, den Mut zu finden, um einmal eine Heldentat zu vollbringen, der wird nie in die Tat kommen. Der wird wohl ewig warten.

Wenn viele Wesen viele kleine fürsorgliche Dinge für die Wesen tun, entsteht das Paradies, welches wir uns alle wünschen.

Mit manchen Bemühungen erreichen wir viel, mit anderen wieder etwas weniger – oder: wir wissen es gar nicht, wie groß unser Erfolg ist, wie viele Früchte unserer Arbeit es tatsächlich gibt! Ich weiß nicht, ob die Leser meiner Artikel hier sich dadurch auf den Weg gemacht haben. Ob sie damit begonnen haben, die naturgesetze zu beachten, Falsches zu vermeiden und Richtiges zu tun. Oder noch einiges dazu, ob sie in die Tat gekommen sind, für das Licht, für die Wahrheit. Das weiß ich nicht. Vielleicht habe ich nur einen Einzige erreichen können bisher. Doch auch das kann kostbar sein. Christian Morgenstern hat es aufgeschrieben. Und daran kann man erkennen, dass sich alles lohnt.

Ich hatte mich im Hochgebirg verstiegen.

Die Felsenwelt um mich, sie war wohl schön;

doch konnt ich keinen Ausgang mir ersiegen,

noch einen Aufgang nach den lichten Höhn.

Da traf ich Dich, in ärgster Not: den Andern!

Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut.

Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern,

und siehe da: Das Schicksal war uns gut.

Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam

empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand.

Der Steig war steil, doch wagten wir´s gemeinsam …

Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.

Mag sein, wir stehn an unsres Lebens Ende

noch unterm Ziel, – genug, der Weg ist klar!

Daß wir uns trafen, war die große Wende.

Aus zwei Verirrten ward ein wissend Paar.

Christian Morgenstern

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