Die Werte des Patriarchats wie Hierarchie, Spaltung und Rationalismus müssten dringend abgelöst werden — nun kehren sie mit Macht zurück.

von Roland Rottenfußer , ganzer Artikel: https://www.hexen-heuler.de/das-ewig-maennliche/

„…Wenn man sich an die Debatten der letzten Jahrzehnte erinnert, reibt man sich die Augen. Waren wir da nicht schon weiter? Von einem Übergewicht der „männlichen“, logischen gegenüber den „weiblichen“, intuitiven Fähigkeiten war in der spirituellen und psychologischen Literatur viel die Rede gewesen. Die Fähigkeiten der linken Gehirnhälfte überwiegen gegenüber den Qualitäten der rechten. Analog dazu hält das Patriarchat noch immer die meiste Macht in seinen Händen — inklusive so fragwürdiger „männlicher“ Errungenschaften wie Krieg, Konkurrenzdruck, Kapitalakkumulation, Vergewaltigung der Natur und materialistischer Wissenschaft. Wie viele haben von Harmonisierung des männlichen mit dem weiblichen Prinzip geträumt.

…In M. Night Shyamalans Fantasy-Film „Das Mädchen aus dem Wasser“ wird ein Mann gezeigt, der nur die eine Seite seines Körpers trainiert hat. Schenkel und Arme sind auf der einen Seite angeschwollen wie bei einem Bodybuilder; auf der anderen Seite sind alle Gliedmaßen dünn und schwächlich. Diese groteske Figur könnte symbolisch für die Einseitigkeit stehen, mit der wir Menschen seit Jahrhunderten unsere Fähigkeiten ausprägen. …

… Die Fähigkeiten der linken Gehirnhälfte — Ratio, Logik, diskursives Denken — sind übermäßig ausgeprägt, die der rechten — Gefühl, Intuition — oft geradezu verkümmert. Es wäre höchste Zeit, einen Ausgleich herzustellen. Doch der Teufel steckt nicht nur im Detail, er sch… immer auf den größten Haufen. Das Ungleichgewicht scheint sich immer noch mehr zu vergrößern….

… rationale Erkenntnis galt mehr als intuitive Weisheit, Wissenschaft mehr als Religion, Konkurrenz mehr als Kooperation, Ausbeutung von Naturschätzen war wichtiger als ihre Bewahrung, und so weiter.

….Diese Betonung … noch unterstützt durch das patriarchalische System und weiter ermutigt durch die Vorherrschaft der auf rationaler Evidenz beruhenden Kultur während der vergangenen Jahrhunderte, hat zu einem tiefgreifenden kulturellen Ungleichgewicht geführt, das seinerseits die Wurzel unserer heutigen Krise ist. Das mangelnde Gleichgewicht betrifft unser Denken und Fühlen, unsere Wertvorstellungen und Verhaltensweisen sowie unsere gesellschaftlichen und politischen Strukturen.“….

Sehr schön kann man das Ungleichgewicht von Yin und Yang (weiblich und männlich) anhand dreier Begriffe demonstrieren, die sowohl der psychologisch-spirituellen, als auch der politisch-ökonomischen Sphäre zugehören: „Licht“, „Wachstum“ und „Wille“.

Das Ideal des „Lichts“ dominiert sowohl in der Spiritualität als auch in Philosophie und Wissenschaft. Begriffe wie „Erleuchtung“ oder „Aufklärung“ zeugen davon. Sie suggerieren, dass das Helle besser sei als das Dunkle, der Tag besser als die Nacht, die Sonne besser als der Mond, das Bewusste besser als das Unbewusste. Ebenso verhält es mit dem Begriff „Erwachen“ … Was ist eigentlich so erstrebenswert am Wachsein, was so schlimm am Träumen und Schlafen? Ist es die Hingabe, der Verlust an Kontrolle, den männlich dominierte Spiritualität so fürchtet? …

Ein weiteres Beispiel für Männerdominanz im herrschenden Zeitgeist ist der Wachstumsbegriff: Die patriarchalisch geprägte Ökonomie liebt Wachstumskurven, .. Wohin diese Wachstumsideologie geführt hat, können wir anhand des Schuldenwachstums und des bedrohlichen Überhandnehmens von Umweltzerstörung beobachten. Dem archetypisch Weiblichen ist dagegen ein rhythmisches Empfinden eigen. Statt der als unendlich gedachten Aufwärtsentwicklung bejaht dieses das rhythmische Auf und Ab der Entwicklungslinien wie wir es bei den Mondphasen und beim Wechsel der Jahreszeiten finden.

Spezifisch männlich ist auch eine einseitige Philosophie des Willens und — daraus abgeleitet — der Verantwortung. Eine vereinseitigte Philosophie des freien Willens hat zunächst den psychologischen Reiz, dass durch sie alles machbar und manipulierbar erscheint …. , wobei die Betonung auf der Kraft des Willens und auf der Fiktion eines separaten „Ich“ liegt.

Empfänglichkeits-Spiritualität gleicht dagegen der nach oben offenen Schale — dem Gral —, die die herabströmende Gnade in sich aufnimmt, so wie auch die Erde den Regen in sich aufsaugt. Die menschliche Seele — auch die des Mannes — ist in vielen Kulturzeugnissen als weiblich dargestellt worden… Gott tritt als der „Geliebte“ auf, der von der „Braut“, der Seele, sehnsüchtig erwartet wird.

Der große chinesische Weise Laotse rät dem Politiker daher, den Staat „aus dem mütterlichen Prinzip heraus“, zu regieren. Das meint vor allem das Gesetz des Ausgleichs: „Der Weg des Himmels ist wie ein gespannter Bogen: Das Hohe drückt er nieder, das Tiefe hebt er hoch.“ …Es meint aber auch Gnade, Bescheidenheit und Vertrauen.

Das mütterliche Prinzip

  • schwingt harmonisch mit den Zyklen der Natur. Unnatürliches Wachstum und die Vergewaltigung des Natürlichen sind ihr fremd.

  • versucht einfühlsam zwischen verschiedenen Interessen zu vermitteln, statt einen aufreibenden Wettkampf um größtmögliche Härte, Stärke und Durchsetzung zu inszenieren.

  • verschenkt großzügig und uneigennützig und gesteht jedem Wesen ein uneingeschränktes Recht auf Leben zu.

  • wünscht, dass die überlebenswichtigen Güter wie Boden, Wasser, Luft und Nahrungsmittel nicht wenigen gehören, sondern allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.

  • denkt vor allem mit dem Herzen und misst Fantasie und Intuition eine größere Bedeutung zu als Logik, Berechnung und Sachzwang.

.Die Werte des Patriarchats wie Hierarchie, Spaltung und Rationalismus müssten dringend abgelöst werden…

Mütter im Fokus

Aber sind das nicht idealisierende Wunschvorstellungen? Gibt es historische Beispiele an denen man ablesen kann, wie Gesellschaften funktionieren, bei denen „Mütter im Fokus“ sind? Heide Göttner-Abendroht, die wahrscheinlich bekannteste lebende Matriarchats-Forscherin, hat zusammengetragen, was wir über historische „Matriarchate“, aber auch über die wenigen überlebenden matriarchalen Kulturen wissen. …

Göttner-Abendroths Grundthese lautet: Eine „Frauenherrschaft“ als bloße Umkehrung patriarchaler Machtverhältnisse hat es nie gegeben. Genauer müsste man von „matrifokalen“ oder „matrizentrischen“ Gesellschaften sprechen. Und die könnte man eher als „herrschaftsfreie Gesellschaften“ denn als Mütter-Diktaturen bezeichnen. Matrifokale Gesellschaften zeichnen sich durch eine Reihe von Merkmalen aus, die an politischer Brisanz nichts zu wünschen übriglassen.

…. „Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate Ausgleichsgesellschaften. Ihre Ausgleichsökonomie lässt keine Unterschiede zwischen Arm und Reich aufkommen, stellt aber einen gemäßigten Wohlstand für alle her. Das Gegenteil der Ausgleichsökonomie ist die Akkumulationsökonomie in patriarchalen Gesellschaften. Darin behalten die durch Waffen, Geld und Wirtschaftsstrukturen wenigen Mächtigen den Großteil der vorhandenen Güter für sich, die sie durch direkten oder indirekten Zwang der Mehrheit der Menschen weggenommen haben.“

Statt als Herrscherin fungiert die Matriarchin eher als Verwalterin des Gemeinschaftsbesitzes:

„Alle diese Güter, von den Mitgliedern eines Clans erworben, werden in die Hand der Matriarchin des Clans gegeben. Durch das Sammeln an einer Stelle ist der Überblick garantiert. Sie sind damit aber nicht der ‚Besitz’ der Matriarchin, sondern sie verwaltet sie nur, indem sie die zum Leben notwendigen Güter an alle Mitglieder des Clans gleichmäßig und gerecht wieder verteilt. Die Überschüsse werden, nach gemeinschaftlicher Beratung des Clanrats, von ihr für besondere Ausgaben eingesetzt.“

„Angelegenheiten, die das Clanhaus betreffen, werden von den Frauen und Männern in einem Prozess der Konsensfindung, d.h. durch Einstimmigkeit, entschieden. Dasselbe gilt für Entscheidungen, die das ganze Dorf betreffen: Nach dem Rat im Clanhaus treffen sich Delegierte der einzelnen Clanhäuser im Dorfrat. Sie sind keine Entscheidungsträger, sondern nur Delegierte, die miteinander austauschen, was die einzelnen Clanhäuser beschlossen haben.“

…„Es ist klar, dass sich in einer solchen Gesellschaft weder Hierarchien und Klassen noch ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern oder den Generationen bilden können. Auf der politischen Ebene definiere ich Matriarchate daher als egalitäre Konsensgesellschaften. Patriarchate sind demgegenüber grundsätzlich Herrschaftsgesellschaften, sogar noch in ihrer Spielart als formale Demokratien.“

Zu den wichtigsten — und auch politisch folgenreichsten — Merkmalen der Matriarchate gehört die organische Verbindung von erdverbundener Weltlichkeit und Spiritualität. Matriarchate waren auf natürliche Weise „tiefenökologisch“ orientiert… Man beziehungsweise frau betrachtete die Natur nicht ausschließlich von ihrem Nutzen für den Menschen und von ihrer Ausbeutbarkeit durch den Menschen her. Umwelt war für naturnahe Völker mehr als eine riesige Maschine, die es zu warten und, falls Schäden entstanden sind, zu reparieren gilt. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Verbundenheit und Göttlichkeit allen Lebens….

…Die Forscherin leitet aus ihren Erkenntnissen einige konkrete politische Utopien ab, die ich hier nur kurz aufliste.

  • Subsistenzwirtschaft — Wirtschaften in regionalen und lokalen Einheiten. Kein weiterer Ausbau der Großindustrie und des materiellen Lebensstandards

  • Der „Atomisierung“ bzw Vereinsamung in der Gesellschaft entgegenwirken durch Bildung wahlverwandter Gemeinschaften — Lebensgemeinschaft, Nachbarschaftsgemeinschaft und Netzwerk

  • Konsensprinzip auf dem Gebiet der politischen Entscheidungsfindung

  • Das politische Ziel sind autarke Regionen, nicht größere Verbände wie Nationen, Staaten-Unionen und Supermächte. Internationale Kontakte werden dennoch durch Vernetzung — „Schwester-Regionen“ — gepflegt

  • Abschied von hierarchischen Religionen mit absolutem Wahrheitsanspruch. Alles wird auf egalitäre, freie Weise geehrt und gefeiert, weil alles heilig ist

     

… Kulturen, in denen die Mutter nicht geehrt und meist ein strenger Vatergott verehrt wird, produzieren deshalb Überfluss auf der einen, wirtschaftliche Not auf der anderen Seite.

…Es ist klar, dass das Defizit an „Yin-Energie“ nicht durch mehr Frauen an der Macht kompensiert werden kann, solange diese Frauen überwiegend „Yang-Tugenden“ wie Härte, Durchsetzungsfähigkeit und Rationalität verkörpern.

…Andererseits ist es auch kein Zufall, dass unsere Yang-Welt überwiegend von Männern für Männer errichtet wurde. Männer sollten nicht das „weibliche Prinzip“ verehren, während es ihnen gleichzeitig egal ist, wie konkrete Frauen in der Gesellschaft behandelt werden.

…Nur wenn Frauen diesen Klammergriff einseitig männlicher kultureller Propaganda abschütteln und zu sich selbst finden, könnten wir überhaupt beurteilen, was eine Kultur „weiblicher Energie“, getragen von Frauen für Frauen, konkret bedeutet würde. Und nur wenn Männer sich diesem Zustrom weibliche Energie nicht in den Weg stellen, ihn sogar fördern, können wir ein Gleichgewicht herstellen, das die Bezeichnung Synthese wirklich verdient.

…Allmählich müsste die Menschheit zu einer Mitte zurückkehren, in der Weibliches und Männliches einander gegenseitig ergänzen und befruchten.

Nichts gegen Männer — Sie werden überrascht sein zu hören, dass ich selber einer bin. Jedoch gilt in Umkehrung des Satzes von Goethe: Das ewig Männliche zieht uns hinab. Lassen wir uns nicht runterziehen!

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