Tagebuch, Teil 10. Die dicken Ordner reihen sich traurig und düster in meinem Regal. Es ist zum Heulen, falls man die Kraft zum Heulen überhaupt aufbringt. Eine Freundin berichtet mir, die Menschen würden so langsam verzweifeln, still und leise, natürlich, und so mancher würde in der Psychiatrie verschwinden. Ich bin nicht so viel mit Leuten zusammen, habe wenig Kontakte, sozusagen. Das wenige, was ich beobachte in meinem kleinen Umfeld ist: man gewöhnt sich. Es ist inzwischen „Neu-Normal“. Das, was jetzt ist, wird schon als normal erlebt, gelebt, man redet nicht mehr „darüber“ und führt eben das Leben eines unterworfenen Sklaven, redet es sich schön oder redet eben nicht und bastelt an seiner kleinen Freiheit im Verborgenen und an seinem kleinen Lebensglück.

Da genügt ein Blick von meinem Balkon oder aus den Fenstern meiner Wohn – Haft – Anstalt namens zu Hause. Zur einen Seite hinaus wird seit letztem Sommer ein riesengroßer Pool gebaut. In weiser Voraussicht, denn es wird keine Reisen mit der Familie mehr geben. Das Kind hoppelt auf einem großen Holzpferd herum und ich bekomme beim Zuschauen schon Kopfschmerzen, frage mich, wann das Kind eigentlich mit Gehirnerschütterung vom Gaul fällt bei all den Stößen vom Becken über die Wirbelsäule bis in den Kopf. 50 Meter weiter stehen echte Gäule auf einer staubigen oder sumpfigen Koppel, je nach Witterung, und langweilen sich, da sie sich kaum bewegen können jahraus, jahrein. Wir sind hier immerhin auf dem Dorf. Drehe ich den Kopf ein wenig, sehe ich die anderen Nachbarn, die, wie vor Corona, vor dem Haus sitzen und daddeln, während das kleine Kind im Kinderwagen daneben schreit, weil keiner es anschaut. Die Wirtschaft vorne an der Strasse ist dauergeschlossen, was nichts ausmacht, denn man ist schon lang gut versorgt, die wegfallenden Einnahmen sind gar nicht nötig.

Zur anderen Seite aus dem Fenster geschaut sehe ich die anderen Nachbarn, mit dem Geburtstagsbesuch, der Tisch steht im Freien auf dem gepflasterten Hof vor dem Haus natürlich, man sitzt mit Abstand natürlich. Das Glück des Jahres ist der neue Wagen des Herren, welcher nun 82 Jahre alt wurde. Wegen Corona – bedingter Lieferschwierigkeiten mußte man in 2020 immerhin fast ein dreiviertel Jahr länger darauf warten. Stolz wird nun den Gästen vorgeführt, was der Wagen alles kann: auf Knopfdruck hinten öffnet sich die Heckklappe, die Rücklichter blinken dazu. Doch man kann die Klappe auch vom Cockpit aus bedienen. Klappe auf, Lichter, Klappe zu, Lichter, Klappe auf…. Das Leben ist schön!

Zur anderen Seite die anderen Nachbarn. Erwachsene Kinder kommen ab und zu zu Besuch. Immerhin. Dahinter der Spielplatz am Waldrand. Junge Familien fahren mit ihrem Van vor, zwei Eltern, ein Kind purzeln heraus, spielen ein wenig, fahren dann wieder weiter. Auf meinen Spaziergängen ums Dorf herum, zwischen den Feldern, begegne ich nun auch Fahrradfahrern bei ihrem Ausflug mit Maske im Gesicht. Bei meinen wenigen Fahrten ins Nachbardorf, zum Einkaufen etwa, kommen mir Fahrzeuge entgegen, worin Menschen sitzen, einzeln, mit Maske im Gesicht. Neulich habe ich meinen Mann gefragt, den ich meistens zum Einkaufen schicke, weil Männer kein Maskentheater erdulden müssen, man hat da noch etwas Respekt, Frauen werden einfach nur angegriffen und fertiggemacht, ob ihm eigentlich in all den Monaten im Laden mal jemand ohne Maske begegnet wäre. Nein, das sei ihm noch nie passiert, er wäre immer der einzige.

In den Widerstands-Daddel-Kanälen kopiert der eine vom anderen die Nachrichten, dazwischen jede Menge lustige oder perverse Bilder oder Weisheits-Sprüche. Es gibt Leute, die verbringen ihre Lebenszeit damit, solche Bilder herzustellen. Sie bezeichnen das vielleicht als Kunst.
Oder als Widerstandsarbeit. Und sie senden das im Internet in die Welt, damit ein jeder erkenne, was man für eine Leuchte ist, wie revolutionär man ist und damit sich die Menschen daran laben.

Und es gibt Leute, die verbringen ihre Lebenszeit damit, nach solchem im Internet zu suchen, um andere damit zu beglücken. Sie bezeichnen das als ihren Beitrag zum Widerstand. Sie sind davon überzeugt, das würde einen Vernichtungskrieg stoppen. Sie denken, damit hätten sie ihren Beitrag geleistet.

Ich freue mich auch ab und zu, wenn ich mal was zum Lachen habe zwischendurch.
Und wenn ein Bild einmal mehr erklärt als Tausend Worte, schicke ich das dann sogar mal weiter. Doch hoffe ich, dass ich niemals so weit komme, um sowas, so eine Sammlung an “nichts” als Wochenleistung zu verbreiten, wie kürzlich gesehen. Es zeigt deutlich, was sich jemand wählt als Lebensaufgabe. Das ist, was ich als Daddeln als Widerstand bezeichne. Entweder wird gejammert oder gefordert oder es werden „lustige“ Bilder oder kluge Sprüche verbreitet. Das traurige ist: sie merken es gar nicht mehr. Die Tatsache ist: Sie nennen sich „erwacht“, während sie über die anderen sagen, diese würden noch schlafen. Was werden die anderen tun, wenn sie erwachen? Spielen?

Wir befinden uns in einem Vernichtungskrieg. Die Menschheitsentwicklung und die Menschheit stehen auf der Kippe. Und ich sehe, was Menschen in dieser Zeit tun. Man hat die Menschheit perfekt vorbereitet: man hat sie dermaßen verblödet und entmenschlicht, dass sie es offenbar nicht anders wollen, als vernichtet zu werden. Sie bemerken es ja nicht einmal mehr. Können diese Figuren noch eine Menschheitsentwicklung machen? Womit denn nur?

„Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick. Die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele; schlimmer als die materielle Sklaverei ist die spiritualisierte. Man muß die Deutschen von innen befreien, von außen hilft nichts.“ (Heinrich Heine)

Das war der kluge Spruch von heute auf den Kanälen. Da sitze ich mit diesem Spruch und frage mich, weshalb man ihn herumschickt. Wo ist nun die Lösung? Was ist der Nährwert? Wer ist „man“, der nun die Deutschen von innen befreit und wie macht er das? Bloß, der Deutsche will von seiner Daddelkiste gar nicht befreit werden, von seinen Spielsachen. Der Deutsche fühlt sich erst da wahrhaft frei, wo er daddelt. Der Deutsche, und nicht nur der, hat eventuell kein Innen. Es gibt vielleicht nur das Materielle und das Äußere. Es gibt nur den Pool, das neue Auto, Klappe auf, Klappe zu, Lichter blinken, auf Knopfdruck. Das ist Macht! Niemand kann von außen oder von einem anderen „innen“ befreit werden. Das muß ein jeder selbst tun. Doch allein, er mag nicht, er mag es auch nicht hören oder lesen. Er mag daddeln. Das ist ein weltweites psychopathologisches Problem. Und nicht erst seit gestern.

Bestimmt gibt es viele, ganz viele, die ihre innere „Arbeit“ tun, die soweit „erwacht“ sind, dass sie erkennen, wie die Menschheit sich selbst und freiwillig in diesen Zustand brachte, dies alles ermöglichte. Welche, die ihr Leben und ihr Selbst – und Weltbild deshalb, aus dieser Erkenntnis heraus verändern, die sich neue Qualitäten aneignen, im Stillen. Die die alten zerstörerischen Muster loslassen, Stück für Stück. Die gibt es. Bestimmt.

Das nennt man, glaube ich, dynamische Wahrheit. Dabei schaut man wohl eher auf das, was werden könnte, als auf das, was ist.

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